Finanz-Trend Frugalismus
Sparen für die Rente mit 30

Münster -

Heute bescheiden leben, um früh ausgesorgt zu haben und sich zur Ruhe setzen zu können - das ist ein neuer Trend unter jungen Menschen. Frugalismus nennt sich die Bewegung aus den USA, die auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet.

Dienstag, 30.10.2018, 09:32 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 30.10.2018, 09:30 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 30.10.2018, 09:32 Uhr
Frugalisten haben Spaß am Sparen. Sie konsumieren sehr bewusst und legen Geld zürck, wo sie nur können. Damit sich ihr Geld für die Zukunft vermehrt, investieren sie. Foto: imago stock&people

Sparen klingt für die meisten unsexy. Sie wollen ihr Leben in vollen Zügen genießen, sich von ihrem hart erarbeiteten Geld etwas gönnen, schöne Dinge tun und besitzen. Kein Wunder: Die Wirtschaft in Deutschland boomt, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Gehälter steigen und an jeder Ecke lauern verführerische Konsumangebote. Die Kauflaune der Deutschen ist unverändert auf hohem Niveau und Sparen ergibt bei den dauerhaft niedrigen Zinsen vermeintlich keinen Sinn. Doch, sagen Frugalisten und widersprechen der Annahme, bis zur Rente mit 67 Jahren durcharbeiten zu müssen.

Frugalismus bereichert mein Leben, weil ich bewusster geworden bin. Es macht mich manchmal regelrecht glücklich, nichts zu kaufen oder eine Sache gebraucht zu bekommen. Gerne verkaufe ich Sachen, die ich nicht mehr brauche oder genieße das Freiheitsgefühl, das sich einstellt, wenn ich aussortiert habe und alles schön übersichtlich ist. Ich mag es, dass meine Wohnung nicht so vollgestopft ist. Ich habe mit selbstgemachten Geschenken und Pflanzenanlegern schon viel Freude verschenkt. Und durch bewussten Konsum werden einem auch andere Gewohnheiten bewusst. Minimalismus kann man auch zeitlich sehen und die Zeitfresser im Leben reduzieren.

Finanzbloggerin Tanja Knelsen

Mit Haushaltsbuch und Masterplan

Menschen, die sich als Frugalisten bezeichnen, haben einen anderen Lebensentwurf. Sie pflegen einen sehr bewussten Umgang mit Geld und Gütern, sparen so viel sie können, legen ihr Geld möglichst gewinnbringend an und folgen ihrem persönlichen Finanz- und Masterplan.

"Ich spare schon immer. Auch im Studium habe ich schon gespart", erzählt Tanja Knelsen aus Düsseldorf. Die 33-Jährige arbeitet inzwischen als IT-Architektin und bloggt unter dem Namen " Finanzmixerin" über ihren genügsamen und minimalistischen Lebensstil. Wie für die meisten Frugalisten führte ihr Weg in die Sparsamkeit über ein Haushaltsbuch. "Ich war schockiert über den Posten Neuanschaffungen, Kleidung und Gegenstände. Das war der Auslöser."

Sparquoten von weit über 50 Prozent

Seitdem erreicht Tanja Knelsen eine monatliche Sparquote von 50 Prozent. Der Durchschnittsdeutsche spart keine zehn Prozent seines Einkommens. "Ich bin voraussichtlich mit 52 Jahren finanziell frei und müsste dann theoretisch nicht mehr für Geld arbeiten", hat sie ausgerechnet. Dafür verzichtet sie zum Beispiel gerne auf sehr teures Essen im Restaurant. "Außerdem ist jeder vermiedene Neukauf gut für die Umwelt." Stattdessen kaufen Frugalisten gebrauchte Gegenstände und versuchen, Dinge selbst zu repararieren.

Deutschlands wohl bekanntester Frugalist Oliver Noelting kommt sogar auf eine Sparquote von 70 Prozent. Er rechnet auf seinem Blog " frugalisten.de" vor: "Bei einer Sparquote von 50 Prozent brauchst du etwa 17 Jahre, bis du finanziell frei bist. Sparst du zwei Drittel deines Einkommens, musst du gerade mal zehn Jahre arbeiten gehen, bis du in Rente gehen kannst."

Leben von 800 Euro im Monat

Der 29-jährige Softwareentwickler rechnet damit, im Alter von etwa 40 Jahren ausgesorgt zu haben. Pro Monat gibt er nicht mehr als 800 Euro aus. Etwa ein Viertel seines angestrebten Vermögens von 425.000 Euro, mit dem er sich zur Ruhe setzen will, hat er bereits angespart.

So weit ist Dominik Fecht noch lange nicht. Auf 10.000 bis 20.000 Euro beläuft sich sein Vermögen, erzählt der 21-jährige Gelsenkirchener. Genau will er sich nicht festlegen. Den meisten Altersgenossen dürfte er damit nicht nur um einige Tausend Euro voraus sein. Der junge Zollmitarbeiter, der während seines dualen Studiums sechs Monate im Jahr an der Zollschule in Münster-Gievenbeck verbrachte, macht sich auf seinem Blog " Finanziell frei mit 30" viele Gedanken über Geld, Glück und seine Zukunft.

Lernen von der Glücksforschung

"Viel in der Werbung ist auf kurzfristige Glücksmomente ausgelegt. Da ist es schlauer, sich zu fragen, was einen wirklich nachhaltig glücklich macht", sagt er. Das sei für ihn, Geld auf der hohen Kante zu haben, um nicht ins Rudern zu kommen, wenn größere Ausgaben ins Haus stehen, und sein Geld bewusst in Dinge zu investieren, die laut Glückforschung zufriedener machen: gute soziale Beziehungen, Erlebnisse mit anderen und persönliche Weiterentwicklung. Geld gibt er somit durchaus für Seminare, Ausflüge mit Freunden und Kinoabende aus. Gespart wird dafür an Klamotten, häufigen Restaurantbesuchen und teuren, neuen Handys.

Doch mit dem Sparen ist es nicht getan. Frugalisten müssen ihr Geld investieren. "Dadurch erzeugt mein Geld Einkünfte in Form von Zinsen, Dividenden oder Mieteinnahmen", erklärt Oliver Noelting auf seinem Blog. Er legt sein Erspartes in Aktien, Anleihen oder Immobilien an, Dominik Fecht in Aktien und Tanja Knelsen in Aktien, Kryptowährungen und Immobilien. "Investieren ist bei den meisten die größte Hürde im Kopf", sagt Dominik Fecht. Dabei reichten zwei, drei gute Bücher, um damit anzufangen. Geld anlegen sei weniger komplex als viele denken.

"Geld macht glücklich"

Den Frugalisten zufolge lohnt es sich. "Mein Leben ist auf vielen Ebenen bewusster geworden durch Minimalismus und Frugalismus. Es ist sogar besser", sagt Knelsen. "Geld macht glücklich", findet Dominik Fecht. Seine Rücklagen würden ihn entspannen. "Ich kann mein Geld jetzt schon relativ flexibel einsetzen und muss nicht aufs Geld achten."

Seinen vermeintlichen Renteneintritt mit 30 sieht er indes nicht so eng. "Ich wollte ein bisschen provozieren und vor allem Jüngere mit meinem Blog ansprechen. Viele machten sich erst Gedanken, wenn der Job keinen Spaß mehr macht." Komplett aufhören will er sowieso nicht. Denn auch das weiß er aus der Glücksforschung: "Der Mensch braucht eine Aufgabe."

Anlegen für Anfänger

Langfristig sollte sich das gesparte Geld mehren, also Rendite bringen. «Nur mit Sicherheit kann man für das Alter nicht vorsorgen», sagt Annabel Oelmann, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Bremen. «Da hat man nur einen sicheren Verlust.» Das gilt natürlich nicht nur für die Altersvorsorge. Wert verlieren sollte Angespartes nie.

Rendite hängt allerdings mit Risiko zusammen. Und Anfänger sollten sich daran erstmal herantasten. Ein guter Einstieg sind laut Oelmann Indexfonds, sogenannte ETFs. Diese werden passiv verwaltet und bilden einen Aktienindex nach, zum Beispiel den Dax.

Ein Vorteil der ETFs: Sie sind breiter gestreut und damit weniger risikobehaftet als Aktien einzelner Unternehmen. Das vergleichsweise geringste Risiko haben weltweite Fonds, erklärt Thomas Krüger von der Zeitschrift «Finanztest», die auch dauerhaft Aktienfonds prüft und bewertet. Fonds, die den MSCI World Index abbilden, gehörten etwa zu den guten. «Da ist man in rund 1600 Titel weltweit investiert und hat das Risiko damit relativ gut im Griff», erklärt Krüger.

Am Ende macht es die Mischung aus Risiko und Sicherheit. Eine einfache Variante ist die Kombination von Tagesgeldkonto und Aktien-ETF. «Pantoffel-Portfolio» nennt Krüger das. «Weil es so einfach ist wie Pantoffeln anziehen.» Wer beispielsweise 100 Euro im Monat zurücklegen kann, überweist monatlich 50 Euro auf das Tagesgeldkonto und 50 Euro auf sein Depot, wo ein Aktien-ETF liegt.

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