Verdächtiger festgenommen
Achtjähriger und Mutter vor ICE gestoßen - Kind stirbt

Er kannte seine Opfer nach bisherigen Erkenntnissen nicht: Ein Mann hat im Frankfurter Hauptbahnhof eine Mutter und ihr Kind vor einen ICE gestoßen. Der Junge starb. Bundesinnenminister Seehofer will die Chefs der Sicherheitsbehörden treffen.

Montag, 29.07.2019, 22:53 Uhr
Foto: Frank Rumpenhorst

Frankfurt/Main (dpa) - Ein achtjähriger Junge ist im Frankfurter Hauptbahnhof von einem Mann vor einen einfahrenden ICE in den Tod gestoßen worden. Ein Tatverdächtiger wurde festgenommen, wie die Polizei mitteilte.

Der Mann soll am Montag auch die Mutter des Jungen ins Gleisbett gestoßen und es bei einer weiteren Person versucht haben. Nach ersten Ermittlungen handelt es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen 40-Jährigen mit eritreischer Staatsbürgerschaft, der seine Opfer nicht kannte. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur wohnt er in der Schweiz. Bislang hat er sich noch nicht zu der Attacke geäußert. Wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte, wird er am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt.

Die 40-jährige Mutter hatte sich der Polizei zufolge auf einen Fußweg zwischen zwei Gleisen gerettet. Die dritte Person konnte sich in Sicherheit bringen, ohne in die Gleise zu stürzen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt wegen eines Tötungsdelikts und wertet Videoaufnahmen aus.

Politiker verurteilten die Tat. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kündigte an, seinen Urlaub zu unterbrechen. «Angesichts mehrerer schwerwiegender Taten in jüngerer Zeit» wolle er die Chefs der Sicherheitsbehörden treffen. Nach dpa-Informationen soll es dabei auch um Angriffe und Drohungen gegen Vertreter der Linkspartei gehen, um Bombendrohungen gegen Moscheen sowie den rassistisch motivierten Angriff auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach.

An diesem Dienstag will Seehofer die Öffentlichkeit informieren. «Der Täter wird für die Tat mit allen rechtsstaatlichen Mitteln zu Verantwortung gezogen werden.» Soweit nötig, stelle er dem Land Hessen jede Unterstützung etwa der Bundespolizei oder des Bundeskriminalamts zur Verfügung.

Seehofer verwies darauf, dass «in Teilen der Öffentlichkeit» bereits eine Bewertung der Tat vorgenommen werde. «Dies ist seriös aber erst möglich, wenn die Hintergründe aufgeklärt sind», betonte der Minister. Auf Twitter brachten manche Nutzer die Tat am Montag in Verbindung mit der deutschen Asylpolitik.

Der Frankfurter Fall erinnert an eine Attacke , die sich vor gut einer Woche in Voerde in Nordrhein-Westfalen ereignet hatte: Dort hatte ein Mann eine Frau an einem Bahnhof vor einen Zug gestoßen und so getötet.

Über die Frankfurter Attacke sagte eine Polizeisprecherin, ein Mann habe Zeugenaussagen zufolge den achtjährigen Jungen und seine Mutter am Morgen an Bahnsteig 7 vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Das Kind wurde von dem Zug erfasst; es erlitt tödliche Verletzungen. Der Tatverdächtige flüchtete, wurde von Passanten verfolgt und später von der Polizei außerhalb des Bahnhofs festgenommen.

Die Mutter des Achtjährigen wurde in ein Krankenhaus gebracht und notfallmedizinisch versorgt. Sie solle so bald wie möglich befragt werden, sagte ein Polizeisprecher.

Die Ermittler riefen Zeugen auf, sich mit sachdienlichen Hinweisen bei der Polizei zu melden. Dazu konnten auch Fotos und Videos über eine spezielle Internetseite hochgeladen werden.

Am Hauptbahnhof wurden die Gleise 4 bis 9 für mehrere Stunden gesperrt. Es kam zu Ausfällen und Verspätungen, wie eine Sprecherin der Deutschen Bahn sagte. Am Abend wurden die Gleise den Angaben zufolge alle wieder freigegeben. Die Deutsche Bahn schaltete am Nachmittag eine Sonder-Telefonnummer zur psychologischen Betreuung für Zeugen des Vorfalls frei. Der Frankfurter Hauptbahnhof gehört zu den größten Bahnhöfen in Deutschland und wird täglich von fast 500.000 Menschen besucht.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sagte, die Tat erschüttere ihn. «Es macht fassungslos, dass Mutter und Kind vor einen einfahrenden Zug gestoßen wurden. Die Aufklärung der abscheulichen Tat liegt jetzt in den Händen der zuständigen Behörden», sagte der Regierungschef.

Erst am Samstag voriger Woche war im Bahnhof der niederrheinischen Stadt Voerde eine 34 Jahre alte Mutter vor einen Regionalzug gestoßen worden und ums Leben gekommen. Der 28-jährige Tatverdächtige - ein in Deutschland geborener Serbe - sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft. Der mutmaßliche Täter und das Opfer kannten sich den Ermittlern zufolge ebenso wie im Frankfurter Fall nicht.

Nach den Untersuchungen einer Blutprobe gibt es Hinweise auf Kokain-Konsum. Es seien bei ihm Abbauprodukte von Kokain im Blut nachgewiesen worden. «Das heißt aber nicht, dass er konkret unter Kokaineinfluss stand», sagte der Duisburger Staatsanwalt Alexander Bayer.

Zum Thema

Plötzlich vor einen einfahrenden Zug geschubst zu werden: ein Alptraum. Wie jetzt in Frankfurt gab es schon in der Vergangenheit Fälle, bei denen Menschen von Fremden ohne Vorwarnung auf die Gleise gestoßen wurden:

Voerde, 20. Juli 2019: In der niederrheinischen Stadt stößt ein 28-jähriger Mann eine 34-jährige Frau vor eine einfahrende Regionalbahn. Sie stirbt an ihren Verletzungen. Das Motiv des Mannes ist unklar. Er war wegen Diebstahls und Körperverletzungen polizeilich bekannt.

München, 26. April 2017: Ein 59-jähriger Mann wartet an einem U-Bahnhof, als ihn eine 38-jährige Frau vor die einfahrende Bahn stößt. Der Zug bremst und kommt etwa zehn Meter vor dem Mann im Gleisbett zum Stehen. Die Frau leidet unter paranoider Schizophrenie. Ein Gericht ordnet eine Unterbringung in der Psychiatrie an.

Berlin, 19. Januar 2016: Eine junge Frau wird auf einem U-Bahnhof von einem psychisch kranken 29-Jährigen vor eine Bahn gestoßen, überrollt und tödlich verletzt. Der Täter wird im Prozess zur dauerhaften Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt.

Stuttgart, 24. Dezember 1998: Ein Unbekannter stößt eine 20-Jährige vor eine S-Bahn. Sie wird überrollt und stirbt noch vor Ort. Ein Jahr später stellt sich ein Mann der Polizei. Ein Gutachten ergibt, dass er an einer schizophrenen Psychose leidet. Er wird dazu verurteilt, dauerhaft in der Psychiatrie untergebracht zu werden.

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