Rollendes Klassenzimmer
30 Jahre Mauerfall: Schüler radeln von Heilbronn nach Berlin

710 Kilometer langer Geschichtsunterricht: Neun Tage werden 37 Schüler mit dem Rad unterwegs sein. Auf ihrer geschichtsträchtigen Tour wollen sie an besonderen Orten der deutsch-deutschen Teilung halten.

Samstag, 20.07.2019, 11:25 Uhr aktualisiert: 20.07.2019, 11:28 Uhr
Der ehemalige Radrennfahrer Ortwin Czarnowski (M) startet auf dem Gelände der Bundesgartenschau 30 Jahre nach dem Mauerfall eine über 700 Kilometer lange Schüler-Fahrradtour mit dem Titel «Rollendes Klassenzimmer» von Heilbronn nach Berlin. Foto: Bernd Weissbrod

Heilbronn (dpa) - Leipziger Nikolaikirche, früheres Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, Brandenburger Tor - zu einer Radtour über Hunderte Kilometer und durch Jahrzehnte deutscher Geschichte sind Schüler in Heilbronn aufgebrochen.

«Es ist mehr als eine Radtour», erklärte Organisator Ortwin Czarnowski . 30 Jahre nach dem Mauerfall hat der ehemalige Radrennfahrer für die 11-bis 16-Jährigen auf der Fahrt nach Berlin Zwischenstopps an geschichtsträchtigen Orten und Gespräche mit Zeitzeugen eingeplant. Der 78-Jährige ist selbst ein Zeitzeuge: 1960 flüchtete er aus der DDR nach Baden-Württemberg und lebte zwei Jahre in einem Flüchtlingslager. «Wir waren arm wie die Kirchenmäuse, aber in Freiheit.»

Die am Samstag begonnene Reise der 37 Kinder und Jugendlichen nennt Czarnowski «Das rollende Klassenzimmer»: «Die Schüler sollen raus aus dem Klassenzimmer und den Unterrichtsstoff erleben, Geschichte erleben.» Neun Tage sind sie unterwegs und rund 710 Kilometer wollen sie zurücklegen. Etappenziele sind Niederstetten im Main-Tauber-Kreis, Ebrach und Niederfüllbach (Bayern), Saalfeld (Thüringen), Naumburg (Sachsen-Anhalt), Leipzig (Sachsen), Lutherstadt Wittenberg (Sachsen-Anhalt) sowie Potsdam (Brandenburg) und schließlich Berlin.

Vor 15 Jahren organisierte Czarnowski die erste Radtour nach Berlin: «Die Schüler waren nach dem Mauerfall geboren und konnten ja gar nicht mehr erleben, wie wir da gelebt haben», sagt der 78-Jährige. Das wollte er ändern. Im Jahr danach seien Schüler auf ihn zugekommen und wollten wieder fahren - also habe er jedes Jahr aufs Neue eine Tour organisiert. Im 30. Jahr nach dem Mauerfall wollte er den Schwerpunkt wieder auf die Geschichte legen.

Anders als in den Vorjahren fahren die Schüler deshalb nicht mit dem Zug zurück Richtung Heilbronn, sondern in einem eigens gemieteten Bus. »Wir wollen auf der Rückfahrt unbedingt noch Mödlareuth besuchen.» Das kleine Dorf liegt zu einem Teil in Bayern und zum anderen in Thüringen. Über Jahrzehnte trennte die innerdeutsche Grenze die Bewohner.

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