ESC
„Liebe wird siegen“: Frankreich und der Kampf gegen Homophobie

Paris -

Bilal Hassani lässt sich nicht unterkriegen: Der Welle homophoben Hasses, die dem französischen ESC-Kandidaten entgegenschlägt, stellt er sich mit der Botschaft "Liebe wird siegen" entgegen. Nach teils extrem gewalttätigen Attacken gegen Homosexuelle hat nun auch die französische Regierung der Homo- und Transphobie den Kampf angesagt.

Montag, 13.05.2019, 13:59 Uhr aktualisiert: 13.05.2019, 16:44 Uhr
Lässt sich nicht verbiegen: Der 19-jährige französische ESC-Kandidat Bilal Hassani steht zu seiner Identität Foto: dpa

Seine platinblonden, schulterlangen Haare und sein androgynes Auftreten - für einige Menschen war das wohl zu viel. Als Bilal Hassani Anfang des Jahres Frankreichs Kandidat für den Eurovision Song Contest (ESC) wurde, rollte eine Lawine des Hasses auf den 19-jährigen Musiker zu. Er wurde homophob beleidigt, der Hass erwischte ihn mit voller Härte - vor allem im Netz.„Das war sehr hart. Doch ich war daran schon gewohnt, ich war nicht geschockt“, erzählt der Sänger, der am Samstag (18.5.) beim ESC in Tel Aviv seinen großen Auftritt haben wird - einen Tag, nachdem der Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie (17.5.) begangen wird. Er erhalte mehrere Hasskommentare pro Minute.

Hass gegen Homosexuelle und Trans-Menschen landesweites Problem

Hassanis Fall wirft erneut ein Schlaglicht auf Homophobie in Frankreich. Denn Hassani ist längst nicht der einzige in dem Land, der Opfer homophober oder transphober Attacken wird. Beinahe täglich berichten Zeitungen von Angriffen - teils sind sie extrem gewalttätig: Lesbisches Paar in Lyon von 17-Jähriger mit Messer angegriffen. Zwei Männer Arm in Arm in Lille attackiert, bedroht und beleidigt. Vorsitzender eines Anti-Homophobie-Vereins in Paris verprügelt. Und so weiter. Es war eine Serie der Gewalt, die Ende vergangenen Jahres sogar den Präsidenten auf den Plan rief. „Homophobe Angriffe müssen ein Anliegen für unsere gesamte Gesellschaft sein. Sie sind Frankreichs unwürdig“, erklärte Emmanuel Macron und versprach, etwas dagegen zu unternehmen. Auf den Straßen Frankreichs demonstrierten Tausende Menschen gegen die Übergriffe.

Zahl der Straftaten steigt

Die Zahl homophob oder transphob motivierter Straftaten steigt in Frankreich. Das französische Innenministerium zählte von Januar bis September 2018 einen Anstieg von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Deutschland waren die Zahlen nach aktuellen Daten zuletzt leicht rückläufig - allerdings gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer aus. „Die Zahlen zeigen einerseits, dass Homophobie weiterhin ein Problem in Frankreich ist“, sagt der Präsident von Frankreichs bedeutendstem LGBT-Verein, SOS Homophobie, Joël Deumier. Anderseits gebe es aber auch mehr Menschen, die über ihre Erfahrungen sprechen und Übergriffe melden. Deumier kritisiert allerdings, dass es zwischen den gemeldeten Vorfällen und jenen Fällen, die in ein Strafverfahren münden, eine große Diskrepanz gebe.

Er wünscht sich von der Regierung mehr Einsatz. „Wir brauchen eine bessere Schulung von Justiz, Polizei und Schulen“, sagt Deumier. Die Menschen dort müssten im Umgang mit Homophobie besser ausgebildet werden - etwa wenn es um Opferaussagen gehe. Auch der Hass im Netz sei ein großes Problem - Deumier wünscht sich hier eine ähnliche Gesetzgebung wie in Deutschland. Hier müssen soziale Netzwerke klar strafbare Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach einem Hinweis darauf löschen. Ansonsten drohen hohe Geldstrafen.

Aufklärung in Schulen soll sensibilisieren

Frankreichs Bildungsministerium startete Anfang des Jahres eine Aufklärungskampagne, um Homophobie und Transphobie in Klassenräumen zu bekämpfen. Unter dem Motto „Es reicht!“ („Ça suffit!“) sollen Jugendliche und Lehrende sensibilisiert werden. Manchmal werde homophobe und transphobe Gewalt an Schulen verharmlosend abgetan und sei Teil des Alltags. Nur wenige wagten es, darüber zu sprechen - das müsse sich ändern, so das Ministerium. Es ist das erste Mal, dass das Wort „Transphobie“ in einer Schulkampagne der Regierung auftaucht.

Frankreich hat Deutschland in Sachen Weltoffenheit ein paar Jahre voraus. Seit 2013 ist die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare dort offen, in Deutschland erst seit 2017. Gegen diese Gesetzesreform gab es damals in Frankreich heftige Proteste. Schließlich zeigte sich 2016 sogar der Europarat über zunehmende Hassreden gegenüber Homosexuellen und anderen Minderheiten in Frankreich besorgt.Trotz der beunruhigenden Zahlen hat Deumier von SOS Homophobie Hoffnung. „Es wird besser“, sagt er. Die französische Gesellschaft akzeptiere Homosexuelle zunehmend. Doch für einen wahren Wandel in den Köpfen der Menschen müsse die Geschichte der LGBT-Bewegung (englische Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) auch in den Schulen gelehrt werden, fordert er.

Hassani sendet Botschaft der Toleranz

ESC-Kandidat Hassani entschied sich, gegen Hasskommentare im Netz juristisch vorzugehen. „Es ist illegal. Wenn du nichts dagegen unternimmst, wird sich nichts ändern“, sagt er. Und: Sein öffentlicher Umgang mit dem Thema habe auch anderen geholfen, sich zu wehren. Hassani wurde wegen seiner marokkanischen Wurzeln oft auch rassistisch angegangen. „Ich bin ich, und ich werde es immer bleiben“, singt er in seinem Wettbewerbslied „Roi“ („König“) selbstbewusst. Als Figur des öffentlichen Lebens habe er die Möglichkeit, auch für andere zu sprechen, sagt Hassani - und er hat eine Botschaft: „Liebe wird über den Hass siegen.“

Das sind die Kandidaten beim ESC 2019

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  • Die Sängerinnen Carlotta Truman (l) und Laurita Spinelli aus Deutschland, vom Duo «Sisters»

    Die Sängerinnen Carlotta Truman (l) und Laurita Spinelli aus Deutschland, vom Duo «Sisters»

    Foto: Ariel Schalit
  • Michael Rice (M) aus Großbritannien

    Foto: Ariel Schalit
  • Mahmood aus Italien

    Foto: Ariel Schalit
  • KEiiNO aus Norwegen

    Foto: Ariel Schalit
  • Chingiz (M) aus Azarbeijan

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  • Jonida Maliqi aus Albanien

    Foto: Ariel Schalit
  • Tamara Todevska (2.v.l) aus Nordmakedonien

    Foto: Ariel Schalit
  • Sergey Lazarev aus Russland

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  • Jurij Veklenko aus Litauen

    Foto: Ariel Schalit
  • Michela (M) aus Malta

    Foto: Ariel Schalit
  • Roko (M) aus Kroatien

    Foto: Ariel Schalit
  • Paenda aus Österreich

    Foto: Ariel Schalit
  • John Lundvik aus Schweden

    Foto: Ariel Schalit
  • Leonora (M) aus Dänemark

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  • Carousel von Lettland

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  • Luca Hänni (3.v.l) aus der Schweiz

    Foto: Ariel Schalit
  • Sarah McTernan aus Irland

    Foto: Ariel Schalit
  • Srbuk von Armenien

    Foto: Ariel Schalit
  • Bilal Hassani aus Frankreich

    Foto: Ariel Schalit
  • Miki aus Spanien (3.v.r)

    Foto: Ariel Schalit
  • Kobi Marimi aus Israel

    Foto: Ariel Schalit
  • Katerine Duska aus Griechenland

    Foto: Ariel Schalit
  • Das Duo Conan Osiris aus Portugal

    Foto: Ariel Schalit
  • Victor Crone aus Estland

    Foto: Ariel Schalit
  • Serhat (M) von San Marino

    Foto: Ariel Schalit
  • Hatari aus Island

    Foto: Ariel Schalit
  • Kate Miller-Heidke aus Australien

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  • Oto Nemsadze Band aus Georgien

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  • Die Band Eliot aus Belgien

    Foto: Ariel Schalit
  • Nevena Bozovic aus Serbien

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  • Die Band ZENA aus Weißrussland

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  • Joci Papai aus Ungarn

    Foto: Ariel Schalit
  • Zala Kralj (l) und Ga·per Santl aus Slowenien

    Foto: Ariel Schalit
  • Die Band Lake Malawi aus Tschechien

    Foto: Ariel Schalit
  • Die Band D mol aus Montenegro

    Foto: Ariel Schalit
  • Die Band Tulia aus Polen

    Foto: Ariel Schalit
  • Die Sängerin Tamta (M) und ihre Band aus Zypern

    Foto: Ariel Schalit
  • Darude (l), bürgerlich Ville Virtanen, und Sebastian Rejman aus Finnland

    Foto: Ariel Schalit
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