«Grundaussage bleibt»
Feinstaub: Lungenärzte räumen Fehler in Stellungnahme ein

Berlin -

Vor gut drei Wochen hatten einige Lungenärzte mit einer Stellungnahme eine lebhafte Diskussion um Sinn und Unsinn von Grenzwerten für Luftschadstoffe wie Stickoxide und Feinstaub ausgelöst. Nun kommt heraus: In ihren zugrundegelegten Berechnungen stecken Fehler.

Donnerstag, 14.02.2019, 16:02 Uhr aktualisiert: 14.02.2019, 16:27 Uhr
Autos und Lastwagen fahren an einer Luft-Messstation für Feinstaub und Stickoxide am Stuttgarter Neckartor vorbei. Foto: Bernd Weissbrod

Nach ihrer Kritik an den Grenzwerten für Luftschadstoffe in einer Stellungnahme vor gut drei Wochen haben Lungenärzte um Dieter Köhler Fehler in ihren Berechnungen eingeräumt.

An der Gesamtaussage, dass die gesundheitlichen Risiken durch Stickoxide und Feinstaub und die darauf basierenden Grenzwerte wissenschaftlich nicht hinreichend begründet seien, ändere sich jedoch nichts. Über die Rechenfehler in der Stellungnahme hatte zunächst die Berliner Tageszeitung « taz » berichtet.

Berechnung basiert auf falschen Feinstaub-Werten

Die Experten um Köhler hatten bei ihrer Kritik an den Grenzwerten unter anderem erläutert, ein Raucher nehme bei einem Päckchen pro Tag in wenigen Monaten die gleiche Menge Feinstaub und Stickoxid auf, wie ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben mit der Außenluft einatmen würde - soll heißen: so groß ist das Risiko durch diese Schadstoffe nicht, sonst müssten die meisten Raucher nach wenigen Monaten sterben.

Dicke Luft in Städten - ist der Diesel wirklich Schuld?

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    Dieselfahrzeuge werden als Hauptursache für hohe Stickstoffdioxidwerte in deutschen Innenstädten ausgemacht. Vielerorts drohen daher nach Klagen der Deutschen Umwelthilfe Fahrverbote. Der Verein spricht gern von „Dieselabgasen“ und meint damit Stickstoffdioxide. Doch sind Dieselfahrzeuge wirklich allein verantwortlich für die schlechte Luft? Ein Faktencheck der dpa:

    Foto: dpa
  • 1. BEHAUPTUNG: Der Diesel ist die Hauptursache für hohe Stickstoffdioxid-Werte in Städten.

    BEWERTUNG: Richtig.

    FAKTEN: Der Großteil des Aufkommens stammt tatsächlich aus dem Verkehr und von Autos mit Dieselmotor. Nach Daten des Umweltbundesamtes (UBA) ist der Verkehr der Hauptverursacher von Stickstoffdioxiden in Innenstädten. Nur acht Prozent stammen etwa von Heizungen und vier Prozent von der Industrie. Den Löwenanteil machen Kraftfahrzeuge mit 61 Prozent aus.Im Stadtverkehr wiederum sind laut UBA Diesel-Pkw die Hauptquelle von Stickoxiden. Sie sind hier für fast drei Viertel (72,5 Prozent) des von Fahrzeugen produzierten Stickstoffdioxids verantwortlich. Das ist allerdings ein deutschlandweiter Durchschnittswert.„Es gibt natürlich örtliche Unterschiede, je nachdem wie hoch das Verkehrsaufkommen und die Flottenzusammensetzung vor Ort ist“, sagt Ute Dauert vom Umweltbundesamt. Die 72,5 Prozent seien aber eine ganz gute Größenordnung für Städte und Ballungsräume.Besonders hoch ist den Daten zufolge der Ausstoß der noch nicht ganz so alten Diesel-PKW mit der Abgasnorm Euro 5, die 2009 eingeführt wurde. Eine deutliche Besserung dürfte sich erst mit der weiten Verbreitung der neuesten Euronorm 6 einstellen.

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  • 2. BEHAUPTUNG: Beim Verbrennen von Zigaretten oder Kerzen werden zum Teil höhere Stickstoffdioxidwerte freigesetzt als von einem Diesel.

    BEWERTUNG: Grundsätzlich richtig, aber die Werte werden nicht über einen längeren Zeitraum erreicht wie im Verkehr.

    FAKTEN: Ein nicht ganz neuer Diesel der Abgasnorm Euro 5 darf auf dem Prüfstand noch 180 Milligramm Stickoxide pro Kilometer ausstoßen, die strengere Euronorm 6 sieht 80 Milligramm je Kilometer vor. In der Realität liegen die tatsächlich gemessenen Schadstoffe allerdings um ein Vielfaches höher. Der Lungenfacharzt Dieter Köhler, der jüngst mit einigen Kollegen die Grenzwerte für diese Schadstoffe infrage stellte, hält dagegen: Raucher beispielsweise inhalierten viel größere Mengen an Stickoxiden.Beim Verbrennen einer Zigarette entstehen laut Umweltbundesamt etwa 100 bis 600 Mikrogramm Stickoxide, wie viel dabei zu Stickstoffdioxid reagiert, ist unterschiedlich. Beim Abbrennen einer Kerze können je nach Größe des Raumes 200 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft freigesetzt werden.Kritiker der Grenzwerte wie Thomas Koch, Spezialist für Kolbenmaschinen beim Karlsruher Institut für Technologie (KIT), schließen daraus: „In vielen Alltagssituationen sind wir höheren Stickoxid-Werten ausgesetzt als im Verkehr.“ Koch hat die Stellungnahme der kritischen Lungenärzte zum Thema Grenzwerte mitverfasst.„Aber eine Kerze lassen Sie ja nicht das ganze Jahr brennen“, sagt Wolfgang Straff, Mediziner beim Umweltbundesamt. Der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm je Kubikmeter in deutschen Innenstädten bezieht sich hingegen auf das Jahresmittel. Dabei geht es nicht um Höchstwerte, in den Jahresmittelwert zählen auch Messwerte etwa aus den Nachtstunden, in denen kaum Autos unterwegs sind. „Ein Vergleich einer Stickstoffdioxid-Konzentration im Jahresmittel mit einer kurzfristig hohen Konzentration durch Kerzen oder Zigaretten ist nicht sinnvoll“, so Straff weiter. Denn hinzu komme, dass die Luft in Räumen im Gegensatz zu der Außenluft in Innenstädten einfach verbessert werden kann: „Indem die Fenster geöffnet werden - vorausgesetzt, die Luftqualität vor der Fensterscheibe ist möglichst schadstoffarm.“

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  • 3. BEHAUPTUNG: Stickstoffdioxide sind gar nicht so gefährlich.

    BEWERTUNG: Falsch.

    FAKTEN: Stickoxide reagieren in der Luft schnell zum schädlichen Stickstoffdioxid. Die gesundheitsschädliche Wirkung von Stickstoffdioxiden ist unumstritten. In der Lunge kann das Reizgas Zellen angreifen und Entzündungsprozesse auslösen. Tatsächlich gibt es Studien an Menschen und Tieren, in denen Probanden Stickoxide eingeatmet haben, in denen dieser Zusammenhang belegt wird. Grundsätzlich gelten Luftschadstoffe als Risikofaktor für bestimmte Krankheiten.Allerdings ist es schwierig, die Wirkungen verschiedener Schadstoffe voneinander abzugrenzen. Kritik gab es zuletzt an sogenannten epidemiologischen Studien, in denen eine hohe Stickstoffdioxid-Belastung mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma oder Diabetes in Zusammenhang gebracht werden. Dabei wird ein statistischer Zusammenhang zwischen Todesfällen und Schadstoffen hergestellt. Die jüngste Kritik von Lungenfachärzten etwa wendet sich gegen diese Studien. Sie stellen infrage, dass es tatsächlich einen Kausalzusammenhang zwischen Stickoxiden und Todesfällen gibt und hinterfragen in dem Zuge auch die EU-weit geltenden Grenzwerte.Dagegen halten etwa Wissenschaftler der Internationalen Gesellschaft für Umweltepidemiologie (ISEE) und Lungenspezialisten der European Respiratory Society (ERS): Es gebe durchaus kausale Zusammenhänge zwischen Stickstoffdioxiden und der Gesundheit von Asthmatikern, neuere Studien wiesen auch auf Zusammenhänge mit Herzkreislauferkrankungen und Diabetes hin.Nach der Logik der Kritiker gebe es auch keine Toten durch das Rauchen, heißt es weiter in der Stellungnahme von ISEE und ERS. „Dennoch wissen wir, dass Rauchen genau wie Luftverschmutzung auf lange Sicht schädlich ist und beispielsweise zu Atemwegs- oder Herz-Kreislauferkrankungen führen kann, woran Menschen sterben können.“

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  • 4. BEHAUPTUNG: Eine ganze Armada von Wissenschaftlern habe sich gegen die aktuellen Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub ausgesprochen. Damit werde die Diskussion um den Diesel endlich auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt. Wissenschaftlichen Studien würden bisher nicht von unabhängigen Forschern ausgewertet.

    BEWERTUNG: Falsch. Nur eine kleine Minderheit der Lungenärzte vertritt diese Meinung. Das vielzitierte Positionspapier wurde von einem Bruchteil der Lungenexperten in Deutschland unterschrieben. Eine sachliche, wissenschaftliche und unabhängige Diskussion findet seit Jahren unter Experten auf der ganzen Welt statt - darunter Lungenärzte und Toxikologen, Umweltwissenschaftler und Epidemiologen.

    FAKTEN: Ein Positionspapier, über hundert Unterschriften, unzählige Wortmeldungen: Das waren die Zutaten für eine große Diskussion um Schadstoff-Grenzwerte und den Diesel, die jetzt in Deutschland vor sich hin köchelt. Der Vorwurf, den die Lungenexperten machen: Die geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide hätten keine ausreichende Basis. Also alles bisher wissenschaftlicher Humbug?Wer genauer hinschaut, für den stellen sich die Dinge etwas anders dar. Das Positionspapier, von dem die Rede ist, wurde federführend von dem Lungenexperten Dieter Köhler verfasst, dem ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Es wurde bereits Anfang Januar an 3800 DGP-Mitglieder verschickt - aber nach aktuellem Stand gibt es nur 133 Unterzeichner, das sind etwa 3,5 Prozent der angefragten Lungenexperten. Das muss per se noch nicht bedeuten, dass Köhlers Position falsch ist. Es deutet aber darauf hin, dass eine sehr große Mehrheit der Lungenexperten in Deutschland seine Ansicht nicht teilt.Die offizielle Position der in der DGP vereinten Kollegen ist tatsächlich eine andere. „Luftschadstoffe gefährden unsere Gesundheit - besonders die von Kindern, älteren Menschen und Erkrankten“, teilte der Verband im November 2018 mit. Experten hatten damals für die DGP ein entsprechendes Dossier erstellt. Auf 100 Seiten mit Hunderten Fußnoten fassen sie den Wissensstand der Forschung zusammen.Ihr Fazit: „Negative Gesundheitseffekte treten auch unterhalb der derzeit in Deutschland gültigen europäischen Grenzwerte auf.“ Für die deutsche Bevölkerung sei derzeit „kein optimaler Schutz vor Erkrankungen, die durch Luftverschmutzung verursacht werden, gegeben“. Deshalb sei „eine Absenkung der gesetzlichen Grenzwerte erforderlich“ - also sogar noch verschärfte Richtlinien.Auch der Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner (BdP) hat Stellung bezogen. „Eine Bagatellisierung der Auswirkungen von Luftschadstoffen gefährdet die Bemühungen, Risiken und Gefahren von Luftverschmutzung zu minimieren!“, warnt Frank Heimann, Vorsitzender des BdP, in einer Mitteilung. Der Verband vereint mehr als 1200 Lungenärzte in Deutschland.Hierzulande gilt ein Stickstoffdioxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Das California Air Resources Board (Carb) - die Behörde für die Überwachung der Luft in Kalifornien - ist hingegen überzeugt, dass Stickoxide erst bei längerfristig anhaltenden Konzentrationen von mehr als 57 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft schädlich sind. Die Behörde ist bekannt dafür, mit ihren Anforderungen an saubere Luft weltweit Maßstäbe zu setzen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO kommt anhand der vorliegenden Studien ebenso zu dem Schluss, dass Stickoxide auch bei geringen Mengen krank machen können. Laut Umweltbundesamt können Stickoxide etwa Zellen in der Lunge angreifen und Entzündungsprozesse auslösen.Auffällig ist der Ton, den Köhler im Begleitschreiben zu seinem kontroversen Positionspapier anschlägt. „Bei mir besteht die Besonderheit, dass ich keiner Interessengruppe angehöre“, schreibt er dort. Köhler suggeriert damit, dass andere Experten - oder sogar alle anderen - bestimmten Interessensgruppen angehören. Zusammen mit seinen Ko-Autoren fordert er „eine Neubewertung der wissenschaftlichen Studien durch unabhängige Forscher“.Der Fachmediziner äußert hier pauschale Kritik - ohne dass klar wird, inwiefern er begründet über Tausende Experten in Deutschland und auf der ganzen Welt urteilen kann. Neben Köhler zeichnen auch drei weitere Autoren für das Positionspapier verantwortlich, darunter der Karlsruher Ingenieurwissenschaftler Thomas Koch. Laut dessen offizieller Vita entwickelte Koch zehn Jahre lang Motoren für Daimler. Aufrufe von Wissenschaftlern seien „ein beliebtes Lobbyinstrument“, kritisierte Lobbycontrol, ein Verein, der sich für mehr Transparenz in politischen Entscheidungsprozessen einsetzt.Ein weiterer Kritikpunkt von Köhler lautet, dass kein Mensch bisher an Stickoxiden und Feinstaub gestorben sei. Dies gilt aber etwa auch für das Rauchen, für Bewegungsmangel und hohen Zuckerkonsum. Menschen sterben nicht an den unmittelbaren Einwirkungen, sondern an den möglichen Folgen davon. Gleiches gilt dem wissenschaftlichen Konsens zufolge für Luftschadstoffe: Sie sind ein Risikofaktor für Krankheiten, die es nach Kräften zu vermeiden gilt. Entsprechend müssen Schadstoff-Grenzwerte politisch festgelegt werden und sind daher oft besonders streng ausgelegt, um das Risiko zu minimieren - ein Kompromiss aus Anspruch und Machbarkeit.

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Doch in der Rechnung stecken Fehler, verursacht durch fehlerhafte Umrechnungen und falsche Ausgangswerte, wie es in dem Bericht der «taz» heißt. Folge man der Logik Köhlers und korrigiere die Fehler, nehme ein Raucher durch Zigaretten erst in gut 6 bis 32 Jahren eine Stickstoffdioxid-Menge auf wie ein 80-Jähriger Nichtraucher zeit seines Lebens beim Einatmen von Außenluft. Bereits zuvor hatten Experten betont, der Vergleich zwischen einer anhaltenden Belastung wie etwa durch verschmutzte Luft und einer vorübergehenden hohen Belastung etwa beim Rauchen, sei nicht zulässig.

Auch die zur Berechnung herangezogenen Feinstaub-Werte im Zigarettenrauch seien falsch, heißt es in dem Zeitungsbeitrag weiter. Sie errechneten sich aus dem Kondensatgehalt der Zigaretten - umgangssprachlich Teer genannt -, für den es bereits seit 15 Jahren EU-weit einen deutlich niedrigeren Grenzwert gebe. Insbesondere diese Berechnungen korrigierte das Team um Köhler nun in einer Ergänzung zu der Stellungnahme; an der Grundaussage aber halten die Fachärzte fest. «Insgesamt ändern diese kleinen Korrekturen natürlich nichts an der Gesamtaussage, dass die sogenannten Hunderttausende von Toten durch Feinstaub und NO2 sowie die daraus verursachten Krankheiten in Europa nicht plausibel sind», teilte Köhler mit.

Massiver Widerspruch von Fachkollegen

Die Veröffentlichung der Stellungnahme, die insgesamt nur rund 130 von 3800 angeschriebenen Lungenärzte unterschrieben hatten, hatte eine breite öffentliche Debatte über die Sinnhaftigkeit der geltenden Grenzwerte ausgelöst. Während Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer die Initiative begrüßte und eine «ganzheitliche Sichtweise» anmahnte, wiesen das Bundesumweltministerium und die Grünen die Kritik der Lungenärzte zurück.

Massiver Widerspruch kam auch von Fachkollegen. So betonten pneumologische Fachgesellschaften und Berufsverbände, die Gefährlichkeit von Luftschadstoffen wie Stickoxiden für die Gesundheit sei grundsätzlich gut belegt. Die Grenzwerte seien so gewählt, dass selbst für chronisch Kranke negative Effekte ausgeschlossen werden können, hieß es auch vom Forum der Internationalen Lungengesellschaften (Firs), das internationale Standards nachdrücklich unterstütze.

Die auf EU-Ebene festgelegten und auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO basierenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide sind Grundlage für Fahrverbote. Der gültige Stickstoffdioxid-Grenzwert liegt im Jahresmittel bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die Grenzwerte für Feinstaub hängen von der Partikelgröße ab. 

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