Interview mit ehemaligem Bergmann
Rückblick auf ein Arbeitsleben unter Tage

Johannes Wilde, den sie alle Hennes nennen, wurde 1950 in Gelsenkirchen-Buer geboren. Dort lebt er heute noch. Mit 13 Jahren begann er auf der Zeche Hugo seine Lehre. Mit dem förmlichen „Sie“ hat er es nicht so.

Mittwoch, 26.12.2018, 15:53 Uhr aktualisiert: 26.12.2018, 16:03 Uhr
Hat als Rentner so manche Grubenfahrt verweigert:Hennes Wilde trauert seinen Jahren unter Tage nicht so arg nach. Wilfried Gerharz

Was zieht einen 13-Jährigen auf die Zeche?

Johannes Wilde : Eigentlich nichts. Ich wollte ja Fernfahrer werden. Aber dann hat sich das so ergeben. Mein Vater war auch schon Bergmann. Dann habe ich auf Hugo angefangen. Meine Lehrzeit als Betriebsschlosser unter Tage war gut, dann bin ich geblieben bis zum Schluss, bis die 2000 hier alles zugemacht haben.

Wie war der Start?

Wilde: Die meiste Zeit in der Lehre habe ich über Tage verbracht. Aber ich war auch schon ein halbes Jahr unten. Da habe ich so einen kleinen Einblick bekommen. Allerdings musste ich da nicht die ganze Arbeit machen. Da habe ich die Taschen getragen von den Gesellen. Das war damals einfach so. Nach der Lehre habe ich gedacht: Mann, jetzt verdienst du erst mal richtiges Geld. Die erste Schicht, die ging gut. Aber dann wurde es immer schlimmer. Die Arbeit wurde immer härter. Gut, dass ich auch als Geselle erst mal mit meinem Lehrmeister mitgegangen bin. Der war alt und erfahren, der hat mir viel beigebracht. Aber es wurde immer mehr Arbeit.

Wie sah die genau aus?

Wilde: Als Revierschlosser habe ich die Maschinen und Anlagen in Ordnung gehalten. Das hab ich eine Zeit lang mit­gemacht, später bin ich wieder aus dem Revier raus. Dann gab es Blasversatz bei uns auf Hugo. Da wurde das taube Gestein aus anderen Stollen wieder in den Alten Mann geblasen; also in die Hohlräume, die nach dem Kohleabbau blieben. Wir hatten verschiedene Sohlen, die auch durch Blindschächte miteinander verbunden waren. So wurden die siebte und die neunte Sohle miteinander verbunden. Die Kohle kam von der neunten Sohle in 1200 Meter Tiefe und wurde erst zur siebten Sohle auf 960 Meter transportiert. Wie so kleine Fahrstühle im Kaufhaus, die die Teilörter verbunden haben. Die Hauptsohle war die siebte Sohle. Bis dahin sind wir mit zwölf Metern pro Sekunde gefahren. Von da ging es weiter zu unseren Arbeitsplätzen. Wenn ich zu Flöz A musste auf 1050 Meter Tiefe, konnte ich diese 100 Meter einen Berg herunterlaufen – oder in einem Blindschacht weiterfahren. Die Kohle kam auf Rutschen zur neunten Sohle. Von dort lief die Kohle auf einem Band direkt zum Hauptschacht in einen großen Kohlebunker. In Skipgefäßen wurde sie nach oben gebracht. Die waren wie riesige Eimer, 17,70 Meter hoch und hatten ein Fassungsvermögen von 30 Tonnen Kohle. Zu Tage gebracht wurden sie mit 20 Metern pro Sekunde. In einer Stunde kamen 1000 Tonnen nach oben, am Tag 14 000 Tonnen. Ja, das war schon ‘ne Leistung. Da musste ich die Seile kontrollieren. Ich hab die durch die Hand laufen lassen. Und wenn ich mich geschnitten hab, war es Zeit, genauer zu ­gucken. Wenn es zu viele Drahtbrüche gab, wurde alles noch mal geprüft und musste dann ersetzt werden.

Hört sich auch nach weiten und mühsamen Wegen an . . .

Wilde: Der Blindschacht lief direkt durch das Gebirge, der war nicht so ausgebaut wie der Hauptschacht. Das war ein ganz schönes Gerappel, der fuhr nur mit 2,5 Metern in der Sekunde. Die Zeit haben wir genutzt. Augen zu. Oder ich hab mein Brot gegessen. Sonst gab es ja nicht viel Pausen.

Wie weitläufig ist eine Zeche eigentlich?

Wilde: Unser Bergwerk hatte 120 bis 140 Kilometer Wegenetz. Die Bergwerke waren ja schon miteinander verbunden worden, aus zwei oder drei Zechen war eine geworden. Unser Bergwerk hieß von 1997 bis 2000 „Hugo/Ewald“. Von Gelsenkirchen-Buer bis Herten waren wir verbunden; das sind schon mal zwölf Kilometer. Die Kohle wurde schon unter Tage über Bänder 14 Kilometer weit transportiert. So war das.

Lange Wege auch für die Bergleute, oder?

Wilde: Wenn ich auf der anderen Seite arbeiten musste, bin ich unter Tage in den Personenwagen gestiegen. Da gingen acht Leute rein, normalerweise. Um viertel nach sechs fuhr der Zug von Hugo nach Ewald. Wenn ich den nicht erwischt habe, musste ich laufen. Da waren schon mal 18 Leute im Wagen – laufen wollte keiner. Da war manchmal die Hölle los.

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Wie oft bist du gelaufen?

Wilde: Öfter. Eng war es auch mittags. Der Zug wartet ja nicht. Und wenn man nicht pünktlich am Schacht war, hatte man schon die erste Überstunde auf dem Zettel.

Hattest du je Angst unter Tage?

Wilde: Ja, die ersten Schichten. Aber nachher … ( Den Satz beendet Hennes Wilde nicht. )

Aber du bist auf der Zeche geblieben.

Wilde: Ein komisches Gefühl hatte ich wohl. Und als Rentner habe ich dankend darauf verzichtet, noch mal einzufahren. Ich habe selbst zwei Unfälle überstanden. Einen Sturz. Und ich bin angefahren worden. Weil ich früher Feierabend ­ machen wollte. Da habe ich geguckt, ob der Steiger schon weg war, dann hätte ich auch abhauen können. Dabei stand ich der Materialbahn im Weg. Gott sei Dank hat mich ein Kumpel gehört, als ich dann laut geschrien habe vor Schmerz.

Ihr wolltet also immer schnell wieder über Tage?

Wilde: So früh es ging. Da bin ich auch mal auf einem Skip­gefäß nach oben gefahren. Da war so eine kleine Kontrollbühne oben drauf. Ich kannte den Fördermaschinisten, der hat mich mitfahren lassen. Ein einziges Mal. Der ist mit normaler Geschwindigkeit gefahren – ob mit oder ohne Passagier. 20 Meter pro Sekunde: Das ist echt was anderes.

Was hat sich unter Tage verändert über die Jahre?

Wilde: Maschinentechnisch sehr viel. Wir hatten früher Kohlehobel. Das war schon sehr modern in der Zeit. Dann kamen die neuen Schrämmaschinen, das war eine Revolution. Die haben gearbeitet wie Tunnelbohrmaschinen.

Und die Arbeit?

Wilde: Es wurde leichter, das muss man schon sagen. Aber es war immer noch hart. Bestimmte Sachen, da musste man ganz schön ran. Wie überall. Der Arbeitsschutz ist viel besser geworden. Staublunge ist kein Thema mehr. Und ohne Schutzkleidung und Brille fährt auch keiner mehr ein.

Vernünftig bei den extremen Bedingungen, oder?

Wilde: Ich war mal zu Silvester auf Schacht neun an der Schalker Arena. Ein Wetterschacht, da ging eigentlich nur Luft durch. Nur im Notdienst musste man dahin. Eiszapfen hingen den Schacht runter. Da ist eine Leitung geplatzt, dann musste man Eis klopfen. 20 Meter weiter waren es auf einmal 30 Grad. Auch in den Blindschächten war es heikel. Manche waren trocken, in anderen regnete es volle Pulle – aus dem Berg und von der Förderung, wo die Kohle befeuchtet wurde. Das war nicht so schön. Jetzt, wo ich das so erzähle . . . Leck mich an den Füßen!

Hast du sehr bedauert, in den Vorruhestand zu gehen?

Wilde: Na ja, das war schon weniger Geld, 85 Prozent des ­letzten Lohnes. Aber wir hatten ja gut verdient. Wenn die Kinder groß sind, haut das schon hin. Wichtig ist, hab ich mir gedacht: Hauptsache, ich brauch da nicht mehr runter.

Und als Rentner?

Wilde: Später habe ich mich bei uns in der Siedlung mal auf die Bank gesetzt und geguckt. Da habe ich so gesessen und dabei gedacht: Meine Fresse, da unten warst du malochen. Und jetzt sitzt du hier oben gemütlich auf der Halde. Seit 2000 haben wir das kleine Museum – da kann ich den Menschen erzählen, wie es war unter Tage. Zeit habe ich ja.

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