German Angst
Diktatur der Bio-Himbeeren: Eckhart Nickels «Hysteria»

Eine Atmosphäre der Unruhe kriecht durch «Hysteria». Mit einer Radikalwelt aus Urwuchs, Sterilität und sprachlicher Präzision schreibt Eckhart Nickel ein fantastisches Romandebüt.

Dienstag, 16.10.2018, 13:20 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 16.10.2018, 13:15 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 16.10.2018, 13:20 Uhr
Das Cover von Eckhart Nickels Roman «Hysteria». Foto: -

Berlin (dpa) - «Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.» Gleich an den Anfang von «Hysteria» hängt Popkultur-Dandy Eckhart Nickel den ganzen Kosmos deutscher Befindlichkeiten: die sprichwörtlich gewordene «German Angst» und den wachsenden Drang nach gesunder Ernährung.

Bergheim, Nickels Protagonist, stellt bei der Inspektion des Obstschälchens fest, dass sich dunkelrote Tropfen des Beerensafts «wie frisch ausgetretenes Blut am hellen Holz der Schale sammelten». Die Stimmung des ganzen Romans ist gleich gesetzt: Genauigkeit, Hypersensibilität und Gewalt. Allein wegen einer vage-bösen Vorahnung zieht sich das Herz bereits beim Lesen der ersten Zeilen zusammen.

Obwohl er sich schon lange einen Namen in der Literatur gemacht hat, legt der Journalist und Schriftsteller erst jetzt - im Alter von 52 Jahren - sein sprachlich gefeiltes und metaphorisch beeindruckendes Romandebüt vor. Zugleich rüttelt er an der neu-bürgerlichen Moderne: Was macht der Drang nach gesunder Lebensführung mit unserer Einstellung zur Natur? Wann kippt ein guter Öko-Stil in ein blindwütiges Dogma? Denn die Himbeeren, mit denen etwas nicht stimmt, sind nur der Auftakt zu etwas Größerem. Ja, zu etwas Grausigem.

Bergheim (ein überlegter Name: der Autor lebt im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim) gerät auf der Suche nach dem Ursprung des Obstes in ein radikal-ideologisches Institut, in dem sich eine Clique von Öko-Fanatikern dem Ziel verschreibt, aller Natur den menschlichen Einfluss zu nehmen. Im Sinne von Frutariern propagieren sie etwa eine Ernährung mit Fallobst oder Gemüse, dass sich von den Pflanzen selbstständig gelöst hat - also nicht gepflückt wird.

Zudem testen die Forscher, wie sie Reinheit auf künstlichem Weg herstellen können. Es ist sterile Science-Fiction auf dem Weg zurück zur Natur. Nicht umsonst weist der Romantitel auf das Stilmittel des Hysteron-Proterons. Es bedeutet: das Spätere ist das Frühere.

Im Institut trifft der Protagonist auf seine früheren Studienfreunde Charlotte und Ansgar. Mit ihnen brechen sich Wirrungen der Vergangenheit Bahn. Die Geschichte aus folgenschwerem Diebstahl, Eifersucht, Vendetta und unerwiderter Liebe läuft nicht weniger auf einen Knall zu wie der apokalyptische Rausch im Radikalen-Labor.

Vor Jahren war Nickel Mitverfasser des Spät-90er-Manifests «Tristesse Royale», in dem das sogenannte popliterarische Quintett um Benjamin von Stuckrad-Barre im Berliner Hotel Adlon über den Zeitgeist der Berliner Republik plänkelte. Später schufen er und Autorenkumpel Christian Kracht mit dem Magazin «Der Freund» eine Spielwiese für literarischen Journalismus. Er schrieb Erzählungen und Reisebücher.

Mit «Hysteria» schaffte es der Autor, der nach eigener Aussage «nie ohne eine gestreifte Krawatte von Brooks Brothers» an seiner Doktorarbeit über Thomas Bernhard schrieb, bis auf die diesjährige Longlist des Deutschen Buchpreises. 2017 holte er mit dem Romananfang beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb einen Nebenpreis.

Sein Debüt greift ein klassisches Thema der Literatur der letzten 200 Jahre auf: Schon die Romantik taumelte zwischen Künstlich- und Natürlichkeit - man denke etwa an die Menschmaschine Ophelia in E.T.A. Hoffmanns «Sandmann», die auch jetzt in «Hysteria» von zentraler Rolle ist.

Nickel schöpft aus dem großen Repertoire an Bildern und Begriffen der Sprachgeschichte, ohne seinen Text antiquiert werden zu lassen. Er bleibt präzise, mikroskopisch, aber auch somnambul und detailreich - genauso wie Bergheim seine Umwelt wahrnimmt.

Die für manche Leser womöglich ungewohnte Ballung an Symbolen zeigt die überfrachtete Dekadenz auf dem Weg zur Renaturisierung. Genau das ist die Idee hinter dem Roman: «Hysteria» ist der großfarbig-grausame Zukunft, die auf einer surrealistischen Vergangenheit fußt.

Eckhart Nickel: «Hysteria», Piper, 240 S., 22,00 Euro, ISBN 978-3-492-05924-4

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