Swetlana Alexijewitsch
Literaturnobelpreisträgerin plädiert für mehr Demokratie

Das Hamburger Festival «Lesen ohne Atomstrom» geht in sein siebtes Jahr. Zum Auftakt ruft Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zur Verteidigung freiheitlicher Werte auf.

Dienstag, 21.02.2017, 11:02 Uhr

Swetlana Alexijewitsch liest in der Freien Akademie der Künste bei der Eröffnung des Hamburger Kulturfestivals «Lesen ohne Atomstrom - Die erneuerbaren Lesetage».
Swetlana Alexijewitsch liest in der Freien Akademie der Künste bei der Eröffnung des Hamburger Kulturfestivals «Lesen ohne Atomstrom - Die erneuerbaren Lesetage». Foto: Christian Charisius

Hamburg (dpa) - Die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch bezweifelt, dass die Bewohner der ehemaligen Sowjetunion bereits demokratiefähig sind.

«Ein Mensch, der aus dem Lager kommt, der kann morgen nicht frei sein. Weil sein ganzes Wissen die Lagererfahrung ist», beschrieb die 68-jährige Autorin am Montagabend in Hamburg die Situation im postkommunistischen Russland. Die Demokratie sei zwar überall auf dem Rückzug, sagte Alexijewitsch im Gespräch mit dem Schriftsteller Marc Elsberg. Doch traue sie dem Westen eher zu, deren Werte zu verteidigen.

Der Abend in der Freien Akademie der Künste eröffnete das Literaturfestival «Lesen ohne Atomstrom », bei dem bis zum 13. März zahlreiche Autoren in der Hansestadt zu Gast sind. Der Opernsänger Thomas Quasthoff las Passagen aus dem Roman «Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft» (1997) der weißrussischen Autorin. Angesichts der Atomkatastrophe von 1986 sowie zahlreicher Kriege und Krisen der Gegenwart erklärte die Schriftstellerin, der rein rational orientierte Mensch werde mit den Problemen nicht fertig.

«Nur mit ganz breiten humanistischen Ansätzen kann man die Welt in den Händen und im Griff halten», sagte Alexijewitsch, «das Geistige, fast Religiöse gehört dazu.» Ein Symptom unserer Zeit sei, dass ein in solchem Ausmaß nie gekannter Bruch mit der Vergangenheit und ihren Erfahrungen passiere. So hätte in den 1980er Jahren niemand die massiven Terrorismusprobleme und eine «Gewöhnung an Krieg durch Einzeltäter, denen gegenüber wir machtlos sind», auch nur ahnen können. Dennoch plädierte die Autorin dafür, sich nicht ganz von der Vergangenheit abzuwenden. «Die Bibel ist auch nie aktualisiert worden - und sie ist immer noch da», erklärte sie.

Bei den siebten «Erneuerbaren Lesetagen» gestalten prominente Künstler und Autoren bis 13. März bei freiem Eintritt Literatur-Events an mehreren Orten der Stadt - darunter Mathieu Carrière, Peter Sodann, Anna Thalbach und Stefan Gwildis. Ein Thema in diesem Jahr ist der Protest gegen Transporte atomarer Güter über den Hamburger Hafen. Das Literaturfestival wurde 2011 als Reaktion auf die «Vattenfall-Lesetage» gegründet.

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