Der Förderring Jugend und Familie e. V. im Bistum Münster von 1947 bis 2013
Das Wohl der Familien war Programm

Meist löst sich ein Verein auf, wenn Arbeit und Nachfrage zurückgehen oder sich die Zielsetzung wandelt. Nicht so der Förderring Jugend und Familie e.V. im Bistum Münster: Gerade weil seine Arbeit auf einen fruchtbaren Boden fiel und sich stetig ausweitete, beschlossen die Mitglieder 2013 seine Auflösung – mit ehrenamtlichem Engagement waren die selbst gesetzten Aufgaben schlicht nicht mehr zu stemmen. Der Anbieter von Jugendfreizeiten hatte sich zum Betreiber einer professionellen Fachklinik gewandelt – eine spannende Entwicklung und Geschichte, zu der 2014 eine Publikation erschien.

Montag, 10.10.2016, 12:10 Uhr

Vater-Kind-Kuren auf Norderney zählen zu den besonders begehrten und erfolgreichen Angeboten des Vereins.
Vater-Kind-Kuren auf Norderney zählen zu den besonders begehrten und erfolgreichen Angeboten des Vereins.

Der Verein wurde zwei Jahre nach Kriegsende am 10. Juli 1947 gegründet und wurzelt in der katholischen Jugendbewegung: Etliche Gründungsmitglieder hatten zur 1939 verbotenen „Sturmschar“ gehört. Ziel war die Unterstützung der katholischen Jugendverbände der Stadt Münster durch die Bereitstellung und Verwaltung von sachlichen Mitteln wie Heimen, Sportplätzen und Büchereien. Besonders am Herzen lag den zehn Gründungsmitgliedern die Betreuung der Flüchtlingsjugend. Als erstes Projekt baute der Verein deshalb eine Heimstatt für obdach- und elternlose Jugendliche in Münster an der Harsewinkelgasse in einem halbzerstörten Haus auf. 1951 baute er das benachbarte Haus zum Jugendfreizeitheim aus. Dieses Freizeitheim fand regen Zuspruch, stellte der darin enthaltene Saal doch den ersten großen Versammlungsraum in Münster nach dem Krieg dar.

 

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Mit Linderung der schwersten Kriegsleiden änderte sich die Arbeit des Förderrings . Ziel blieb die Bereitstellung und Verwaltung sachlicher Mittel zur Förderung der katholischen Jugendarbeit. Ab 1955 organisierte der Verein Jugendreisen und Jugenderholungen in den Schwarzwald, ins Sauerland oder ins Ausland. Die Reisen stießen auf eine große Nachfrage, so dass der Verein zwischen 1955 und 1958 selber drei Häuser kaufte und diese bewirtschaftete.

Auf Norderney betrieb der Förderring den Gasthof „ Friesenhof “ und das ehemalige Kinderheim „ Thomas Morus “, in Lette bei Coesfeld den Bauernhof „Höltingshof“. Die Käufe und notwendigen Umbauten der Häuser erfolgten mit finanzieller Unterstützung des Bistums Münster; die Kosten des laufenden Betriebs erwirtschaftete der Verein aber stets selber. Der idyllisch am Fuß der Baumberge in der Münsterländischen Parklandschaft gelegene alte westfälische Bauernhof Höltingshof diente mit seinen 80 Betten und mehreren Schulungsräumen als Schulland- und Jugenderholungsheim. Nach der Schulreform 1968 wurde er zu einem beliebten Beleghaus für Tage der religiösen Orientierung. Die nachlassende Schullandheimbewegung führte 2001 zur Schließung des Hofes.

Einen anderen Verlauf nahm die Bewirtschaftung der Häuser auf Norderney: Im Friesenhof mit 35 Betten und im Haus Thomas Morus mit 50 Betten wurden Ferienfreizeiten und Erholungsmaßnahmen für Jugendliche sowie Familienferien angeboten. Alle Maßnahmen erfolgten in Kooperation mit staatlichen und kirchlichen Stellen und wurden in gewissem Ausmaß bezuschusst. Stießen anfänglich vor allem die Ferienerholungskuren für Jugendliche auf große Resonanz, so stieg im Zuge des Wirtschaftswachstums in den 1960er Jahren die Nachfrage nach Familienferien rasant. Die Namenserweiterung des Vereins in „Förderring Jugend und Familie“ trug dieser Veränderung Rechnung; in Münster wurde der Verein zu einer Institution für Familienferien. Auch sein Kurangebot war sehr beliebt. So dankte eine Mutter 1962 dem Förderring mit den Worten: „Noch nie haben wir uns so wohlgefühlt in einem Norderneyer Haus wie diesen Herbst. In den Pensionen, in denen ich früher wohnte, ließ man es uns deutlich fühlen, dass Kinder nicht erwünscht sind. Was für ein Segen für Mütter mit Kindern, dass es Ihr Heim gibt!“

Das Thomas-Morus-Haus auf einem Foto in den 1930er Jahren

Das Thomas-Morus-Haus auf einem Foto in den 1930er Jahren Foto: privat

Mit der wirtschaftlichen Rezession brach Ende der 1970er Jahre der Umsatz bei den Familienerholungsmaßnahmen ein. Dem Förderring gelang es jedoch, die Auslastung der Häuser durch zwei Maßnahmen zu heben: Er dehnte das Einzugsgebiet auf die ganze Bundesrepublik aus und erschloss mit Mutter-Kind-Kuren eine neue Klientel.

Die Betreuung dieser Mutter-Kind-Kur-Gruppen wurde in den 1980er Jahren schwieriger, was unter anderem auf die steigende Frauenerwerbstätigkeit und die zunehmende Scheidungsrate zurückzuführen ist. Die Frauen benötigten mehr als eine Ferien- oder Erholungsmaßnahme, sie brauchten während der Kur gezielte sozialtherapeutische und medizinische Unterstützung. Der Förderring entwickelte die Konzeption der Häuser weiter, baute die Häuser um und erweiterte das Personal. Nach einer Übergangszeit, in der in beiden Häusern sowohl Familienferien wie Mutter-Kind-Kuren durchgeführt wurden, was aufgrund der unzureichenden Ausstattung von Häusern und Personal nur durch einen hohen persönlichen Einsatz aller Mitarbeiter zu leisten war, beschloss der Verein 1992, sich nur noch auf Mutter-Kind-Kuren zu konzentrieren.

Mit dieser Entscheidung ging der Förderring neue Wege: Primäre Zielgruppen waren nicht mehr Jugendliche und Familien, sondern Mütter mit Kindern. Auch inhaltlich veränderte sich die Arbeit: Der Verein stellte nicht mehr sachliche Mittel – Häuser – zur Nutzung bereit, sondern bot darüber hinaus qualifizierte medizinische und sozialtherapeutische Behandlungen an. Für die Durchführung dieser anspruchsvollen, von den Krankenkassen unterstützten Mutter-Kind-Kuren war die Anerkennung des Müttergenesungswerkes, einer 1950 für Kriegswitwen gegründeten Stiftung, erforderlich. Diese Anerkennung war wiederum mit Anforderungen an Raum- und Personalausstattung verbunden, so dass der Verein bis zur ersten Mutter-Kind-Kur im Sommer 1993 das Haus Thomas Morus in größerem Stil umbaute. Auch der Friesenhof wurde renoviert: In neun Appartements fand nun ausschließlich Familienerholung statt. Mit der Neuausrichtung seiner Arbeit sicherte der Förderring die betriebswirtschaftliche Auslastung der Häuser, hielt und schuf neue Mitarbeiterplätze und entsprach vor allem auch weiterhin den selbst gesetzten, von einem christlichen Menschenbild geprägten Zielen.

Heute werden in der Mutter-Kind-Fachklinik Thomas Morus psychosomatische Störungen, Erkrankungen der Atemorgane und der Haut sowie Stoffwechselerkrankungen behandelt. Bei Kurantritt erfolgt eine sorgfältige Anamnese, auf der aufeinander abgestimmte medizinische Anwendungen, sozialtherapeutische Verfahren und entspannende oder aktivierende Therapien aufbauen. Die Kinder erhalten in der „Kinderinsel“ Betreuung. Um den Betrieb im Haus Thomas Morus langfristig zu sichern und den Anforderungen der Krankenkassen zu entsprechen, fanden erneut Baumaßnahmen statt, so dass schließlich 38 Wohneinheiten mit jeweils zwei Zimmern für 38 Mütter und 50 Kinder zur Verfügung standen und das Hauptgebäude barrierefrei zugänglich war. Die Baumaßnahmen wurden von unter anderem von Bund, Land und dem Bistum Münster unterstützt. Rund 30 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen unterschiedlichster Berufe kümmerten sich um das Wohl der Kurenden. In den folgenden Jahren konnten jährlich rund 1600 Gäste aufgenommen werden.

Die Arbeit des Förderrings zeichnete sich immer wieder durch Mut zur Innovation und zu unkonventionellen Entscheidungen aus: Seit 2001 bietet der Verein Vater-Kind-Kuren an. Damit rührte er an ein Tabu und reagierte auf die gesellschaftliche Tatsache, dass immer mehr Väter in aktiver Erziehungsverantwortung stehen und Erziehung, Partnerschaft, Beruf und den Wunsch nach persönlichem Freiraum miteinander vereinbaren müssen. Diese Doppel- und Mehrfachbelastungen führen, wenn zusätzlich Arbeitslosigkeit oder ein Todesfall dazukommen, zu schweren psycho-physischen Erschöpfungszuständen. Dabei zeigt sich immer wieder: Männer sind anders krank als Frauen. Körperliche Beschwerden sind häufiger chronisch und zunehmend psychosomatisch bedingt. Das Konzept des Förderrings, das bundesweit auf große Beachtung stieß, legt Wert auf einen männerspezifischen Ansatz: Die Zusammensetzung der Teilnehmer ist geschlechtshomogen, die Therapeuten sind männlich. Eine gute Illustration des männerspezifischen Ansatzes sind die Meerbäder bei arktisch anmutenden Temperaturen. Die erste Kur 2001 fand eine gute Resonanz bei den Teilnehmern und eine sehr positive Berichterstattung in den Medien. Die Nachfrage nach Vater-Kind-Kuren stieg daraufhin kontinuierlich und der Förderring baute seine bundesweite Vorreiterrolle in diesem Bereich laufend aus.

Die Arbeit des Vereins wurde seit seiner Gründung von einer Geschäftsstelle mit bis zu drei Mitarbeitern sowie dem ehrenamtlich tätigen Vorstand getragen und zeichnete sich durch eine hohe personelle Kontinuität aus. Vorsitzende waren bis 1965 Geistliche, in der Regel die Jugendseelsorger des Bistums Münster. Danach übernahmen Joseph Backhaus, Karl-Fritz Ewringmann und ab 2001 Florentine Thauren dieses Amt. In der Geschäftsführung waren Erich Klaverkamp, Paul Hartz und ab 1986 Marlies Jägering tätig. Die Mitglieder bildeten die Basis des Vereins: Auch wenn ihre Anzahl die Dreißig kaum je überschritt, blieben sie meist ihr Leben lang Mitglied. Im Zuge des sich verschärfenden Wettbewerbs in der Gesundheitspolitik und -wirtschaft und weil die qualitativ anspruchsvolle Arbeit mit einem ehrenamtlich tätigen Vorstand auf Dauer nicht mehr zu leisten war, entschloss sich der Verein zur Zusammenarbeit mit der benachbarten Klinik Maria am Meer. Da diese vom Caritasverband der Diözese Osnabrück getragen wurde, gründete der Förderring mit dem Osnabrücker Caritasverband eine gemeinsame Betriebs-GmbH und übertrug die Betriebsführung der Häuser Thomas Morus und Friesenhof in diese GmbH. Am 6. März 2013 entschloss sich der Förderring schweren Herzens zu seiner Auflösung und übertrug den Besitz an das Bistum Münster.

Die ursprünglichen Ziele des Förderrings aber werden weiterverfolgt, wie aus der Präambel des Gesellschaftervertrages hervorgeht: „Die Caritas-Gesundheitszentrum für Familien Norderney GmbH richtet ihre Arbeit an den individuellen Nöten der Menschen aus, die ihre Hilfe und ihre Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Grundlagen der Arbeit sind das christliche Verständnis vom Menschen, die ethischen Weisungen der katholischen Kirche, ein hoher Anspruch an die Professionalität und der verantwortungsbewusste und effiziente Einsatz von Ressourcen.“

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