Erinnerung an den Bildhauer Wilhelm Haverkamp (1864-1929)
Künstler zwischen Senden und Berlin

Wilhelm Haverkamp kam am 4. März 1864 in sehr ärmlichen Verhältnissen in Senden bei Münster zur Welt. Wegen der Not – der Vater war zum Krieg nach Böhmen eingezogen – oblag die weitere Erziehung des zweijährigen Knaben den Großeltern mütterlicherseits in Capelle. Großvater Wilhelm Ferlmann war dort gerade pensionierter Lehrer und Organist. Es war zukunftsweisend für den kleinen Wilhelm und bezeichnend für den Großvater, dass er seinem Enkel ein drehbares Tabernakel mit Kruzifix, Kelch, Monstranz und Leuchter baute. Wilhelm Haverkamp erinnerte sich später: „Meine ersten Kunstäußerungen vor dem Schuleintritt bestanden darin, Buchstaben, Blumen und Männchen zu zeichnen und aus weichem Mergelstein allerlei Figuren zu schnitzen und zu schaben. ,Meineh! watt kann dat Jünsken prempeln’, sagten die Dörfler“.

Mittwoch, 05.11.2014, 19:24 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 05.11.2014, 19:24 Uhr
  Foto: Ernst Feix

Trotz der Heimkehr des Vaters aus Böhmen blieb Wilhelm wegen der besseren Förderungsmöglichkeiten bei den Großeltern und wurde von ihnen künstlerisch sehr stark geprägt und inspiriert. Sein Talent erstreckte sich sowohl auf die Malerei als auch auf die Bildhauerei. Als religiöser Mensch bat er im Pfingstgottesdienst 1876 den Heiligen Geist um ein Zeichen für seinen künstlerischen Lebensweg, und eine innere Stimme sagte ihm sehr zur Freude seines Großvaters: „Du sollst Bildhauer werden.“ Sein handwerkliches Können vertiefte Haverkamp ab 1877 bei August Schmiemann (1845-1927) und von 1881-1883 in der Werkstatt von Heinrich Fleige (1840-1890) in Münster. Er besuchte in Abendkursen die Zeichenschule der dortigen Kunstgenossenschaft. Auch zwei vom Großvater bezahlte Lehrer ließen Wilhelm die Reife für den eventuellen Besuch der Kunstakademie erwerben. 1883 errang er dann mit der Skulptur „Rotkäppchengruppe“ ein Stipendium der Stadt Münster für die preußische Kunstakademie (AdK) in Berlin. Seine dortigen Lehrer waren C. G. Pfannschmidt und A. Wolff. Der Bildhauer Prof. Fritz Schaper unterrichtete und begleitete ihn bis zum Meisterschüler. 1889 errang er den großen Rompreis für ein Studium (1889-92). Dort lebte der Kaufmann Wilhelm Hüffer aus Münster, der ihn förderte und unter anderem den „Bocksprung“ und die Gruppe „Knaben auf korinthischem Kapitell“ bei dem jungen Künstler für seine Villa in Auftrag gab. Auch die „Betende Mutter von San Agostino“ für einen Anbetungsaltar ist in dieser Zeit entstanden.

Bevor er zurück nach Berlin ging, heiratete er am 23. April 1892 in Senden Margarethe Ferlmann-Bringelmann, die Adoptivtochter seines aus den USA zurückgekehrten Onkels Josef Ferlmann. Haverkamp hatte Margarethe vor seinem Romaufenthalt beim Besuch des Schützenfestes in Senden kennengelernt.

Als Meisterschüler von Fritz Schaper machte er Bekanntschaft mit einflussreichen Architekten, die für die Realisierung ihrer künstlerischen Vorstellungen geeignete Bildhauer engagierten. Einer dieser Architekten war Franz Schwechten, der die „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“ gebaut hat. Für diese Kirche hat Haverkamp zwei Sopraporten und die Apostelfürsten entworfen. Auch das Fürstengrab in Dessau sowie die weiblichen Skulpturen „Willkommen“ und „Gastlichkeit“ für das „Romanische Haus“ entstanden durch diese Zusammenarbeit mit Schwechten.

Der zweite war Prof. Johannes Otzen. In seinem Auftrag modellierte Haverkamp die Terrakotta-Skulpturen „Propheten“ und/oder „Evangelisten“ in den Lutherkirchen in Berlin-Friedenau und Apolda, sowie der Apostelkirche Ludwigshafen, der Ringkirche, Wiesbaden und der Georgenkirche, Berlin. Als junger Künstler schuf Haverkamp die Bronzedenkmale „Bismarck“ und „Moltke“, für Plauen, „Ferdinand Schichau“ und „Wilhelm I.“, für Elbing, sowie das „Friedrich A. Krupp“-Denkmal in Kiel. Des Weiteren entwarf er Hochaltäre und Heiligenfiguren für die Berliner Rosenkranzbasilika, St. Bonifatius und St. Marien in Friedenau. Das 1898 entworfene Marmordenkmal „Vater und Sohn“ in Berlin-Friedrichshain wird als eines der frühesten „Arbeiterdenkmale“ der Wilhelminischen Zeit bezeichnet.

Haverkamp gehörte der Stilrichtung des Historismus an und wurde 1901 Dozent und 1903 Professor für „figürliches und ornamentales Modellieren“ am Kunstgewerbemuseum in Berlin (1901-1924). 1914 wurde er als Vertreter des Vereins Berliner Künstler in die Aufnahme- und Anordnungskommission der Großen Berliner Kunstausstellung berufen. Seit 1916 war er Mitglied der Königlichen Akademie der Künste zu Berlin. Zu seinen Schülerinnen und Schülern gehörten Heinrich Splieth (1877-1929), Gustav Anton Wallat (1882-1911), Wilhelm Kruse (1887- + unbek.) und Renée Sintenis (1888-1965).

Durch das Bronzedenkmal „Großer Kurfürst“ (1901) in Minden, wurde Kaiser Wilhelm II. auf ihn aufmerksam, der als Oberhaupt der Dynastie der Hohenzollern seine Zustimmung zu dem Entwurf geben musste. Da dem Kaiser der Entwurf sehr gefiel, bestellte er gleich einen Zweitguss für Kiel. Die Stadt Minden, die den Auftrag an Haverkamp erteilt hatte, war über den Zweitguss sehr enttäuscht. Hatte man sich doch ursprünglich bei der Einweihung einen Kaiserbesuch erhofft, doch es kam „nur“ der Kronprinz Wilhelm. Zwei Kaiserbesuche in seinen Ateliers im Kunstgewerbemuseum und in der Görresstraße sind überliefert, und bei dieser Gelegenheit erfolgten weitere kaiserliche Aufträge: „Fuchsjagd“, Tiergarten, „Wilhelm II. von Oranien“, Schloßterasse, Kaiser „Wilhelm II.“, Mürwik, alle in Bronze gegossen. Die Marmorherme „Friedrich der Große“ für die Festung Küstrin ließ Wilhelm II. in einer Zweitanfertigung im „Neuen Palais“ in Potsdam und als Porzellanminiatur für seinen Schreibtisch anfertigen. Hinzu kamen zu diversen Anlässen mehrere Medaillen. Einmal waren sie zur Erinnerung gedacht, andere dienten zur Auszeichnung von Offizieren und Wissenschaftlern.

Auch Teile der Innenausstattungen der SMS „Deutschland“ und der SMS „Kaiser Wilhelm“ waren Auftragswerke des Kaisers. Des Weiteren schuf Haverkamp auch profane Skulpturen wie den „Kegler“ und den „Murmelspieler“. Für das Rathaus Berlin-Charlottenburg modellierte er die Skulpturen „Religion“ und „Verwaltung“, die noch heute am First zu sehen sind. Das Altonaer Museum in Hamburg erhielt die weibliche Figur „Wissenschaft“ für den Giebel.

Mitte des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts wandte er sich – angelehnt an die Antike - der neuen Stilrichtung des Jugendstils zu. Aus dieser Zeit sind mehrere Akte u.a. „vom Brunnen“ in Breslau bekannt. Die Krönung seines Schaffens war jedoch die „freie Schöpfung“ der „Ringergruppe“ (1906) in Bronze im Volkspark Rehberge, Berlin. Für diese Arbeit erhielt Haverkamp die höchste künstlerische Anerkennung, indem ihm die große goldene Medaille der AdK Berlin und die goldene Medaille der AdK München verliehen wurde. Die Skulptur sollte im II. Weltkrieg der Metallverwertung zugeführt werden. Die mit dem Abriss der Gruppe beauftragten Bauarbeiter stürzten sie bei einem nahenden Fliegerangriff „aus Versehen“ in die Spree, wo sie nach dem Zusammenbruch 1945 unversehrt geborgen werden konnte. Großen Erfolg hatte er 1909 mit der 14. Station „Grablegung“ aus dem unvollendeten Kreuzgang für die St. Bonifatiuskirche in Berlin. Diese Komposition verwendete er in diversen Nuancen für viele Grabmäler. Sein letzter großer Auftrag umfasste 1924 neun lebensgroße colorierte Heiligenfiguren für St. Ann´s home in Techny, Ill. USA. Danach schuf er 1928 noch für seine Pfarrkirche St. Marien in Berlin die überlebensgroße „Herz-Jesu“ Figur aus Holz.

Haverkamp blieb stets seiner westfälischen Heimat treu. Die Ferien verbrachte er häufig bei seiner Familie in Senden. Diese Aufenthalte nutzte er, um die von heimischen Künstlern realisierten Werke zu begutachten und auch „letzte Hand“ anzulegen. Vor allem aber schöpfte er hier Kraft für sein künstlerisches Schaffen in Berlin. Aus dieser Zeit sind auch einige Landschaftsaquarelle erhalten. Diese Werke dienten der Erholung und Muße und wurden nicht verkauft.

In Westfalen schuf Haverkamp Kriegerdenkmale für Coesfeld, Lüdinghausen und Senden (alle in Bronze), für die Gefallenen der Einigungskriege des 19. Jahrhunderts, die Innenausstattung von St. Otger, Stadtlohn mit Kanzel und einem Hochaltar. Hier haben das Relief „Fußwaschung“ und der „Hl. Ambrosius“ die Zerstörung der Kirche im Zweiten Weltkrieg überlebt. Vom Altar im Martinistift Appelhülsen, aus Baumberger Sandstein, sind nur die Köpfe der Heiligen Familie erhalten. Sie sind heute im Sandsteinmuseum in Havixbeck zu sehen. „Josef und Jesus“, und „Herz-Jesu“, aus Marmor, in St. Georg in Hiddingsel, sowie das Portal mit sieben lebensgroßen Heiligenfiguren, ein Tympanon und zwei Andachtsaltären für St. Laurentius in Warendorf sind ebenfalls von diesem bedeutenden westfälischen Künstler.

Für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs schuf er Kriegergedächtsnisaltäre mit der Pietà für Senden aus Holz, den steinernen „Hl. Michael“, Hiddingsel, sowie für die münsterischen Kirchen St. Antonius, Bronze, Hl. Kreuz und St. Lamberti, letztere beide aus Baumberger Sandstein und ein St. „Michael“-Mahnmal für Münster-Albachten aus Muschelkalk.

Wilhelm Haverkamp starb am 13. Januar 1929 zurückgezogen in seinem Haus in Berlin-Friede­nau an den Auswirkungen einer Staublunge und an Herzversagen. Seine letzte Ruhestätte fand er neben seiner 1918 verstorbenen Frau Margarethe auf dem St. Laurentius-Friedhof in Senden. Sein Grab schmückt bis heute ein eigenhändig geschaffener Grabstein (1921) aus Neunkirchener Muschelkalk mit zwei Engeln, die das aufgeschlagene „Lebensbuch“ halten. Im Giebel sind Allegorien für seine Familie durch einen Rosen- und einen Eichenzweig dargestellt.

Eine Auswahl der Auszeichnungen: 1892 „Ehrenvolle Erwähnung“ der AdK Berlin; 1899 Herzoglich Anhaltinischer Hausorden für Wissenschaft und Kunst in Gold; 1901 kleine Goldene Medaille für Kunst, Berlin; 1901 Preußischer Rotier-Adler-Orden IV. Klasse; 1903 Patent als Professor; danach Königlich Preußischer Roter- Adler-Orden II. Kl. mit Schleife und Königlich Preußischer Kronenorden III. Klasse; 1909 Goldene Medaille der AdK, München; 1909 Aufnahme in die „Union Internationale des Beaux-Arts et des Lettres“, Paris; 1913 Mitglied der Preußischen Landeskunst-Kommission; 1916 Aufnahme in die Königliche Akademie der Künste zu Berlin 

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