Roboter „BlessU-2“ in Oelde
Segen per Touchscreen bestellen

Oelde -

Sie findet es einfach nur gruselig. „Allein diese Glotzaugen, wenn das Licht angeht“. Rosemarie Balk schüttelt den Kopf. Nein, sie kann „BlessU-2“, dem Roboter, der Segen spendet, wirklich nichts abgewinnen.

Mittwoch, 30.01.2019, 16:21 Uhr aktualisiert: 30.01.2019, 17:22 Uhr
Den Segen auf Knopfdruck gibt es noch bis Freitag in der evangelischen Stadtkirche in Oelde. Küsterin Nicole Everszumrode findet das Projekt sehr spannend, weil sich dadurch viele tiefe Gespräche ergeben. Foto: Beate Kopmann

„Die Menschen reagieren unterschiedlich“, erzählt dagegen die evangelische Pfarre Elke Räbiger. Kirchgänger seien eher skeptisch, aber auch etliche Jugendliche lehnten das Projekt – anders als erwartet – ab. „Nee, Mama, das hat in der Kirche gar nichts zu suchen“, ist sich zum Beispiel die elfjährige Lia Everszumrode sicher, deren Mutter Küsterin in der Oelder Stadtkirche ist. Tatsache ist allerdings, dass die Kirche in diesen Tagen – das Projekt läuft zwei Wochen und dauert noch bis Freitag, 12 Uhr – viel Zulauf hat.

 

 

Viele haben Sehnsucht nach Segnung. Aber die meisten wollen doch von Menschen gesegnet werden.

Pfarrerin Elke Rädiger
Josef Richter hat seinen Segensspruch ausdrucken lassen. Pfarrerin Elke Räbiger hat ihn auf eine Karte geklebt, die Richter mitnehmen kann.

Josef Richter hat seinen Segensspruch ausdrucken lassen. Pfarrerin Elke Räbiger hat ihn auf eine Karte geklebt, die Richter mitnehmen kann. Foto: Beate Kopmann

Auch Ursula Voges zählt zu den Neugierigen. Sie ist extra aus Ennigerloh gekommen und nähert sich leicht unsicher dem Roboter. Er erinnert an einen Bankautomaten. Voges kann die Sprache auswählen – auch ob sie die Stimme eines Mannes oder einer Frau hören will – und dann gibt es Segensworte für verschiedene Lebenssituationen. Die Frau aus Ennigerloh drückt auf „Lebensbegleitung“. Schon heben sich die Arme des Roboters. Eine männliche Stimme spricht Worte aus dem Buch Mose: „Gott segne dich und behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir.“ Und dazu strahlt Licht aus den Händen der Roboterarme.

Das ist mir zu kühl. Ich habe gar nichts gespürt.

Rosemarie Balk

Ursula Voges fand die Roboter-Segnung am Ende besser als erwartet. Ihren Enkeln würde es gefallen, schätzt sie. „Zuhause segne ich oft meine Enkelkinder – und die mögen das.“ Ob aber statt der Oma ein Automat ausreichen würde, müsste sich wohl erst noch zeigen.

Ich segne meine Enkelkinder, und die mögen das.

Ursula Voges

Rosemarie Balk jedenfalls ist die Roboter-Segnung zu kühl. „Ich habe dabei gar nichts gespürt.“ Doch Pfarrerin Rädiger freut sich über tiefe Gespräche, die sie mit Kirchen-Fernstehenden führte, die einfach aus Neugier kamen. „Viele haben Sehnsucht nach Segnung. Die meisten wollen aber von Menschen gesegnet werden.“

Aufgabe der Christen sei es, das Wort Gottes zu den Menschen zu bringen. „Und wenn die Menschen nicht zu uns kommen, kann ein solches Kommunikationsexperiment neue Wege öffnen.“


PRO & CONTRA:

Allemal ein Denkanstoß

Jedermanns Sache ist der Roboter BlessU-2 sicher nicht, der zurzeit in der Oelder Stadtkirche kontroverse Diskussionen auslöst. Ein menschenähnlicher Roboter, der bei entsprechenden Kommando über den Touchscreen einen Segensspruch von sich gibt? Gewöhnungsbedürftig, aber doch zumindest ein interessantes Experiment, das wir dem Künstler Alexander Wiedekind-Klein und der Hessisch-Nassauischen Kirche im Luther-Jahr 2017 verdanken. Wenn die Fachleute Recht behalten, stehen wir mindestens schon mit einem halben Fuß in der Entwicklungsspirale künstlicher Intelligenz (KI).

Nicht nur in der Produktion, sondern auch in der Medizin und der Pflege werden wir uns an die sprechenden und hilfsbereiten Automaten gewöhnen müssen. Trotz Pfarrer- und Priestermangel fällt uns die Vorstellung, dass in Zukunft ein Roboter seelsorgerische Aufgaben übernehmen könnte, schwer. Zu Recht. Aber als Denkanstoß, wie sehr KI unsere vertraute Welt bis in unser Privatleben hinein verändern wird, ist BlessU-2 allemal wertvoll.

von Dierk Hartleb

Widerspruch in sich

Ein Roboter-Segen auf Knopfdruck? Wer will das? Das ist doch ein Widerspruch in sich. Allein der Blick auf die Wurzeln des Wortes Segen – aus dem Lateinischen „Benediction“, von „bene dicere“ mit dem Sinn „Gutes zusagen“ verrät, worum es bei einem Segen geht. Es geht um den Zuspruch von göttlichem Schutz, Fürsorge oder gar Lebenskraft – von Mensch zu Mensch.

Dabei ist gerade der Moment, der mit diesem besonderen Zuspruch verbunden ist, ein ganz persönlicher. Ein Moment, der klar macht: Da gibt es Etwas, das ist nicht steuerbar, nicht programmierbar, eben nicht auf Knopfdruck abrufbar. Den Zuspruch, dass Gott jemanden unter seinen Segen und Schutz stellen möge, kann man eben nur empfangen durch einen gemeinsamen Glauben, der Menschen verbindet.

Es ist ein Ritual, das eine innere Haltung zeigt zum Glauben und gegenüber den Mitmenschen. Auch, wenn „BlessU-2“ von Menschen programmiert ist – er wird diesen besonderen Moment des Segens niemals vermitteln. Soll er das überhaupt?

von Monika Vornhusen

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6358406?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F2580761%2F
„Wir erleben ein Wunder“
Frühstücksgespräch: Die Stornos beim Interview in der Küche von unserem Redaktionsmitglied Stefan Werding.
Nachrichten-Ticker