Der Selbstversuch
Auf Nimmerwiedersehen, Zucker!

Rheine -

Eine Woche ohne Zucker? Okay. Aber eine Woche ohne Kohlenhydrate? Allein die Vorstellung, ist erschreckend. Kristina Sehr hat dennoch den Selbstversuch gewagt und nicht nur auf Haushaltszucker verzichtet, sondern auch das geliebte Vollkornbrot gegen Steak eingetauscht. Ein Bericht über Kochexperimente, Nudel-Neid, Heißhunger – und viele, viele Macadamianüsse.

Mittwoch, 17.01.2018, 11:01 Uhr

Ein Alltag ganz ohne Zucker? Ich, Kristina Sehr, wage den Selbstversuch. Foto: Sven Rapreger

Ein Leben ohne Zucker? Das klingt schwierig. Dabei wandert meine Hand nicht oft in Keksdosen oder ins Süßigkeitenregal. Nach meiner Recherche weiß ich allerdings, dass versteckter Zucker auch in vermeintlich „harmlosen“ Produkten enthalten ist: Müsli, Joghurt, Fruchtsäfte, Salatdressings, Fertiggerichte, ja sogar Tiefkühlpizzen kommen selten ohne Süßungsmittel aus. Ich nehme mir also vor, eine Weile ohne Zucker zu leben. Warum? Weil ich überprüfen möchte, wie schwierig es tatsächlich ist, den persönlichen Alltag zuckerfrei zu gestalten. Außerdem möchte ich selbst erleben, ob sich körperliche Veränderungen bemerkbar machen. Um das Experiment ein wenig zu verschärfen, ergänze ich meine Woche ohne Haushaltszucker noch um sieben weitere Tage, während derer ich ketogen – also beinahe gänzlich ohne Kohlenhydrate – leben möchte. Tschüss, Zucker! Auf Nimmerwiedersehen! Oder?

Tag 1

Der erste Tag meines Experiments beginnt überraschend unkompliziert. Am Abend zuvor habe ich bereits vorgesorgt und eine große Portion asiatisches Curry gekocht, sodass ich während der Mittagspause in der Redaktion nicht zu Fertiggerichten greifen muss. Auf Süßigkeiten zu verzichten, fällt mir nicht schwer – stattdessen löffle ich als Snack Naturjoghurt mit frischen Obststückchen. Das kann also alles gar nicht so schwierig sein, denke ich.

Tag 2

Bereits Tag zwei stellt mich allerdings vor die erste Herausforderung: Eine Praktikantin verabschiedet sich und bringt selbstgebackenen Apfelkuchen mit in die Redaktion. Verführerisch! Wie gern würde ich mir ein Stück gönnen. Aber ich bleibe eisern und greife zum Studentenfutter in meiner Schreibtischschublade. Eins habe ich bereits begriffen: Alternativen parat zu haben, ist das A und O.

Tag 3

Der Lebensmitteleinkauf am folgenden Tag bringt mich an meine Grenzen. Nach dem Feierabend flitze ich für gewöhnlich in rasantem Tempo durch die Supermarktgänge und habe binnen weniger Minuten alles im Einkaufswagen, was mein Herz begehrt. Nun allerdings arbeite ich mühevoll meine zuvor geschriebene Einkaufsliste ab und kontrolliere akribisch die Etiketten der Verpackungen. Ist auch wirklich kein Zucker enthalten?

Möglicherweise fehlt mir ganz einfach die Routine...

Statt Früchtemüsli wandern diesmal Haferflocken in meinen Wagen, anstelle von Salatdressing aus der Flasche entschließe ich mich, zu Hause selbst eine Sauce anzurühren. Möglicherweise fehlt mir ganz einfach die Routine – aber ich merke bereits, dass mein zuckerfreies Leben deutlich mehr Zeit kostet als bislang. Am Abend fühle ich mich merkwürdig erschöpft und sinke müde in mein Bett.

Tag 4

Der vierte Tag des Experiments ist der schwerste. Bislang hatte ich selten mit echten Heißhungerattacken zu kämpfen, doch nun würde ich einiges tun für ein Stückchen Schokolade oder einen schnöden Butterkeks. Mein ganzer Körper schreit nach Zucker. Aus Frust kaufe ich allerhand Krimskrams wie Cremes und Haarprodukte im Drogeriemarkt. Das ist nicht unbedingt zielführend, aber ich lenke mich erfolgreich ab.

Tag 5

An Tag fünf mache ich eine wichtige Entdeckung: Bio-Erdnussmus, das ich am Tag zuvor im Drogeriemarkt erspäht habe. Es enthält lediglich Erdnüsse – Zucker ist nicht in der Zutatenliste zu finden. Ich esse Erdnussmus in allen Variationen: mit Äpfeln, Bananen, Beeren, auf einem Stück Vollkornbrot.

Eine wichtige Entdeckung: Bio-Erdnussmus.

Es schmeckt himmlisch und lenkt mich von meinen Gelüsten ab. Abends mache ich mir einen Salat mit erstaunlich leckerem selbstgemachten Dressing und habe das Gefühl, meine Motivation wiedererlangt zu haben. Möglicherweise ist das Ganze gar nicht so schwierig wie befürchtet.

Tag 6

Am Abend des sechsten Tags lädt mich eine Freundin zum Essen ein. Das Ganze funktioniert besser als gedacht. Ich erkläre der freundlichen Bedienung mein Ansinnen und werde kompetent beraten. Schlussendlich entscheide ich mich für Falafel. Die Kichererbsenbällchen werden mit einem warmen Salat und – Achtung: – zuckerfreier Sauce serviert. Ich habe extra nachgefragt. Köstlich!

Tag 7

Am darauffolgenden Tag geht es mir hervorragend. Zeit, ein Zwischenfazit zu ziehen: Nach der Mittagspause in der Redaktion bin ich nicht müde wie gewohnt, nachts schlafe ich ruhiger. Bislang habe ich für die Lebensmittel während meiner zuckerfreien Phase nicht mehr bezahlt als üblich (wenn man von dem kleinen Drogeriemarkt-Exzess absieht).

Der spontane Griff in die Snack-Theke entfällt.

Allerdings fordert das Experiment eine Menge Zeit, die ich mit Planen, Einkaufen und Vorkochen verbringe. Es ist leicht, auch ohne Zucker leckere Speisen zuzubereiten, aber ich fühle mich in meiner Flexibilität eingeschränkt, da nun der spontane Griff in die Snack-Theke meist entfällt. Abgenommen habe ich bislang nicht, allerdings wirkt mein Bauch deutlich flacher.

Nun wird die Intensität des Experiments aber deutlich erhöht: Morgen beginnt meine ketogene Woche mit höchstens 50 Gramm Kohlenhydraten pro Tag. (Für Diät-Laien: Das ist erschreckend wenig.) Los geht es!

Tag 8

Am achten Tag, der zugleich der erste Tag meiner ketogenen Phase ist, wache ich auf und verfluche das Experiment sofort. Wie gern würde ich nun einen Joghurt mit Haferflocken und Obst essen. Oder ein Vollkornbrötchen. Doch all diese Schlemmereien bleiben mir nun verwehrt, denn sie sind wahre Kohlenhydrat-Bomben. Also mache ich mir Rühreier. Auf dem Weg zur Arbeit stoppe ich im Supermarkt und decke mich mit Nussmischungen ein. Aber Achtung: Auch einige Nuss-Arten, beispielsweise Cashewnüsse, enthalten teils viele Kohlenhydrate. Stattdessen entdecke ich Macadamianüsse als meine neuen besten Freunde.

Ich wünsche mir sehnlichst eine Portion Reis.

In der Mittagspause installiere ich eine Handy-App, mit deren Hilfe ich fortan meine Ernährung protokollieren kann – so gehe ich auf Nummer sicher, die 50-Gramm-Marke nicht zu überschreiten. Zu meiner gefüllten Paprika, die ich am vorherigen Abend bereits vorbereitet habe, wünsche ich mir sehnlichst eine Portion Reis, doch mein Wunsch bleibt unerfüllt. Abends gehe ich joggen, um meinen Kohlenhydrat-Speicher zu leeren: So soll der Umstellungsprozess des Körpers zur „Ketose“ beschleunigt werden. Denn ich will ja, dass mein Körper schleunigst damit beginnt, Energie aus Fett anstatt aus Kohlenhydraten zu gewinnen.

Tag 9

Tag neun beginnt mit einem Eiweiß-Shake und einem Gang ins Fitnessstudio. Wann beginnt denn nun die Ketose? Es folgen mein obligatorisches Eier-Frühstück und erneut die vorbereitete Paprika – allmählich erscheint mir diese Kost öde. Nachmittags stellt sich ein beißender Kopfschmerz ein, ich fühle mich sehr müde und leicht verkatert. Abends koche ich mir gemischtes Gemüse und bin nicht sicher, wie viel Gramm Kohlenhydrate in dieser Portion enthalten sind. Ich entscheide, dass mir das egal ist und esse mein etwas kläglich anmutendes Grünzeug.

Tag 10

Am folgenden Tag ist der Kopfschmerzen weniger stark, aber noch vorhanden. Ich habe unruhig geschlafen und wache mit einem riesigen Hunger auf Brot oder Obst auf. Um mal wieder etwas „Frisches“ zu essen, greife ich zu einer kleinen Portion Beeren mit Quark. Mittags brate ich mir ein Steak – absolut köstlich. Abends folgt ein Omelette mit Rohkost in allen Variationen. Ich fühle mich trotzdem schlapp und habe das Gefühl, krank zu werden.

Tag 11

Als ich an Tag elf aufwache, fühle ich mich deutlich besser. Zwar habe ich einen seltsamen Geschmack im Mund, doch die Kopfschmerzen sind verschwunden und ich fühle mich deutlich fitter. Die Waage zeigt zwei Kilo weniger als zu Beginn des Experiments an.

Mein Körper wird allmählich wieder etwas fitter.

Bei dem verlorenen Gewicht handelt es sich vermutlich nur um verschwundene Wassereinlagerungen, trotzdem freue ich mich. Bei meiner heutigen Joggingrunde halte ich gut durch, allmählich ist mein Körper wieder etwas fitter.

Tag 12

Als es am nächsten Tag zurück in die Redaktion geht, bin ich zwar bei Kräften, aber ich werde geplagt von starkem Hunger auf Obst. Um mich abzulenken, schaufle ich große Mengen meiner heißgeliebten Macadamianüsse in mich hinein. Immerhin fühle ich mich aber nicht mehr müde, also kann ich nicht klagen. Den Spaß am Kochen habe ich weitestgehend verloren. Dafür sieht meine Haut toll aus und ich fühle mich sehr vital.

Tag 13

Als ich hingegen am darauffolgenden Tag mit meinem Freund in unserem gemeinsamen Lieblingsrestaurant essen gehe, erreiche ich einen Tiefpunkt. Ich bin nicht sicher, welche Speisen von der Karte ich essen darf. Schließlich bestelle ich gebratene Putenbrust und traue mich nicht an die Gemüsebeilagen heran, denn trotz meiner Hinweise bei der Bestellung schwimmt das Gemüse in einem Meer aus Sauce Béarnaise.

Das genaue Protokollieren meiner Ernährung nervt mich mittlerweile.

Zwar ist meine ketogene Woche bislang nicht sehr kostenintensiv und ich musste nicht hungern – aber das genaue Protokollieren meiner Ernährung nervt mich mittlerweile sehr und es ist insbesondere beim gemeinsamen Essen mit anderen Menschen schwer, flexibel zu sein. Zudem esse ich nun beinahe täglich Fleisch – und das fühlt sich weder gut noch richtig an.

Tag 14

Am letzten Tag der Testphase bin ich glücklich, dass die zwei Wochen nun vorüber sind. Mittlerweile bringe ich 3,2 Kilogramm weniger auf die Waage und kann meinen Gürtel problemlos ein Loch enger schnallen. Ich bin fit, schlafe gut und fühle mich wohl – aber meine Essensmaxime in den vergangenen Wochen hat meinen Alltag deutlich unflexibler gestaltet, als ich es zuvor gewohnt war.

Und wie geht es weiter?

Strenge Regeln und Richtlinien möchte ich im Rahmen meiner Ernährung auf Dauer also nicht einhalten. Allerdings werde ich einige Anregungen und Ideen für zuckerfreie oder kohlenhydratarme Alternativen auch in Zukunft sicherlich noch nutzen. Nun möchte ich mich zwar nicht mehr dauerhaft einschränken – aber das eine oder andere Mal umzudenken und sich reflektierter zu ernähren, kann sicher nicht schaden.

Hauptsache, der Genuss kommt dabei nicht zu kurz. In Zukunft werde ich also nicht für immer zuckerfrei leben – aber die eine oder andere Prise weniger darf es dann durchaus sein.

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