Auslegung der Handregel
Nach Fehlentscheidungen: Videobeweis verliert an Akzeptanz

«Es sind Menschen, keine Maschinen.» So verteidigt Videobeweis-Chef Jochen Drees im Fernsehen die Bundesliga-Schiedsrichter und ihre Assistenten in Köln. Das Dauerärgernis Handspiel erlebt am Wochenende in den Stadien einen neuen Höhepunkt.

Sonntag, 05.05.2019, 20:26 Uhr aktualisiert: 05.05.2019, 20:30 Uhr
Nicht ganz zufrieden mit einigen Entscheidungen am 32. Bundesliga-Spieltag: Videobeweis-Chef Jochen Drees. Foto: Arne Dedert

Frankfurt/Main (dpa) - Jochen Drees als Projektleiter Videobeweis dürfte sich bei seinem Besuch im ZDF-«Sportstudio» wie auf der Anklagebank vor einem Millionenpublikum gefühlt haben.

Bitten um Verständnis für die schwachen Schiedsrichterleistungen, büßen für die Missverständnisse zwischen dem Keller in Köln und den Spielleitern auf dem Platz. Spätestens nach diesem Bundesliga-Wochenende mit folgenreichen Fehlentscheidungen beim Dauerthema Handspiel ist klar: Die Branche steckt in der Krise - und keiner weiß, wer sie da rausholt.

«Die Auslegung der Handregel ist mittlerweile völlig willkürlich. Der Videobeweis verliert total an Akzeptanz. Und das darf nicht sein!», warnte der frühere FIFA- und Bundesliga-Referee Thorsten Kinhöfer in seiner Kolumne in der «Bild am Sonntag». Er sei nicht oft sprachlos - «aber gestern ist mir echt nichts mehr eingefallen». So ging es vielen Fans, Spielern und Trainern.

Freiburgs Coach Christian Streich forderte ein Umdenken. «Es wird jetzt langsam ganz, ganz kritisch», sagte er. Ein Handspiel im Strafraum solle dann geahndet werden, «wenn eine klare Torchance vermieden wird oder einer die Hand dort hat, wo sie nicht hingehört», meinte der 53-Jährige.

Noch vor wenigen Jahren rühmte sich der DFB damit, die besten Schiedsrichter der Welt zu haben. Offensiv versucht der Verband mittlerweile mit den Problemen umzugehen, kommt jedoch kaum mehr nach mit seinen Erklärungsversuchen. Drees räumte am Samstagabend erst einmal ein, dass die Entscheidung beim nicht geahndeten Handspiel von Herthas Karim Rekik beim Berliner 3:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart «ohne Zweifel» falsch gewesen sei. Genauso wie beim gepfiffenen Handspiel von Jérôme Boateng beim 3:1 des FC Bayern gegen Hannover 96: «Nein, das ist kein Elfmeter.»

In Berlin erkannte der Unparteiische Daniel Schlager beim Stande von 0:0 die Situation nicht. «Wenn wir einen Videoschiedsrichter installieren, muss er im Keller auch online sein», kritisierte VfB-Trainer Nico Willig nach dem Spiel. Da hatte es DFB-SchiedsrichterbossLutz-Michael Fröhlich als Tribünengast im Olympiastadion vor einem TV-Schirm längst als Fauxpas bewertet, dass der erfahrene Günter Perl als Video Assistant Referee (VAR) in Köln nicht eingegriffen hatte.

In München sagte selbst Thomas Doll, als Hannovers Chefcoach Profiteur vom Strafstoß nach der Boateng-Aktion: «Wahrscheinlich war das wieder so ein Phantom-Elfer.» Bayern-Coach Niko Kovac forderte, die Handregel zurückzudrehen - «so wie die ursprünglich war». Die internationale Regel 12 («Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand oder dem Arm berührt») lässt den Referees aber zu viel Interpretationsspielraum, die durch die Unsicherheit der Videoassistenten mitunter noch potenziert wird.

Mittlerweile greifen die Unparteiischen - ausgerechnet zum Saisonende - mit ihren Fehlentscheidungen immer öfter in den Wettbewerb ein. Zuletzt hatte Drees den entscheidenden Elfmeter zum 3:2 der Bayern im DFB-Pokalhalbfinale in Bremen als «nicht korrekt» bezeichnet. In der neuen Saison könnte die Debatte sogar noch ausufern: Denn auch in der Zweiten Liga wird der Videoassistent eingeführt.

«Die Schiedsrichter haben es auch nicht leicht mit der Handregel. Wir hoffen alle, dass da im Sommer eine Änderung kommt», sagte Ex-Weltmeister Thomas Müller. Doch die Hoffnung auf Hilfe von den Regelhütern dürfte vergebens sein: Das International Football Association Board (IFAB) hat sich Anfang März zwar auf Präzisierungen der Handspielregel verständigt.

Aber die bislang bekannten Ausführungen, die am 1. Juni in Kraft treten, sind so schwammig wie die bestehenden Regeln. Dem Vernehmen nach werden die bislang drei Interpretationskriterien lediglich modifiziert und ergänzt. Und auch der vehement vorgebrachte Vorschlag von BVB-Berater und TV-Experte Matthias Sammer, mehr Ex-Profis in den Keller von Köln zu schicken, wird sich nicht umsetzen lassen.

Für Drees ist jedenfalls klar, dass über all das «nach dieser Saison zu sprechen sein wird». Im Bezug auf den Videobeweis will der frühere Bundesliga-Referee auch die Transparenz für die Fans erhöhen. So werde zum Beispiel daran gearbeitet, dass Fernsehzuschauer die Bilder gezeigt bekommen, die der Schiedsrichter sieht, wenn er sich eine Szene am Spielfeldrand noch einmal anschaut. Drees stellte allerdings klar: «Es wird auch mit den neuen Änderungen nicht streitlos über die Bühne gehen.»

Wenigstens einmal konnte der 49-Jährige bei seinem Fernsehauftritt auf ein «fachlich richtiges Ergebnis» verweisen: Da ging es um die Szene in Bremen, als Dortmunds Mario Götze den Ball an den Arm bekam. Schiedsrichter Marco Fritz gab keinen Elfmeter, was Bremens Trainer Florian Kohfeldt natürlich ärgerte: «Im Kontext dieser Saison ist es ein glasklares Handspiel.» Gleichzeitig räumte er ein: «Dem Schiedsrichter mache ich keinen Vorwurf. Sie wissen ja selbst nicht mehr, was sie pfeifen sollen.» Werder-Sportchef Frank Baumann urteilte: «Je mehr diskutiert wird, desto unsicherer werden die Schiedsrichter. Man sagt ja immer, so etwas gleicht sich im Laufe einer Saison aus. Diesen Glauben habe ich verloren.»

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