Fußball: SW Havixbeck
Eine andere Sicht auf das Spiel

Havixbeck/Kreis Coesfeld -

Jonas Grütter liebt Fußball. Schon seit frühester Jugend spielt der 17-Jährige bei Schwarz-Weiß Havixbeck. Vor Kurzem hat er sich entschieden, seine Position als Verteidiger aufzugeben und nur noch mit seinem ehemaligen Team zu trainieren. Dafür gibt es fußballerische Gründe.

Samstag, 15.06.2019, 12:00 Uhr
Jonas Grütter ist seit etwas mehr als zwei Jahren offiziell Fußballschiedsrichter. Der 17-Jährige Havixbecker hat bereits ein Spiel im Fußballoberhaus auf Kreisebene geleitet und wird voraussichtlich in der neuen Saison zum Kreisliga-Kader gehören. Foto: Marco Steinbrenner

An den genauen Tag und Gegner kann sich Jonas Grütter nicht mehr erinnern. „Vier, fünf Jahre sind seitdem sicherlich schon vergangen“, erzählt der Nachwuchsfußballer von SW Havixbeck . „Ich habe damals in der C-Jugend gespielt und mich häufiger über die Leistungen der Schiedsrichter aufgeregt.“ Eines Tages stellte sich Grütter die Frage: Was ist eigentlich so schwer daran, ein Spiel als Unparteiischer zu leiten? Der heute 17-Jährige suchte nach Antworten und wollte es wissen. Bruder Marius trainierte damals die U 11-Junioren der Schwarz-Weißen. „Ich habe angefangen, die Spiele der Jungs zu pfeifen. Das hat mir von Beginn an viel Spaß gemacht.“

Die Leidenschaft, als Referee auf dem Platz zu stehen, ließ Jonas Grütter fortan nicht mehr los. Nach Rücksprache mit den SWH-Schiedsrichterkollegen Berthold Pierick und Ole Engbert sowie seinen Eltern entschloss sich der Schüler des Gievenbecker Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums im Mai 2017, an einem Anwärterlehrgang des Kreises Münster teilzunehmen. Gesagt – getan. Der theoretische Unterricht fand an vier Samstagen jeweils bis zu fünf Stunden statt. Die Prüfung mit einem Lauf- und Regeltest bedeutete das Ende.

Jonas Grütter, der bei den Habichten mit sechs Jahren das Fußballspielen anfing, meisterte die Aufgaben mit Bravour und leitete in seiner ersten Saison Spiele der C- (Landesliga) und B-Junioren (Leistungsliga). Die Belohnungen für seine sehr guten Vorstellungen folgten schnell: Als Assistent ging es in die Frauen-Regionalliga zum Spiel zwischen Germania Hauenhorst und der SpVgg Berghofen sowie zum Herren-Freundschaftsspiel VfL Senden (Landesliga) gegen SuS Neuenkirchen (Westfalenliga).

Der rasante Aufstieg des Havixbeckers setzte sich im zweiten Jahr fort. Als einer von 20 Jung-Schiedsrichtern gehört der Fan von Borussia Mönchengladbach dem Perspektivteam des Kreises an. Die in der Bezirks- und Kreisliga eingesetzten Jung-Schiedsrichter wurden in der Saison 2018/19 an vier Terminen noch einmal extra gefördert. Zusätzliche Regel- und Lauftests galt es zu absolvieren. „Außerdem haben wir uns einige Szenen per Video aus dem Profibereich angeschaut.“ Hinzu kommt einmal im Monat ein Athletiktraining mit Tim Geidies, der auch für die Fitness der Drittliga-Fußballer von Preußen Münster verantwortlich ist.

Im März 2019, wenige Wochen nach seinem 17. Geburtstag, durfte er mit dem Derby zwischen Wacker Mecklenbeck II und Germania Mauritz II sein erstes Herren-Spiel in der Kreisliga B leiten. Es folgten noch zwei weitere Begegnung in dieser Klasse. In einer wurde Jonas Grütter durch einen Schiedsrichter-Beobachter des Kreises genauestens unter die Lupe genommen. Partien in der U 17-Landesliga sowie U 19-Bezirksliga gehörten zu diesem Zeitpunkt bereits zur Tagesordnung. Gleiches galt auch für Einsätze an der Linie bis zur Westfalenliga.

Am letzten Spieltag der vergangenen Spielzeit erhielt Grütter mit dem A-Liga-Derby zwischen Wacker Mecklenbeck und dem BSV Roxel II ein Probespiel. Philipp Hagemann, Schiedsrichter-Chef des Kreises, schaute sich den Youngster an der Pfeife ganz genau an. Nach der Partie kam es zu einem kurzen Austausch. „Wir haben ein, zwei Szenen besprochen. Mehr aber nicht.“

Als Jonas Grütter erfuhr, dass der Kreis-Schiedsrichterausschuss am 1. Juni eine Kreisliga A-Prüfung anbieten würde, dauerte es nicht lange und die Anmeldung war verschickt. Sechs Sprints über 50 Meter, ein Langstrecken-Intervall-Lauf sowie ein Regeltest mit 30 Fragen mussten absolviert werden - für ihn kein Problem. Die Voraussetzung, in der Kreisliga A nun Begegnungen leiten zu dürfen, hat der Havixbecker damit erfüllt. Nun wartet der angehende Abiturient noch auf die endgültige Berufung durch den Schiedsrichter-Ausschuss. „Am 1. Juli weiß ich mehr.“

Die sehr zeitaufwendige Schiedsrichterei zwang Grütter zu einer Grundsatzfrage: Weiterhin bei den A-Junioren aktiv kicken oder ausschließlich zur Pfeife greifen? „Ich mag den Fußball sehr gerne. Am Ende habe ich mich dazu entschieden, mit den Jungs zweimal pro Woche zu trainieren und nicht mehr in der Meisterschaft als Verteidiger aufzulaufen.“ Eine Entscheidung, die ihm nicht leicht fiel. Doch die Freude, „als Schiedsrichter die Kontrolle auf dem Platz und damit eine andere Sicht auf das Spiel zu haben, überwiegt“.

Das Schiedsrichter-Hobby funktioniert bei Jonas Grütter so reibungslos, da sich meist der Vater als Fahrer zur Verfügung stellt. „Einmal pro Woche werde ich zum Spiel chauffiert. Meist schaut sich mein Vater die Begegnung auch an“, erzählt der Sohnemann und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Ein halbes Jahr muss er noch durchhalten. Dann bin ich 18 und darf alleine fahren.“ Viel Geld lässt sich mit der Schiedsrichterei auf den unteren Ebenen nicht verdienen. Bei einer Kreisliga-Spielleitung gibt es eine Pauschale in Höhe von 24 Euro. Hinzu kommt Kilometergeld, „das ich aber natürlich direkt an meinen Vater abdrücke“. Die übrigen Euro werden gespart. „Aktuell lege ich sie für mein erstes Auto zur Seite.“

Bei den jüngst ausgetragenen Nachwuchsturnieren auf der Flothfeld-Sportanlage hatte sich Grütter spontan bereit erklärt, sich um die Akquise und Einteilung der Schiedsrichter zu kümmern. „Jonas ist sehr gewissenhaft und absolut zuverlässig“, sagt Jugendfußball-Obmann Berthold Pierick. „Ich bin selbst seit 32 Jahren als Schiedsrichter im Einsatz. So einen Jungen, der theoretisch sehr gut ist und ein feines Auftreten an den Tag legt, habe ich noch nicht gesehen.“

Apropos Auftreten: Jonas Grütter muss gar nicht lange überlegen, um seine Schwäche als Unparteiischer zu verraten. „Ich muss weiter an meiner Ansprache arbeiten. Die Kommunikation auf dem Platz ist in Ordnung, aber noch ausbaufähig.“ Als das Schiedsrichter-Abenteuer vor etwas mehr als zwei Jahren begann, „hatte ich mir kein konkretes Ziel gesetzt. Irgendwann wollte ich schon in der Kreisliga A pfeifen. Das dies so schnell möglich ist, wusste ich nicht.“

Getreu dem Motto „Stillstand bedeutet Rückschritt“ nutzt Jonas Grütter die Sommerpause aktuell dazu, um an sich zu arbeiten. Zweimal pro Woche geht es in das Fitnessstudio, denn als Unparteiische sei eine „gute körperliche Statur“ sehr wichtig. Die alle zwei Monate erscheinende Schiedsrichter-Zeitung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gehört zur Pflichtlektüre.

Und wenn dann noch abseits des 2020 anstehenden Abiturs und der Schiri-Einsätze Zeit bleibt, geht es meist einmal pro Saison zu seinem Lieblingsverein Borussia Mönchengladbach ins Stadion. „Dann bin ich aber Fan und rege mich auch mal über vermeintliche Fehlentscheidungen der Schiedsrichter auf.“

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