Keine Pflicht zur Strafanzeige
U-Ausschuss zu Kindesmissbrauch in Lügde beginnt Aufklärung

Düsseldorf -

Es ist ein Zufall mit Symbolkraft. Als am Freitag der Untersuchungsausschuss Kindesmissbrauch im Landtag seine Aufklärungsarbeit beginnt, kommt aus dem Landgericht Detmold die nicht nur für die vielen Opfer erleichternde Nachricht: Das Urteil gegen die beiden Haupttäter des massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde ist rechtskräftig. Ein wichtiger Teil der juristischen Aufarbeitung ist damit abgeschlossen, als die politische Aufklärungsarbeit gerade beginnt. 

Freitag, 13.09.2019, 20:01 Uhr aktualisiert: 13.09.2019, 20:14 Uhr
Aktenordner zum Prozess um den Missbrauchsfall Lügde. Foto: Bernd Thissen

Man könnte vermuten, dass dieses Zusammentreffen die Abgeordneten aufwühlt. Aber die gehen ihre Arbeit nüchtern und sehr sachbetont mit einer Expertenanhörung an. Der U-Ausschuss will herausfinden, wie die bekannten Ermittlungspannen zustande kamen und die Rolle der Jugendämter, die lange nicht angemessen reagiert haben, durchleuchten.

Zuerst müssen sie verstehen, wie Jugendämter arbeiten, wenn ein Verdacht auf Kindesmissbrauch auftaucht: Im Fall Lügde wurden Hinweise ignoriert. Oder wie sie Pflegefamilien begleiten: Der auf dem Campingplatz lebende Haupttäter Andreas V. war als Pflegevater für ein Mädchen eingesetzt worden, das dann ein Martyrium durchlebte.

Uneinheitliches Vorgehen

Es sind viele schlichte Fakten, die die Abgeordneten in der dreistündigen Expertenbefragung erfahren. Dabei setzt sich der Eindruck fest, dass die in Hoheit der Kommunen arbeitenden Jugendämtern sehr uneinheitlich vorgehen, für vieles fehlen Standards und eindeutige Zuständigkeiten. Und es gibt überraschende Erkenntnisse: Die Mitarbeiter in den Jugendämtern seien nicht verpflichtet, einen Missbrauchsverdacht anzuzeigen, sagt Sandra Eschweiler, die im Landesjugendamt Rheinland den Bereich Kindswohl verantwortet.

Natürlich würden Verdachtsfälle im Kollegenkreis eingeschätzt und Gefährdungsanalysen vorgenommen. Doch gelte es, das Vertrauensverhältnis zwischen Betreuern und Kindern nicht zu gefährden. Das sei aber der Fall, wenn eine eine Verurteilung des Peinigers nicht aussichtsreich sei. Oft wolle ein Kind auch vermeiden, dass ein Täter in Haft komme. „Eine ausbleibende Verurteilung traumatisiert die Opfer erneut.“ Entscheidend sei aber die Gefährdung der Kinder.

Überlastung beim Jugendamt

Auch Matthias Lemkuhl, Referatsleiter beim Landesjugendamt Westfalen-Lippe, bekräftigt: „Das ist dünnes Eis.“ Beschränkt werde die Jugendhilfe auch dadurch, dass sie zwar verpflichtet ist, mit Ärzten und anderen Geheimnisträgern zusammenzuarbeiten, während es diese Pflicht umgekehrt nicht gebe – aber geben müsste.

Landesweit seien bis zu 60.000 Kinder in Heimen oder Pflegefamilien untergebracht, berichtet Lorenz Bahr, Leiter des Landesjugendamtes Rheinland. In 99 Prozent der Fälle gehe alles gut. Ihre Betreuung sei aber aufwendig. „Wir haben zu wenig Pflegefamilien“, ergänzt Lemkuhl. Dazu kämen aber zu wenig Mitarbeiter, zu viele unbesetzte Stellen in den Jugendämtern. Folge sei dann eine Überlastung.

Am Schluss macht Eschweiler dem Ausschuss klar, wo sie die Grenzen sieht: „Das Leben lässt sich nicht in Gesetze pressen – das ist so bei Kindern und auch bei Familien.“

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