Landtag
Das Grauen der Ermittler gegen Kinderpornografie

Kaum vorstellbar, wie belastend es für Polizisten ist, täglich Kinderpornografie auf kleinste Täter-Hinweise zu durchforsten. Ein Horror-Job mit wenigen Erfolgen im Kampf gegen die Datenflut. NRW setzt auf künstliche Intelligenz und mehr Spezialisten.

Dienstag, 18.06.2019, 17:24 Uhr aktualisiert: 18.06.2019, 17:32 Uhr
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Düsseldorf (dpa/lnw) - Es ist vielleicht der schockierendste Satz, der den Horror der Ermittlungsarbeit gegen Kindesmissbrauch deutlich macht: «Auch Strampler sind unterschiedlich.»

Der Leiter der neuen nordrhein-westfälischen Stabsstelle gegen Kinderpornografie, Ingo Wünsch , beschreibt am Dienstag in Düsseldorf, worauf Polizisten achten müssen, die in diesem schlimmen Bereich der Kriminalität ihren Dienst tun. Wenn ein Säugling missbraucht werde, sei jede Kleinigkeit wichtig, um Täter oder Opfer zu identifizieren: «Welches Emblem, welchen Hersteller, welche Marke hat der Strampler?»

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), seit zwei Jahren im Amt und selbst Vater dreier erwachsener Töchter, hat den Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt zu seinem Herzensanliegen gemacht. «Ich hatte das Thema überhaupt nicht auf dem Schirm als ich Minister wurde», räumte der 66-Jährige bei einer ersten Zwischenbilanz seiner neu eingeleiteten Maßnahmen ein. Erst als er sich im vergangenen Jahr Filme und Bilder im Landeskriminalamt (LKA) angesehen habe, habe er begriffen. «Das hat mich ins Mark getroffen. Danach kann man nicht mehr schlafen.»

Und dann wurde zu Jahresbeginn der massenhafte jahrelange Kindesmissbrauch im lippischen Lügde aufgedeckt. «Ein monströses Verbrechen, in dessen Zusammenhang es viele Versäumnisse auf staatlicher Seite gegeben hat», bekräftigt der Minister. Auch die Politik habe das Thema jahrelang verschlafen.

Jetzt will Reul klotzen: Künstliche Intelligenz soll im Kampf gegen die widerwärtige Datenflut helfen, Gesichter von Tätern und Opfern zu erkennen, bekannte von unbekannten Akteuren zu trennen und Ermittler zu entlasten. Das LKA wird zentrale Auswertestelle und soll um weitere 20 Sonderermittler verstärkt werden. Polizisten, die im Bereich Kinderpornografie und Missbrauch arbeiten, müssen ab jetzt zwingend zur psychologischen Supervision.

«Diese Arbeit ist extrem körperlich und psychisch belastend», beschreibt der erfahrene Kriminaldirektor Wünsch. Die Zumutung für die Ermittler liege nicht allein im Betrachten der ekelhaften Bilder. Besonders schwer zu ertragen sei sexueller Missbrauch, der im Video abgebildet und mit Ton unterlegt sei.

«Sie hören Schreie und sie müssen sich das immer wieder anhören, weil im Hintergrund vielleicht ein Fernseher oder ein Radio mit einem Werbespot herauszufiltern ist.» Dies könne Aufschluss über den Tatzeitpunkt geben. Auch herumliegende Tageszeitungen, besondere Möbel, Dialekte oder Tapetenmuster könnten helfen, Tatort und -zeit, Tatserien oder internationale Bezüge einzugrenzen. Eine Sisyphusarbeit.

«Wir haben Erfolge», bilanziert Wünsch. «Jedes Jahr haben wir Fälle, wo wir Täter identifizieren können und einem schrecklichen Treiben ein Ende setzen.» Viele seien es aber nicht, räumt er ein.

Die Zahlen sind ernüchternd: Von den derzeit 1895 anhängigen Verfahren wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch oder Kinderpornografie sind erst zwölf Prozent in der Auswertung. Der Rest liegt wegen mangelnder Kapazitäten unerledigt - auch als Last auf der Seele der Polizisten, ergänzt Wünsch.

Wie viel Prozent der angezeigten Verdächtigten am Ende tatsächlich überführt und verurteilt werden können, weiß das Innenministerium nicht. Immerhin haben sich die Innenminister von Bund und Ländern in der vergangenen Woche geeinigt, Verbreitung, Erwerb und Besitz von Kinderpornografie künftig härter zu bestrafen. Die Mindeststrafe für sexuellen Missbrauch von Kindern und Kinderpornografie soll auf ein Jahr angehoben werden. «Dann sind die Delikte als Verbrechen eingestuft und der Konsum von Kinderpornografie ist kein Bagatelldelikt mehr, sondern ein abscheuliches Verbrechen», erklärte Reul.

Derzeit gibt es in der über 40 000 Köpfe zählenden NRW-Polizei allerdings nur 104 Stellen speziell für solche Delikte. Bis zum 1. August müssen alle 47 Kreispolizeibehörden ein Konzept vorlegen, wie dieses Personal mindestens verdoppelt werden kann. In welchem Bereich Leute abgezogen werden, will der Innenminister «kreativen regionalen Lösungen» der örtlichen Polizeichefs überlassen. «Wir können uns keine zusätzlichen Polizisten backen.»

Auch zentral bleiben große Aufgaben zu erledigen: «Ein Sachbearbeiter kann im Durchschnitt 500 Bilder in der Stunde anschauen,», erklärt Wünsch. Hier gehe es aber um die unvorstellbare Datenmenge von drei Petabyte. Bis Ende 2020 sollen alle Polizeibehörden technisch in der Lage sein, ihren Datenwust zum Auswerten und Filtern an das LKA zu überspielen. Noch fehlen vielerorts die nötigen Leitungen.

«Warum machen Sie das eigentlich?», hat Wünsch seine Kolleginnen und Kollegen in den Kreispolizeibehörden gefragt. «Warum fahren Sie jeden Morgen den Rechner hoch und schauen sich diese schrecklichen Bilder an?» Mütter, Väter, alle diese besonders stressgetesteten Beamtinnen und Beamten, die selbst Seelsorger und Auszeiten brauchen, um das Grauen zu verarbeiten, hätten ähnlich geantwortet: «Wir sitzen da, um das Opfer zu finden, das wir aus andauerndem sexuellen Missbrauch holen können. Und das gelingt uns.»

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