Missbrauchsfall in Lügde
„Das Geschehene übersteigt jede Vorstellung“

Lügde/Bielefeld -

Auf dem Campingplatz in Lügde sollen missbrauchte Kinder gezwungen worden sein, an anderen Kindern schlimmste sexuelle Handlungen vorzunehmen. Diese Taten soll Andreas V. (56) gefilmt haben. Eine entsprechende Aussage hat ein Kind bei der Kripo in Bielefeld gemacht, und die Angaben werden als glaubwürdig eingeschätzt. „Was in Lügde passiert ist, übersteigt jede Vorstellung“, sagt Rechtsanwalt Peter Wüller aus Bielefeld, der vier mutmaßliche Missbrauchsopfer vertritt.

Montag, 13.05.2019, 18:32 Uhr aktualisiert: 13.05.2019, 19:03 Uhr
Schauplatz der Verbrechen: Ein Kindertretauto und ein Hüpfball vor der bereits zum Teil abgerissenen Parzelle des mutmaßlichen Täters. Foto: Guido Kirchner, dpa

Mehr als 1000 Seiten stark ist die Hauptakte, die die Ermittlungskommission Anfang Mai an die Staatsanwaltschaft Detmold geschickt hat – außerdem eine weitere Akte für jedes mutmaßliche Opfer. In ihrem Abschlussbericht legt die Kripo dem Hauptbeschuldigten Andreas V. (56) aus Lügde den Missbrauch von 28 Opfern zur Last. Sein Komplize Mario S. (34) aus Steinheim soll 18 Opfer missbraucht haben.

In der vergangenen Woche gab die Staatsanwaltschaft Detmold den Verteidigern der Beschuldigten und den Opferanwälten zum ersten Mal Einblick in die Akten. In der Akte seien auch Porträtfotos, die die Kripo von den Kindern gemacht habe. „Wenn ich mir die Gesichter der Kleinen ansehe und dann lese, was ihnen angetan wurde, wird mir schlecht“, sagt der Rechtsanwalt. Aus der Ermittlungsakte ergebe sich, dass die Kinder auf alle nur denkbaren Arten vergewaltigt worden seien.

Chronologie des Missbrauchsfalls: Ermittlungen in Lügde führen zu Ermittlungen bei der NRW-Polizei

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  • 00

    In Lügde im Kreis Lippe sollen auf einem Campingplatz über 30 Kinder missbraucht worden sein. Seit Dezember laufen die Ermittlungen, in deren Zuge auch Strafanzeige gegen die Polizei Lippe erhoben und ein Sonderermittler eingesetzt wurde. Weiter wurden 15 Verdachtsfälle zu Kinderpornografie und Missbrauch innerhalb der NRW-Polizei bekannt.

    Foto: dpa
  • 2016

    Im August 2016 geht ein Hinweis auf unsittliche Annäherung des Hauptverdächtigen an zwei minderjährige Mädchen bei der Kreispolizeibehörde Lippe ein. Der Hinweis wird an das Jugendamt Hameln, das für den Hauptbeschuldigten und dessen Pflegetochter verantwortlich ist, weitergeleitet. Das Jugendamt geht den Vorwürfen nicht nach, da die Unterbringung durch regelmäßige Ortstermine des Jugendamtes kontrolliert wurde.

    Im Dezember 2016 tätigt der Hauptbeschuldigte gegenüber dem Jobcenter in Blomberg Äußerungen, die für die Sachbearbeiterin den Verdacht eines Kindesmissbrauchs ergeben. Die Sachbearbeiterin sendet ihre Feststellungen per Email an die Kreispolizeibehörde Lippe. Das Jugendamt Blomberg nimmt daraufhin eine Überprüfung der Behausung des Hauptbeschuldigten im Hinblick auf eine Gefährdung des Kindeswohls vor. Hinweise auf sexuellen Missbrauch werden bei zwei Kontrollen nicht festgestellt.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 2018

    Gegen den Hauptverdächtigen wird in zwei Fällen wegen sexuellen Missbrauchs Anzeige erstattet. Anfang Dezember kommt es zum Beschluss zur Durchsuchung des Wohnsitzes des 56-Jährigen und der Verkündigung der Untersuchungshaft.

    Am 17. Dezember können neun Fälle von schweren sexuellen Missbrauchs beweiserheblich belegt werden. Die Tatzeiträume reichen bis 2008 zurück.

    Bei Durchsuchungen der Jugendämter Hameln-Pyrmont (Niedersachsen) und Lippe Ende Dezember werden zahlreiche Arbeitsdateien und elektronischer Schriftverkehr sichergestellt.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 10. Januar 2019

    Zwei weitere Tatverdächtige werden ermittelt und festgenommen. Gemeinsam mit dem Hauptverdächtigen soll ein 33-Jähriger auf dem Campingplatz Kinder im Alter von vier bis 13 Jahre missbraucht und kinderpornografische Aufnahmen hergestellt haben.

    Foto: Innenministerium NRW, dpa
  • 30. Januar 2019

    In einer Pressekonferenz der Kreispolizeibehörde Lippe zum Tatkomplex "sexueller Missbrauch" wird erstmalig über den Verdacht über 1.000 (Einzel-) Taten informiert.

    Mindestens 31 Kinder zwischen vier und 13 Jahren sollen Opfer schweren sexuellen Missbrauches geworden sein.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 31. Januar 2019

    Die Staatsanwaltschaft Detmold leitet ein Strafverfahren gegen eine Polizeibeamtin der Kreispolizeibehörde Lippe sowie gegen einen pensionierten Polizeibeamten der Kreispolizeibehörde Lippe wegen des Anfangsverdachts der Strafvereitelung im Amt ein.

    Grundlage sind die Hinweise, die im August und Dezember 2016 eingegangen waren. Zudem wurde einer Sachbearbeiterin des Fachkommissariats für Sexualdelikte der Kreispolizeibehörde Lippe im April 2017 auf Nachfrage mitgeteilt, dass es keine Anhaltspunkte für die Gefährdung des Pflegekindes des Hauptverdächtigen gebe.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 11. Februar 2019

    Es laufen Ermittlungen gegen zwei Polizeibeamte der Kreispolizeibehörde Lippe sowie gegen acht Beschäftigte der Jugendämter Hameln-Pyrmont (Niedersachsen) und Lippe. Darüber hinaus wurden vier Verfahren gegen Beschäftigte anderer Organisationen eingeleitet, die nach Beauftragung durch die Jugendämter im Außendienst tätig sind und regelmäßig die Wohnsituation des Hauptverdächtigen vor Ort überprüft haben.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 15. Februar 2019

    Im Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen wird auch gegen eine Person wegen des Verdachts der Datenlöschung ermittelt. Geprüft werde, ob diese Person für einen der drei Hauptverdächtigen Daten vernichtet hat und ob damit eine Bestrafung verhindert werden sollte. Das sagte der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Gegen den Verdächtigen führe man ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung. Als Hauptverdächtige stuft die Staatsanwaltschaft weiterhin drei Männer ein, die in U-Haft sitzen.

    Foto: dpa
  • 15. Februar 2019

    Im Fall des Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lüdge hat der Landkreis Hameln-Pyrmont einen Jugendamtsmitarbeiter wegen der Manipulation von Akten freigestellt. Außerdem sei die Staatsanwaltschaft informiert worden, teilte Landrat Tjark Bartels am Freitag mit. Der Mitarbeiter habe eingeräumt, einen Vermerk nachträglich in Akten des Jugendamtes einsortiert zu haben. «Er wollte die Akte um einen fehlenden Vermerk ergänzen und so die Akte vervollständigen.» Dieses Vorgehen sei nicht zu tolerieren, und der Landkreis habe eine interne Prüfung eingeleitet. Welche Relevanz der Vermerk für den Fall hat, teilte der Landkreis nicht mit.

    Foto: dpa/lni
  • 21. Februar 2019

    NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) teilt in einer Pressekonferenz mit , dass seit Dezember 2018 155 Datenträger aus der Kreispolizeibehörde Lippe vermisst werden. Die Datenträger enthielten Beweismaterial zu den Missbrauchsfällen.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 27. Februar 2019

    Fahnder haben auf dem Campingplatz bei Lüdge in Nordrhein-Westfalen erneut nach Hinweisen auf einen massenhaften sexuellen Missbrauch gesucht. Ein Spürhund habe dabei in einer Sesselritze einen USB-Stick gefunden , teilte die Polizei mit. Bei der erneuten Durchsuchung wurden noch weitere Datenträger gefunden.

    Foto: dpa
  • 5. März 2019

    Ermittler haben bei weiteren Durchsuchungen erneut Gegenstände gefunden. Insgesamt seien am Montag (4. März) und Dienstag (5. März) drei Objekte durchsucht worden, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei mit. Darunter sei eine Wohnung des 56 Jahre alten Hauptverdächtigen, in die der Mann auf Wunsch des Jugendamtes bald umziehen sollte. Zudem wurde ein weiterer Wohnwagen auf dem Campingplatz, auf dem sich der jahrelange Missbrauch abgespielt haben soll, durchsucht.

    Foto: dpa
  • 9. März 2019

    Bei den Untersuchungen zum Polizeiskandal von Lügde ist der Sonderermittler auf den Fall eines Polizisten gestoßen, der wegen Kinderpornografie vorbestraft ist . Der Beamte sei im Jahr 2011 wegen des Besitzes und Beschaffens von Kinderpornografie verurteilt worden, berichtet der „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Samstag, 9. März) unter Berufung auf das nordrhein-westfälische Innenministerium. Der Mann sei bei der Polizei im Kreis Lippe weiter im Dienst, allerdings nicht in die Untersuchungen zum Missbrauchsfall in Lügde oder andere Ermittlungen eingebunden, sagte ein Ministeriumssprecher der Deutschen Presse-Agentur. Die zuständige Behörde habe seinerzeit bei Gericht die Entlassung des Beamten beantragt, die Richter hätten jedoch eine Degradierung für ausreichend gehalten.

    Foto: dpa
  • 13. März 2019

    Bei den Untersuchungen zum Polizeiskandal von Lügde ist das NRW-Innenministerium landesweit auf 15 Fälle gestoßen, in denen Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs oder Kinderpornografie gegen Polizisten geführt wurden . Es habe sich um straf- oder disziplinarrechtliche Ermittlungen gehandelt, sagte ein Ministeriumssprecher der dpa. Darunter sei auch der Fall eines Polizisten der Kreispolizeibehörde Lippe, der wegen Kinderpornografie vorbestraft ist. Er sei weiter im Dienst. Ein Gericht habe eine Entfernung aus dem Dienst abgelehnt.

    Foto: dpa
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