Widerstand gegen Flächenfraß
Zunehmender Abbau von Kies und Sand sorgt für Unmut

Düsseldorf -

Der Bau-Boom der vergangenen Jahre hat einen Rohstoff wertvoll gemacht, der eigentlich Massenware ist: Sand und Kies sind gefragt wie nie. Das hat Folgen.

Montag, 13.05.2019, 09:00 Uhr
Am Niederrhein – hier in Moers – wird immer Kies für die Bauwirtschaft gefördert. Foto: dpa

Und während bestehende Gruben nach und nach viele Meter tief abgebaggert werden, halten die Unternehmen Ausschau nach neuen Flächen. Am Niederrhein, einer der Hauptabbauregionen in NRW, regt sich jetzt massiver Widerstand gegen einen ungebremsten Flächenfraß. Durch den expansiven Kies-Abbau „reiht sich Baggerloch an Baggerloch“, beklagte der Landrat des Kreises Wesel, Ansgar Müller ( SPD ). Eine einzigartige Kulturlandschaft werde „unwiederbringlich zerstört“.

Der Kreis und mehrere Kommunen wehren sich gegen die neue Vorgabe der Landesregierung, dass die Regionen künftig Reserve-Abbauflächen über 25 Jahre statt bisher nur 20 Jahre vorhalten müssen. Diese Änderung im Landesentwicklungsplan will die schwarz-gelbe Koalition bis Sommer verabschieden. „Wir müssen ein Viertel mehr an Flächen ausweisen, um Vorsorge zu betreiben“, kritisierte Müller. Im Kreis müsse die Fläche von 420 Fußballfeldern – 300 Hektar – zusätzlich ausgewiesen werden, „um einen angenommenen Baustoffbedarf“ abzusichern.

An genau diesem Punkt setzt die Kritik der Kommunalvertreter und 14 Bürgerinitiativen aus den Kreisen Borken, Kleve, Viersen und Wesel an: Der tatsächliche Bedarf sei nie grundlegend geprüft worden. Es seien immer nur aktuelle Abbaumengen auf die nächsten Jahre hochgerechnet worden. Kies sei ein endlicher Rohstoff und sein Abbau müsse gesteuert werden, meinte Müller: „Was weg ist, ist weg.“

Mehrere Kommunen haben deshalb ein Rechtsgutachten zu der Frage erstellen lassen, ob das Land einen so weit reichenden Eingriff ohne konkrete Bedarfsplanung vornehmen darf. Darf es nicht, meint der Augsburger Professor für Umwelt- und Planungsrecht, Martin Kment. Die Landesregierung müsse selbst ermitteln, welchen Bedarf sie absichern wolle – bezogen auf das Land, den Bund oder grenzüberschreitend. Große Kiesmengen gehen in die Niederlande. Die geplante Änderung am Landesentwicklungsplan sei rechtlich anfechtbar. Landrat Müller drohte darum mit einer Klage vor dem Oberverwaltungsgericht Münster.

Kritik kommt auch vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, er lehnt die auf 25 Jahre verlängerte Vorratsplanung strikt ab, weil sie unweigerlich zulasten der Grundwasserversorgung gehe. Diese Sorge treibt ebenfalls die Bürgerinitiativen um: „Wir haben Sorge, dass unser Grundwasser belastet wird“, sagte deren Sprecherin Simone Spiegels. Kies und Sand hätten eine wichtige Filterfunktion, damit Schadstoffe nicht einsickern. Überdies gingen wertvolles Ackerland für heimische Produkte und ein einzigartiges Naturerlebnis verloren: „Wir machen einen schlechten Tausch.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6607906?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F22265%2F
Ex-Parteisprecher machen Grünen-Fraktion Druck
Die stillgelegte Baustelle am Hansaring: Die fast fertige Tiefgarage ist punktgenau beschwert worden, um ein Auftreiben des Baus durch das Grundwasser zu vermeiden, wie es vonseiten der Bauherren heißt.
Nachrichten-Ticker