Kommunen
Kanalsanierung: Kommunen müssen Milliarden aufbringen

Fast 100 000 Kilometer sind die öffentlichen Abwasserkanäle in Nordrhein-Westfalen lang. Ein Teil muss dringend saniert werden. Zusätzliche Probleme verursacht der Starkregen.

Mittwoch, 01.05.2019, 10:03 Uhr aktualisiert: 01.05.2019, 10:12 Uhr
Kanalarbeiter begehen während eines Kontrollgangs die unterirdische Kanalisation. Foto: Daniel Karmann

Essen (dpa/lnw) - Die Kommunen in Deutschland stehen vor zusätzlichen Milliardeninvestitionen in ihre Kanalnetze. Schon jetzt fließen nach Angaben des Stadtwerkeverbands VKU bundesweit pro Jahr mehr als vier Milliarden Euro in den Erhalt und die Erneuerung der Abwasserinfrastruktur. Doch dieses Geld reicht nicht aus, um marode Rohre zu ersetzen und die Kanalisation so zu erweitern, dass sie bei Starkregen nicht sofort an ihre Kapazitätsgrenzen stößt. Erhalt und Erneuerung der Infrastruktur seien «eine Mammutaufgabe», betonte ein VKU-Sprecher. Drei Viertel der kommunalen Unternehmen seien schon vor zwei Jahren bei einer VKU-Umfrage davon ausgegangen, «dass in vielen Regionen die Investitionen in den kommenden Jahren weiter ansteigen müssen».

Geht es nach der Bauindustrie, müsste möglichst schnell ein großangelegtes Programm zur Sanierung des Kanalnetzes starten. Allein in Nordrhein-Westfalen gebe es bei Sanierung und Neubau ein Investitionsdefizit von bis zu 1,3 Milliarden Euro pro Jahr, rechnet der Branchenverband für das bevölkerungsreichste Bundesland vor.

Das Netz der öffentlichen Abwasserentsorgung in NRW ist knapp 100 000 Kilometer lang, bundesweit sind es fast 600 000 Kilometer. Rund 29 Prozent der Rohre seien schon länger als 50 Jahre in der Erde und damit in einem kritischen Alter, heißt es in einer für den Bauindustrieverband NRW erstellten Studie. Das Entwässerungsnetz in Nordrhein-Westfalen sei im Vergleich zum Bundesdurchschnitt in einem teilweise deutlich schlechteren Zustand. «Die Kanäle stehen heute kurz vor dem Zusammenbruch», hatte die Hauptgeschäftsführerin des Bauindustrieverbands NRW, Beate Wiemann, kürzlich in der «WAZ» betont.

Doch beim VKU winkt man ab. «Wer pauschal 50 Jahre alte Leitungen aussortieren will, ist wohl eher ein Verkäufer als ein Ingenieur», kritisierte ein Sprecher solche Äußerungen. «Wassernetze sind kein Massenprodukt von der Stange, sondern ein Maßanzug.» Deshalb müsse jede Kommune einzeln prüfen, was bei ihr nötig sei.

Zudem gelte die Faustregel, «je älter, desto sanierungsbedürftiger», nicht unbedingt. Nicht das Alter sei entscheidend, sondern Bauart und verwendete Materialien, sagte der Geschäftsführer des Instituts für Unterirdische Infrastruktur in Gelsenkirchen, Roland Waniek . Das Institut berät die Kommunen bei allen Fragen rund ums Abwasser. «Da machen uns nicht so sehr die Kanäle, die 100 Jahre alt sind, die großen Sorgen.» Das seien eher die in den 1950er und 1960er Jahren verlegten Rohre. «Da wissen wir nicht, ob beim Bau auf die heutigen Qualitätsstandards geachtet wurde.»

Sorgen bereitet den Kommunen auch der häufiger auftretende Starkregen. Der Deutsche Wetterdienst hatte unlängst nach der Auswertung von Radaraufnahmen aus 17 Jahren gewarnt, die Gefahr solcher Wetterereignisse werde unterschätzt.

Darauf mit einer Erweiterung der Kanalisation zu reagieren, wäre nach Einschätzung des Infrastrukturexperten Waniek nicht unbedingt die richtige Entscheidung. «Die Straßen aufreißen und neue Kanäle verlegen würde lange dauern und wäre sehr teuer.» Das sei sicher nicht im Sinne der Gebühren- und Steuerzahler. «Deshalb sollte man schauen, was man oberirdisch machen kann.»

Waniek empfiehlt etwa, Kinderspielplätze als Versickerungsflächen zu nutzen. Oder bei großen Parkplätzen unterirdische Speicher anzulegen. «Die Speicher können dann das Regenwasser nach und nach in die Kanalisation oder die Natur wieder abgeben.» Jedenfalls stimme die generelle Aussage, «das Kanalnetz in Deutschland ist zu klein dimensioniert», sicher nicht.

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