Kriminalität
Neue Brisanz der Clankriminalität durch Kriegserfahrene

Neue kriminelle Clans wollen in NRW Fuß fassen. Das beobachten die Sicherheitsbehörden gerade im Rauschgifthandel. Darunter seien auch etliche Männer mit Kriegserfahrungen in Syrien oder dem Irak.

Freitag, 12.04.2019, 14:53 Uhr aktualisiert: 12.04.2019, 15:02 Uhr
Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen. Foto: Federico Gambarini

Düsseldorf (dpa/lnw) - Bei der Clan-Kriminalität wie dem Rauschgifthandel wollen nach Einschätzung von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) neue, vermutlich noch gewaltbereitere Gruppierungen mitmischen. «Wir haben Anzeichen dafür, dass sich Großfamilien aus dem irakisch-palästinensisch-syrischen Bereich formieren, die versuchen, die bisherigen Platzhirsche zu verdrängen», sagte Reul in einem Interview des «Kölner Stadt-Anzeigers» (Freitag). Das sei insbesondere im Bereich des Rauschgifthandels zu bemerken.

«Da geht es beispielsweise um Leute, die bisher zu den Fußtruppen der etablierten Clans gehörten, und die sich jetzt sozusagen selbstständig gemacht haben», erklärte Reul. Diese Leute wollten keine Handlanger mehr sein. Unter diesen neuen Clans befänden sich auch junge Männer mit Kriegserfahrung aus den Konflikten in Syrien und im Irak. «Wenn man von der italienischen Mafia spricht, dann arbeitet die ja gerne im Verborgenen. Die Clans sind da schon deutlich weniger lichtscheu. Und die neuen Gruppierungen sind vermutlich noch gewaltbereiter.» Etliche von ihnen seien an der Kriegsfront gewesen.

Auf die Frage, wie die Behörden auf diese Entwicklung reagieren sollen, sagte Reul: «Es war höchste Zeit, dass wir mit den Maßnahmen wie verstärkte Razzien begonnen haben. Und da müssen wir noch konsequenter dranbleiben, als es bisher der Fall war.» Die Razzien seien Nadelstiche, die auf die Dauer eine Wirkung hätten und ein Teil der Lösung sein würden. «Wir wollen stören, die Täter nicht mehr in Ruhe lassen. Die können sich nicht mehr sicher sein», betonte der Minister.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter hält deutlich mehr Ermittler mit dem Fokus auf Clankriminalität für nötig. Allein im Ruhrgebiet seien dafür rund 150 zusätzliche Kriminalisten erforderlich, sagte NRW-Landeschef Sebastian Fiedler am Freitag. Die Behörden gingen in ganz NRW von rund 100 kriminellen Familienclans aus. In den Jahren 2016 bis 2018 seien etwa 14 000 Straftaten durch 6000 Tatverdächtige ermittelt worden, die dem Clanmilieu zugeordnet würden. Und dies sei nur das «Hellfeld», also die amtlich registrierten Straftaten.

«Wir haben es mit 100 mittelständischen Unternehmen zu tun, die mit kriminellen Geschäften unterwegs sind. Die Aufgabenstellung ist, die zu zerschlagen», sagte Fiedler. Zur Bekämpfung der Clankriminalität sei ein ganzes Bündel von Maßnahmen erforderlich. Dazu müssten auch Präventionskonzepte gehören. Außerdem sollten Kriminalpolizei, Zollfahndung, Steuerfahndung und viele Kommunalbehörden bis hin zu Jugendämtern gemeinsam und koordiniert vorgehen. Fiedler warnte davor, dass sich ähnlich wie Rockerclubs auch Clans so aufstellen könnten, dass es mehr Ruhe auf der Straße gebe, aber die «Geschäfte» erfolgreich liefen. «Die Befürchtung ist, dass wir hier das Gleiche erleben.»

In einem Positionspapier listet der Bund Deutscher Kriminalbeamter auf, dass die Straftaten krimineller Clans von Menschenhandel über Drogenkriminalität bis hin zur Schutzgelderpressung reichten. Zudem würden Mitgliedern krimineller libanesischer Familienclans neben Straftaten auch «die Besetzung des öffentlichen Raumes, häufig fehlender Respekt gegenüber Polizei und Rettungsdiensten, aggressives Auftreten im Rahmen von Tumultlagen und schließlich die Entwicklung einer Parallelgesellschaft und Paralleljustiz» zugerechnet.

Es gebe etliche Intensiv- und Mehrfachtäter im Clanmilieu. Als problematisch habe sich die Mehrfacherfassung identischer Personen unter verschiedenen Schreibweisen ihrer Namen herausgestellt. Teilweise werde dieselbe Person unter 16 voneinander abweichenden Schreibweisen geführt. Dies gestalte Analyse und Auswertung zusätzlich schwierig, schilderte der Bund Deutscher Kriminalbeamter.

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