Neue Pannen im Missbrauchsfall
„Die Abgründe sind noch tiefer“ - noch mehr Opfer in Lügde

Düsseldorf/Lügde -

Die Dimension ist riesig: Fast 3,3 Millionen Bilder und 86 300 Videos wertet die 60-köpfige Er­mittlungseinheit „Eichwald“ der Bielefelder Polizei derzeit aus. Der Fall des mutmaßlich tausendfachen Kindesmissbrauchs auf dem Campingplatz in Lügde sprengt alle bisher be­kannten Dimensionen. Das gilt nach Schilderung von Innenminister Herbert Reul (CDU) auch für die sich ­häufenden Ermittlungs­pannen der Kreispolizei Lippe. So bleiben die mindestens seit Januar verschollenen 155 auf dem Campingplatz sichergestellten CDs verschwunden.

Donnerstag, 14.03.2019, 20:25 Uhr
Was auf dem Campingplatz geschah, ermittelt unter anderem die Polizei. Foto: dpa

Der von Reul nach Detmold entsandte Sonderermittler Ingo Wünsch stelle die Suche jetzt ein, weil die Staatsanwaltschaft Detmold den Fall übernimmt und ­wegen Diebstahls gegen unbekannt ermittelt. „Es besteht nach jetziger Erkenntnislage der Verdacht, dass die fehlenden Asservate bewusst entfernt wurden“, sagte Reul am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags. Die eingesetzte Task Force habe festgestellt, „dass Erlasse und Standards im Umgang mit Asservaten nicht eingehalten wurden“.

Zu dieser Panne kommen die drei Verdachtsfälle wegen verschwundener Beweismittel in anderen Verfahren gegen den jetzt suspendierten früheren Leiter der Ermittlungskommission „Camping“. Sie hatte den Missbrauchsfall bearbeitet, bevor Reul ihn an die Bielefelder Polizei delegierte.

Vorwürfe an Innenminister

„Die Abgründe sind noch tiefer“, reagierte der SPD-Innenpolitiker Hartmut Ganzke auf die neuen Enthüllungen. Die Entwicklung werde „immer haarsträubender“. Seine Grünen-Kollegin Verena Schäffer nannte es „erschütternd“, dass jetzt Polizeibeamte vor Ort direkt angegangen würden und „es einen solchen Vertrauensverlust in die Polizei gibt“. Zugleich erinnerte sie an die Eltern der Opfer, die aus den Medien von immer neuen Pannen erführen.

Chronologie des Missbrauchsfalls: Ermittlungen in Lügde führen zu Ermittlungen bei der NRW-Polizei

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    In Lügde im Kreis Lippe sollen auf einem Campingplatz über 30 Kinder missbraucht worden sein. Seit Dezember laufen die Ermittlungen, in deren Zuge auch Strafanzeige gegen die Polizei Lippe erhoben und ein Sonderermittler eingesetzt wurde. Weiter wurden 15 Verdachtsfälle zu Kinderpornografie und Missbrauch innerhalb der NRW-Polizei bekannt.

    Foto: dpa
  • 2016

    Im August 2016 geht ein Hinweis auf unsittliche Annäherung des Hauptverdächtigen an zwei minderjährige Mädchen bei der Kreispolizeibehörde Lippe ein. Der Hinweis wird an das Jugendamt Hameln, das für den Hauptbeschuldigten und dessen Pflegetochter verantwortlich ist, weitergeleitet. Das Jugendamt geht den Vorwürfen nicht nach, da die Unterbringung durch regelmäßige Ortstermine des Jugendamtes kontrolliert wurde.

    Im Dezember 2016 tätigt der Hauptbeschuldigte gegenüber dem Jobcenter in Blomberg Äußerungen, die für die Sachbearbeiterin den Verdacht eines Kindesmissbrauchs ergeben. Die Sachbearbeiterin sendet ihre Feststellungen per Email an die Kreispolizeibehörde Lippe. Das Jugendamt Blomberg nimmt daraufhin eine Überprüfung der Behausung des Hauptbeschuldigten im Hinblick auf eine Gefährdung des Kindeswohls vor. Hinweise auf sexuellen Missbrauch werden bei zwei Kontrollen nicht festgestellt.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 2018

    Gegen den Hauptverdächtigen wird in zwei Fällen wegen sexuellen Missbrauchs Anzeige erstattet. Anfang Dezember kommt es zum Beschluss zur Durchsuchung des Wohnsitzes des 56-Jährigen und der Verkündigung der Untersuchungshaft.

    Am 17. Dezember können neun Fälle von schweren sexuellen Missbrauchs beweiserheblich belegt werden. Die Tatzeiträume reichen bis 2008 zurück.

    Bei Durchsuchungen der Jugendämter Hameln-Pyrmont (Niedersachsen) und Lippe Ende Dezember werden zahlreiche Arbeitsdateien und elektronischer Schriftverkehr sichergestellt.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 10. Januar 2019

    Zwei weitere Tatverdächtige werden ermittelt und festgenommen. Gemeinsam mit dem Hauptverdächtigen soll ein 33-Jähriger auf dem Campingplatz Kinder im Alter von vier bis 13 Jahre missbraucht und kinderpornografische Aufnahmen hergestellt haben.

    Foto: Innenministerium NRW, dpa
  • 30. Januar 2019

    In einer Pressekonferenz der Kreispolizeibehörde Lippe zum Tatkomplex "sexueller Missbrauch" wird erstmalig über den Verdacht über 1.000 (Einzel-) Taten informiert.

    Mindestens 31 Kinder zwischen vier und 13 Jahren sollen Opfer schweren sexuellen Missbrauches geworden sein.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 31. Januar 2019

    Die Staatsanwaltschaft Detmold leitet ein Strafverfahren gegen eine Polizeibeamtin der Kreispolizeibehörde Lippe sowie gegen einen pensionierten Polizeibeamten der Kreispolizeibehörde Lippe wegen des Anfangsverdachts der Strafvereitelung im Amt ein.

    Grundlage sind die Hinweise, die im August und Dezember 2016 eingegangen waren. Zudem wurde einer Sachbearbeiterin des Fachkommissariats für Sexualdelikte der Kreispolizeibehörde Lippe im April 2017 auf Nachfrage mitgeteilt, dass es keine Anhaltspunkte für die Gefährdung des Pflegekindes des Hauptverdächtigen gebe.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 11. Februar 2019

    Es laufen Ermittlungen gegen zwei Polizeibeamte der Kreispolizeibehörde Lippe sowie gegen acht Beschäftigte der Jugendämter Hameln-Pyrmont (Niedersachsen) und Lippe. Darüber hinaus wurden vier Verfahren gegen Beschäftigte anderer Organisationen eingeleitet, die nach Beauftragung durch die Jugendämter im Außendienst tätig sind und regelmäßig die Wohnsituation des Hauptverdächtigen vor Ort überprüft haben.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 15. Februar 2019

    Im Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen wird auch gegen eine Person wegen des Verdachts der Datenlöschung ermittelt. Geprüft werde, ob diese Person für einen der drei Hauptverdächtigen Daten vernichtet hat und ob damit eine Bestrafung verhindert werden sollte. Das sagte der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Gegen den Verdächtigen führe man ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung. Als Hauptverdächtige stuft die Staatsanwaltschaft weiterhin drei Männer ein, die in U-Haft sitzen.

    Foto: dpa
  • 15. Februar 2019

    Im Fall des Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lüdge hat der Landkreis Hameln-Pyrmont einen Jugendamtsmitarbeiter wegen der Manipulation von Akten freigestellt. Außerdem sei die Staatsanwaltschaft informiert worden, teilte Landrat Tjark Bartels am Freitag mit. Der Mitarbeiter habe eingeräumt, einen Vermerk nachträglich in Akten des Jugendamtes einsortiert zu haben. «Er wollte die Akte um einen fehlenden Vermerk ergänzen und so die Akte vervollständigen.» Dieses Vorgehen sei nicht zu tolerieren, und der Landkreis habe eine interne Prüfung eingeleitet. Welche Relevanz der Vermerk für den Fall hat, teilte der Landkreis nicht mit.

    Foto: dpa/lni
  • 21. Februar 2019

    NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) teilt in einer Pressekonferenz mit , dass seit Dezember 2018 155 Datenträger aus der Kreispolizeibehörde Lippe vermisst werden. Die Datenträger enthielten Beweismaterial zu den Missbrauchsfällen.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 27. Februar 2019

    Fahnder haben auf dem Campingplatz bei Lüdge in Nordrhein-Westfalen erneut nach Hinweisen auf einen massenhaften sexuellen Missbrauch gesucht. Ein Spürhund habe dabei in einer Sesselritze einen USB-Stick gefunden , teilte die Polizei mit. Bei der erneuten Durchsuchung wurden noch weitere Datenträger gefunden.

    Foto: dpa
  • 5. März 2019

    Ermittler haben bei weiteren Durchsuchungen erneut Gegenstände gefunden. Insgesamt seien am Montag (4. März) und Dienstag (5. März) drei Objekte durchsucht worden, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei mit. Darunter sei eine Wohnung des 56 Jahre alten Hauptverdächtigen, in die der Mann auf Wunsch des Jugendamtes bald umziehen sollte. Zudem wurde ein weiterer Wohnwagen auf dem Campingplatz, auf dem sich der jahrelange Missbrauch abgespielt haben soll, durchsucht.

    Foto: dpa
  • 9. März 2019

    Bei den Untersuchungen zum Polizeiskandal von Lügde ist der Sonderermittler auf den Fall eines Polizisten gestoßen, der wegen Kinderpornografie vorbestraft ist . Der Beamte sei im Jahr 2011 wegen des Besitzes und Beschaffens von Kinderpornografie verurteilt worden, berichtet der „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Samstag, 9. März) unter Berufung auf das nordrhein-westfälische Innenministerium. Der Mann sei bei der Polizei im Kreis Lippe weiter im Dienst, allerdings nicht in die Untersuchungen zum Missbrauchsfall in Lügde oder andere Ermittlungen eingebunden, sagte ein Ministeriumssprecher der Deutschen Presse-Agentur. Die zuständige Behörde habe seinerzeit bei Gericht die Entlassung des Beamten beantragt, die Richter hätten jedoch eine Degradierung für ausreichend gehalten.

    Foto: dpa
  • 13. März 2019

    Bei den Untersuchungen zum Polizeiskandal von Lügde ist das NRW-Innenministerium landesweit auf 15 Fälle gestoßen, in denen Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs oder Kinderpornografie gegen Polizisten geführt wurden . Es habe sich um straf- oder disziplinarrechtliche Ermittlungen gehandelt, sagte ein Ministeriumssprecher der dpa. Darunter sei auch der Fall eines Polizisten der Kreispolizeibehörde Lippe, der wegen Kinderpornografie vorbestraft ist. Er sei weiter im Dienst. Ein Gericht habe eine Entfernung aus dem Dienst abgelehnt.

    Foto: dpa

Dem Innenminister warf Schäffer vor, er habe zu spät reagiert: „Sie hätten spätestens am 11. Januar die Ermittlungen an die Polizei in Bielefeld übertragen müssen.“ Da sei erstmals die Zahl von mindestens 30 Opfern klar gewesen. Reul verteidigte sich, die Kreispolizei Lippe habe betont, sie habe die Ermittlungen unter Kontrolle. Er habe den Fall am 31. Januar delegiert, als es um mindestens 1000 Einzeltaten ging.

Kritik an Kreispolizei Lippe

Der Minister betonte zugleich, das Innenministerium habe der Kreispolizei mehrfach Unterstützung angeboten. „Man kann erst ­helfen, wenn jemand bereit ist, Hilfe anzunehmen“, sagte er in Richtung von Landrat Axel Lehmann ( SPD ). Schäffer hakte nach: Reul müsse erklären, warum nicht das Bielefelder Polizeipräsidium von sich aus als überge­ordnete Behörde eingegriffen habe.

Reul unterzieht die Kreispolizei Lippe wegen der „festgestellten schwerwiegenden Defizite“ einer umfassenden Inspektion, in der es um grundlegende Fragen und besonders auch den Umgang mit Sexualdelikten geht. Der Minister erklärte, er verstehe nicht, warum eine für die Aufklärung von Missbrauchsfällen ausgebildete Beamtin nicht ein­gesetzt war.

Missbrauch auf Campingplatz

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    Drei Männer sollen auf einem Campingplatz in Lügde im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe 23 Kinder sexuell missbraucht und kinderpornografisches Material hergestellt haben.  

    Foto: Christian Müller
  • Der Campingplatz »Eichwald« in Lügde-Elbrinxen war bis Dienstag vor allem Dauercampern aus den Niederlanden und dem Ruhrgebiet bekannt.

    Foto: Christian Müller
  • Einer der Dauercamper, den hier alle kannten und beim Spitznamen riefen, soll zusammen mit zwei weiteren Männern Kinder missbraucht haben – insgesamt etwa 20, sagt die Staatsanwaltschaft Detmold.

    Foto: Christian Müller
  • Frank Schäfsmeier führt den Campingplatz »Eichwald« in Lügde. »Wir können nicht fassen, was hier passiert sein soll.« 

    Foto: Christian Müller
  • Polizisten haben rot-weißes Absperrband um die Parzelle gezogen, auf der der Hauptbeschuldigte seit Jahrzehnten gelebt hat. 

    Foto: Christian Müller
  • Dass der Junggeselle vor etwa zwei Jahren mit einem kleinen Mädchen auf dem Campingplatz »Eichwald« auftauchte, hat angeblich niemanden stutzig gemacht.

    Foto: Christian Müller
  • Zwei alte Wohnwagen, rundherum ein paar marode, hölzerne Anbauten...

    Foto: Christian Müller
  • ... die Unterkunft wirkt heruntergekommenen.

    Foto: Christian Müller
  • Ein arbeitsloser Junggeselle, der in einem Wohnwagen lebt und trotzdem nach eigenen Angaben vom Jugendamt ein Pflegekind anvertraut bekommt – der Fall wirft Fragen auf, zumal der Mann jetzt unter Missbrauchsverdacht in Untersuchungshaft sitzt. 

    Foto: Christian Müller
  • Ganz geheuer war die Sache dem Jugendamt aber wohl doch nicht. Nach  WESTFALEN-BLATT  -Informationen soll die Behörde den Mann aufgefordert haben, sich eine richtige Wohnung zu suchen.

    Foto: Christian Müller
  • Die fand er 2018 nicht weit vom Campingplatz entfernt über der früheren Sparkassenfiliale von Elbrinxen. 

    Foto: Christian Müller
  • Ein älterer Mann aus der Nachbarschaft: »Ich habe mitbekommen, dass er die Wohnung tapeziert hat. Aber eingezogen ist er bis heute nicht.« 

    Foto: Christian Müller
  • Die Pflegetochter soll aus dem benachbarten Niedersachsen stammen und ins zweite Schuljahr gehen. 

    Foto: Christian Müller
  • Sie soll ebenfalls zu den Opfern gehören und von ihrem Pflegevater missbraucht worden sein.

    Foto: Christian Müller
  • Die drei Verdächtigen - 56, 48 und 33 Jahre alte Männer - befinden sich in Untersuchungshaft.

    Foto: Christian Müller

In einer Antwort auf SPD-Fragen räumte er ein, er könne nicht ausschließen, dass wichtige Beweise verloren gegangen und andere manipuliert worden seien. Möglich sei, dass das den Verteidigern der bislang sieben Beschuldigten in die Hände spiele.

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