Missbrauchsfall in Lügde
Verschwundenes Beweismaterial: Noch kein konkreter Verdacht

Bielefeld -

Der Missbrauchsfall von Lügde bringt ein beispielloses Behördenversagen ans Licht. Immer noch ist Beweismaterial verschwunden. Die Polizei hat offenbar keine Spur.

Freitag, 15.03.2019, 16:16 Uhr aktualisiert: 15.03.2019, 16:50 Uhr
Im Missbrauchsfall von Lügde ist die Zahl der Opfer auf mindestens 34 gestiegen. Foto: Guido Kirchner

Bei den Diebstahl-Ermittlungen zu dem verschwundenen Beweismaterial im Missbrauchsfall von Lügde gibt es bisher keinen konkreten Tatverdacht. «Ein strafrechtlicher Tatverdacht gegen eine bestimmte Person hat sich bislang nicht ergeben», teilten die Staatsanwaltschaft Detmold und die Polizei Bielefeld am Freitag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

Die Staatsanwaltschaft Detmold hatte am 6. März ein Strafverfahren gegen unbekannt wegen des Verdachts des Diebstahls der 155 CDs und DVDs eingeleitet. Diese waren im Dezember aus einem nicht gesicherten Raum der Kreispolizei Lippe verschwunden. Der Verlust blieb wochenlang bis Ende Januar unbemerkt. Da die intensive Suche nach den Datenträgern ergebnislos geblieben sei, könne auch ein Diebstahl nicht ausgeschlossen werden, hieß es weiter.

Weitere Verdachtsfälle

Die verschwundenen Datenträger sind allerdings nur ein geringer Teil des im Wohnwagen des Hauptverdächtigen sichergestellten Beweismaterials. Auf Festplatten und anderen Datenträgern hatten die Ermittler rund 3,3 Millionen Bilder und fast 86 300 Videos sichergestellt.

Chronologie des Missbrauchsfalls: Ermittlungen in Lügde führen zu Ermittlungen bei der NRW-Polizei

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    In Lügde im Kreis Lippe sollen auf einem Campingplatz über 30 Kinder missbraucht worden sein. Seit Dezember laufen die Ermittlungen, in deren Zuge auch Strafanzeige gegen die Polizei Lippe erhoben und ein Sonderermittler eingesetzt wurde. Weiter wurden 15 Verdachtsfälle zu Kinderpornografie und Missbrauch innerhalb der NRW-Polizei bekannt.

    Foto: dpa
  • 2016

    Im August 2016 geht ein Hinweis auf unsittliche Annäherung des Hauptverdächtigen an zwei minderjährige Mädchen bei der Kreispolizeibehörde Lippe ein. Der Hinweis wird an das Jugendamt Hameln, das für den Hauptbeschuldigten und dessen Pflegetochter verantwortlich ist, weitergeleitet. Das Jugendamt geht den Vorwürfen nicht nach, da die Unterbringung durch regelmäßige Ortstermine des Jugendamtes kontrolliert wurde.

    Im Dezember 2016 tätigt der Hauptbeschuldigte gegenüber dem Jobcenter in Blomberg Äußerungen, die für die Sachbearbeiterin den Verdacht eines Kindesmissbrauchs ergeben. Die Sachbearbeiterin sendet ihre Feststellungen per Email an die Kreispolizeibehörde Lippe. Das Jugendamt Blomberg nimmt daraufhin eine Überprüfung der Behausung des Hauptbeschuldigten im Hinblick auf eine Gefährdung des Kindeswohls vor. Hinweise auf sexuellen Missbrauch werden bei zwei Kontrollen nicht festgestellt.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 2018

    Gegen den Hauptverdächtigen wird in zwei Fällen wegen sexuellen Missbrauchs Anzeige erstattet. Anfang Dezember kommt es zum Beschluss zur Durchsuchung des Wohnsitzes des 56-Jährigen und der Verkündigung der Untersuchungshaft.

    Am 17. Dezember können neun Fälle von schweren sexuellen Missbrauchs beweiserheblich belegt werden. Die Tatzeiträume reichen bis 2008 zurück.

    Bei Durchsuchungen der Jugendämter Hameln-Pyrmont (Niedersachsen) und Lippe Ende Dezember werden zahlreiche Arbeitsdateien und elektronischer Schriftverkehr sichergestellt.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 10. Januar 2019

    Zwei weitere Tatverdächtige werden ermittelt und festgenommen. Gemeinsam mit dem Hauptverdächtigen soll ein 33-Jähriger auf dem Campingplatz Kinder im Alter von vier bis 13 Jahre missbraucht und kinderpornografische Aufnahmen hergestellt haben.

    Foto: Innenministerium NRW, dpa
  • 30. Januar 2019

    In einer Pressekonferenz der Kreispolizeibehörde Lippe zum Tatkomplex "sexueller Missbrauch" wird erstmalig über den Verdacht über 1.000 (Einzel-) Taten informiert.

    Mindestens 31 Kinder zwischen vier und 13 Jahren sollen Opfer schweren sexuellen Missbrauches geworden sein.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 31. Januar 2019

    Die Staatsanwaltschaft Detmold leitet ein Strafverfahren gegen eine Polizeibeamtin der Kreispolizeibehörde Lippe sowie gegen einen pensionierten Polizeibeamten der Kreispolizeibehörde Lippe wegen des Anfangsverdachts der Strafvereitelung im Amt ein.

    Grundlage sind die Hinweise, die im August und Dezember 2016 eingegangen waren. Zudem wurde einer Sachbearbeiterin des Fachkommissariats für Sexualdelikte der Kreispolizeibehörde Lippe im April 2017 auf Nachfrage mitgeteilt, dass es keine Anhaltspunkte für die Gefährdung des Pflegekindes des Hauptverdächtigen gebe.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 11. Februar 2019

    Es laufen Ermittlungen gegen zwei Polizeibeamte der Kreispolizeibehörde Lippe sowie gegen acht Beschäftigte der Jugendämter Hameln-Pyrmont (Niedersachsen) und Lippe. Darüber hinaus wurden vier Verfahren gegen Beschäftigte anderer Organisationen eingeleitet, die nach Beauftragung durch die Jugendämter im Außendienst tätig sind und regelmäßig die Wohnsituation des Hauptverdächtigen vor Ort überprüft haben.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 15. Februar 2019

    Im Fall des vielfachen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen wird auch gegen eine Person wegen des Verdachts der Datenlöschung ermittelt. Geprüft werde, ob diese Person für einen der drei Hauptverdächtigen Daten vernichtet hat und ob damit eine Bestrafung verhindert werden sollte. Das sagte der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Gegen den Verdächtigen führe man ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung. Als Hauptverdächtige stuft die Staatsanwaltschaft weiterhin drei Männer ein, die in U-Haft sitzen.

    Foto: dpa
  • 15. Februar 2019

    Im Fall des Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lüdge hat der Landkreis Hameln-Pyrmont einen Jugendamtsmitarbeiter wegen der Manipulation von Akten freigestellt. Außerdem sei die Staatsanwaltschaft informiert worden, teilte Landrat Tjark Bartels am Freitag mit. Der Mitarbeiter habe eingeräumt, einen Vermerk nachträglich in Akten des Jugendamtes einsortiert zu haben. «Er wollte die Akte um einen fehlenden Vermerk ergänzen und so die Akte vervollständigen.» Dieses Vorgehen sei nicht zu tolerieren, und der Landkreis habe eine interne Prüfung eingeleitet. Welche Relevanz der Vermerk für den Fall hat, teilte der Landkreis nicht mit.

    Foto: dpa/lni
  • 21. Februar 2019

    NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) teilt in einer Pressekonferenz mit , dass seit Dezember 2018 155 Datenträger aus der Kreispolizeibehörde Lippe vermisst werden. Die Datenträger enthielten Beweismaterial zu den Missbrauchsfällen.

    Foto: Innenministerium NRW
  • 27. Februar 2019

    Fahnder haben auf dem Campingplatz bei Lüdge in Nordrhein-Westfalen erneut nach Hinweisen auf einen massenhaften sexuellen Missbrauch gesucht. Ein Spürhund habe dabei in einer Sesselritze einen USB-Stick gefunden , teilte die Polizei mit. Bei der erneuten Durchsuchung wurden noch weitere Datenträger gefunden.

    Foto: dpa
  • 5. März 2019

    Ermittler haben bei weiteren Durchsuchungen erneut Gegenstände gefunden. Insgesamt seien am Montag (4. März) und Dienstag (5. März) drei Objekte durchsucht worden, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei mit. Darunter sei eine Wohnung des 56 Jahre alten Hauptverdächtigen, in die der Mann auf Wunsch des Jugendamtes bald umziehen sollte. Zudem wurde ein weiterer Wohnwagen auf dem Campingplatz, auf dem sich der jahrelange Missbrauch abgespielt haben soll, durchsucht.

    Foto: dpa
  • 9. März 2019

    Bei den Untersuchungen zum Polizeiskandal von Lügde ist der Sonderermittler auf den Fall eines Polizisten gestoßen, der wegen Kinderpornografie vorbestraft ist . Der Beamte sei im Jahr 2011 wegen des Besitzes und Beschaffens von Kinderpornografie verurteilt worden, berichtet der „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Samstag, 9. März) unter Berufung auf das nordrhein-westfälische Innenministerium. Der Mann sei bei der Polizei im Kreis Lippe weiter im Dienst, allerdings nicht in die Untersuchungen zum Missbrauchsfall in Lügde oder andere Ermittlungen eingebunden, sagte ein Ministeriumssprecher der Deutschen Presse-Agentur. Die zuständige Behörde habe seinerzeit bei Gericht die Entlassung des Beamten beantragt, die Richter hätten jedoch eine Degradierung für ausreichend gehalten.

    Foto: dpa
  • 13. März 2019

    Bei den Untersuchungen zum Polizeiskandal von Lügde ist das NRW-Innenministerium landesweit auf 15 Fälle gestoßen, in denen Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs oder Kinderpornografie gegen Polizisten geführt wurden . Es habe sich um straf- oder disziplinarrechtliche Ermittlungen gehandelt, sagte ein Ministeriumssprecher der dpa. Darunter sei auch der Fall eines Polizisten der Kreispolizeibehörde Lippe, der wegen Kinderpornografie vorbestraft ist. Er sei weiter im Dienst. Ein Gericht habe eine Entfernung aus dem Dienst abgelehnt.

    Foto: dpa

Staatsanwaltschaft und Polizei haben nach jüngsten Angaben bisher 34 minderjährige Opfer des massenhaften Kindesmissbrauchs identifiziert - 28 Mädchen und sechs Jungen. Darüber hinaus gibt es 14 Verdachtsfälle. Dazu dauern die Ermittlungen an. Angesichts der Masse der sichergestellten Bilder und Filme wird mit weiteren Verdachtsfällen gerechnet. Die drei Haupttatverdächtigen sitzen in Untersuchungshaft.

Strafanzeige gegen Beamten gestellt

Der Polizeiskandal um das verschwundene Beweismaterial weitet sich unterdessen aus. Innenminister Herbert Reul (CDU) hatte am Donnerstag bekannt gegeben, dass ein zeitweiliger Leiter der Lipper Ermittlungskommission vom Dienst suspendiert worden sei. Der Beamte des Kriminalkommissariats Bad Salzuflen hatte die Kommission nur etwa zweieinhalb Wochen von kurz vor Weihnachten bis Anfang Januar geführt. Gegen ihn besteht jedoch in einem anderen Sexualstraffall der Verdacht der Strafvereitelung im Amt. Wie auch im Fall Lügde waren laut Reul in drei anderen Ermittlungsverfahren, die er als Sachbearbeiter geführt hatte, Beweismittel verschwunden.

Der suspendierte Beamte hatte als Tutor auch den Kommissarsanwärter betreut, der die später verschwundenen 155 Datenträger gesichtet hatte. Gegen den Beamten wurde Strafanzeige gestellt und ein Disziplinarverfahren eröffnet. 

 

Missbrauch auf Campingplatz

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    Drei Männer sollen auf einem Campingplatz in Lügde im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe 23 Kinder sexuell missbraucht und kinderpornografisches Material hergestellt haben.  

    Foto: Christian Müller
  • Der Campingplatz »Eichwald« in Lügde-Elbrinxen war bis Dienstag vor allem Dauercampern aus den Niederlanden und dem Ruhrgebiet bekannt.

    Foto: Christian Müller
  • Einer der Dauercamper, den hier alle kannten und beim Spitznamen riefen, soll zusammen mit zwei weiteren Männern Kinder missbraucht haben – insgesamt etwa 20, sagt die Staatsanwaltschaft Detmold.

    Foto: Christian Müller
  • Frank Schäfsmeier führt den Campingplatz »Eichwald« in Lügde. »Wir können nicht fassen, was hier passiert sein soll.« 

    Foto: Christian Müller
  • Polizisten haben rot-weißes Absperrband um die Parzelle gezogen, auf der der Hauptbeschuldigte seit Jahrzehnten gelebt hat. 

    Foto: Christian Müller
  • Dass der Junggeselle vor etwa zwei Jahren mit einem kleinen Mädchen auf dem Campingplatz »Eichwald« auftauchte, hat angeblich niemanden stutzig gemacht.

    Foto: Christian Müller
  • Zwei alte Wohnwagen, rundherum ein paar marode, hölzerne Anbauten...

    Foto: Christian Müller
  • ... die Unterkunft wirkt heruntergekommenen.

    Foto: Christian Müller
  • Ein arbeitsloser Junggeselle, der in einem Wohnwagen lebt und trotzdem nach eigenen Angaben vom Jugendamt ein Pflegekind anvertraut bekommt – der Fall wirft Fragen auf, zumal der Mann jetzt unter Missbrauchsverdacht in Untersuchungshaft sitzt. 

    Foto: Christian Müller
  • Ganz geheuer war die Sache dem Jugendamt aber wohl doch nicht. Nach  WESTFALEN-BLATT  -Informationen soll die Behörde den Mann aufgefordert haben, sich eine richtige Wohnung zu suchen.

    Foto: Christian Müller
  • Die fand er 2018 nicht weit vom Campingplatz entfernt über der früheren Sparkassenfiliale von Elbrinxen. 

    Foto: Christian Müller
  • Ein älterer Mann aus der Nachbarschaft: »Ich habe mitbekommen, dass er die Wohnung tapeziert hat. Aber eingezogen ist er bis heute nicht.« 

    Foto: Christian Müller
  • Die Pflegetochter soll aus dem benachbarten Niedersachsen stammen und ins zweite Schuljahr gehen. 

    Foto: Christian Müller
  • Sie soll ebenfalls zu den Opfern gehören und von ihrem Pflegevater missbraucht worden sein.

    Foto: Christian Müller
  • Die drei Verdächtigen - 56, 48 und 33 Jahre alte Männer - befinden sich in Untersuchungshaft.

    Foto: Christian Müller

 

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