Bergbau
Der letzte schwarze Tag – Abschied von der deutschen Steinkohle

Bottrop -

Nur ein Zufall: Am dunkelsten, weil kürzesten Tag des Jahres 2018 endet der deutsche Steinkohlenbergbau. Seit 2007 stand das Ende fest, groß war die Wehmut trotzdem.

Freitag, 21.12.2018, 18:46 Uhr aktualisiert: 22.12.2018, 11:40 Uhr
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält das letzte Stück Steinkohle. Foto: Federico Gambarini

Die großen Pfützen auf dem Parkplatz der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop sind an diesem Tag noch ein wenig kohlenstaubschwärzer als sonst. Es regnet in Strömen. Dutzende Grubenwehrleute in ihren leuchtend orangen Feuerschutzanzügen und mit Helmlampen stehen tapfer an den Ecken und weisen die Autos ein. Einer von ihnen spricht sofort von dem Unglück im Bergwerk Ibbenbüren am vergangenen Montag, bei dem ein 29 Jahre alter Industriemechaniker unter Tage ums Leben kam. „Ich war nur 80 Meter entfernt, aber gehört habe ich nichts“, sagt er. Erst später habe er dann über Funk davon erfahren. Lebensgefährlicher Steinkohlenbergbau. Bis zuletzt.

Viele Politiker, Manager, Gewerkschafter sind an diesem Tag zur Zeche gefahren, um Abschied zu nehmen von einer Ära, einem der wichtigsten Kapitel deutscher Industriegeschichte: Nach rund 200 Jahren industriellem Steinkohlenbergbau stellt die letzte deutsche Zeche offiziell ihre Förderung ein. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist gekommen. Ebenso EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Direkt am Förderturm von Schacht Haniel stehen sie in einer Halle zusammen mit mehreren Hundert weiteren Ehrengästen und warten auf den letzten symbolischen Akt.

Ibbenbürener Bergleute überreichen «letzte Kohle» an Laschet

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    Die Glocke schlägt noch einmal, dann öffnet sich das Tor vor dem Förderkorb. 

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Fünf Bergleute schieben eine Lore heraus. Die letzte Kohle hat das Anthrazit-Bergwerk in Ibbenbüren verlassen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Damit ist eine fast 500-jährige Tradition im Tecklenburger Land zu Ende.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Schicht im Schacht. Die vorletzte deutsche Steinkohlenzeche ist dicht.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die allerletzte, Prosper Haniel in Bottrop, soll am 21. Dezember geschlossen werden, so sieht es der 2007 geschlossene Kohlekompromiss vor.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Von einem Tag „von historischer Dimension“ sprach Zechenchef Heinz-Werner Voß, „ein einstmals zentraler Zweig deutscher Industriegeschichte geht unwiederbringlich zu Ende.“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Das ist sicher ein schwerer Tag“, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Es ende „ein wichtiges Kapitel in der Geschichte unseres Landes.“ 

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die letzte Kohle aus Ibbenbüren: Unter den Ehrengästen waren (von links): NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, Bischof Felix Genn, Peter Schrimpf, Chef des Kohlekonzerns RAG, Ministerpräsident Armin Laschet, der Vorsitzende der RAG-Stiftung Bernd Tönjes, Ibbenbürens Bürgermeister Marc Schrameyer, Zechenchef Heinz-Werner Voß, Mettingens Bürgermeisterin Christina Rählmann, Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann, Betriebsratschef Uwe Wobben (hinten) und Hörstels Bürgermeister David Ostholthoff. 

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Acht Steinkohle-Bergwerke mit 33.000 Bergleuten gab es noch in Deutschland, bevor 2007 der Bund sowie die Kohleländer NRW und Saarland sich darauf einigten, dass der subventionierte Steinkohlenbergbau 2018 enden würde – und zwar ohne Entlassungen, in einem sozialverträglichen Sinkflug.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die meisten Kumpel schafften den Übergang in die „Anpassung“, den Vorruhestand.

    Foto: Wilfried Gerharz
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  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Doch selbst wenn Kumpel und Region seit 2007 Zeit hatten, sich auf dieses Ende vorzubereiten, so tut der Einschnitt weh. 

    Foto: Wilfried Gerharz
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  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Schutzpatronin, die heilige Barbara, durfte beim Abschied am Barbaratag nicht fehlen. 

    Foto: Wilfried Gerharz
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  • Foto: Wilfried Gerharz
  • Foto: Wilfried Gerharz

Die Stimmung ist gedämpft. Wenige sprechen miteinander. Die Gesichter sind ernst und angespannt. In seiner Rede erinnert der RAG-Vorstandsvorsitzende Peter Schrimpf an den Toten in Ibbenbüren und an die 13 Toten vom Donnerstagabend bei einem Grubenunglück in Tschechien, eine Schlagwetterexplosion in 880 Metern Teufe, wie der Bergmann sagt, wenn er Tiefe meint. Es ist ganz still, als sich dann das armdicke Stahlseil im Schacht in Bewegung setzt und einen Förderkorb nach oben zieht. Es scheppert und rasselt und dauert ein bisschen, bis die acht Bergleute in dem Korb über Tage sind. Zuletzt tritt Reviersteiger Jürgen Jakubeit aus der Kabine, ein stattliches, sieben Kilogramm schweres Stück Kohle in der Hand, das allerletzte in Deutschland geförderte Stück. Um 16.19 Uhr übergibt er es an Steinmeier.

Bundespräsident: Bergleuten gebührt Respekt

Der Bundespräsident hebt den Zusammenhalt und die Solidarität unter Tage hervor und spricht von dem Respekt, der den Bergleuten gebühre, die auch für einen Teil des Wohlstandes in Deutschland gesorgt hätten. Er hoffe, dass dies auch in den revierfernen Regionen nicht vergessen werde. In seiner Festrede fragt Steinmeier später rhetorisch, ob sich in den Milliarden Steuergeldern für den Bergbau nicht auch so etwas wie der Dank des Vaterlandes ausdrücke. Für die, die 1000 Meter unter der Erde in Hitze, Dreck und ständiger Gefahr Gesundheit und Leben riskiert haben.

So wie Thomas Sidzik, 51 Jahre alter Reservist der Grubenwehr aus Gelsenkirchen, schon im Vorruhestand. Bereits mit 16 hat er angefangen, war im Abbau, auch im Streckenvortrieb, also direkt „vor der Kohle“. Er wurde Steiger, eine Art Vorarbeiter. Später bildete er Sicherheitsfachkräfte aus. „Da geht eine ganze Ära zu Ende. In meiner Familie sind das jetzt fünf Generationen gewesen, die im Bergbau gearbeitet haben.“ Die erste Generation kam noch aus Masuren.

Steinmeier erinnert an Zugewanderte

Auch Steinmeier erinnert an die vielen Zugewanderten aus Deutschland und Europa, aus Nordafrika und Korea, die im Steinkohlenbergbau Arbeit fanden. Und er erinnerte an die Frauen der Bergleute, die „unbesungene Heldinnen“ seien, deren Arbeit nicht weniger hart war. „Denken wir nur an die ewige, tagtägliche Mühe, die Wohnung und die Fenster und Kleidung sauber zu halten, inmitten des schwarzen Staubs.“

Und jetzt? „Es gibt hier viele, viele Voraussetzungen für eine gute Zukunft hier in der Region. Das Wichtigste sind die Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, die in jedem Abschied auch einen neuen Anfang sehen“, sagt der Bundespräsident. Auch Thomas Sidzik hat Pläne. „Jetzt ist erstmal zu Hause dran. Jetzt kann ich das tun, was ich zu Hause die ganze Zeit nicht so genau machen konnte, renovieren zum Beispiel. Dann haben wir auch noch einen Garten. Dann noch ein bisschen reisen.“ Und auch sein Fachwissen will er einbringen, etwa in einem Trainingsbergwerk in Recklinghausen. Dort will er Schulklassen führen.

Feierlicher Abschied vom Steinkohlebergbau auf Schalke

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  • Unter besonderen Vorzeichen stand am 16. Spieltag der 1. Fußball-Bundesliga die Heimpartie des FC Schalke 04 gegen Bayer Leverkusen, wie diese Choreographie der Schalker Fans vor Spiel verdeutlicht...

    Unter besonderen Vorzeichen stand am 16. Spieltag der 1. Fußball-Bundesliga die Heimpartie des FC Schalke 04 gegen Bayer Leverkusen, wie diese Choreographie der Schalker Fans vor Spiel verdeutlicht...

    Foto: Ina Fassbender
  • ...denn es wurde der Abschied vom Steinkohlebergbau in der Region zelebriert. Teilnehmer der Feier war auch dieses Mitglied der Grubenwehr, das auf dem Spielfeld vor einer Lore mit Kohle sich postiert hatte.

    Foto: Ina Fassbender
  • Zeichen der Verbundenheit: Mitarbeiter der RAG waren im Kumpelhemd zur Partie ins Stadion gekommen.

    Foto: Ina Fassbender
  • Imposante Eindrücke vor dem Anpfiff: Eine Feuerwerksinstallation brannte im Zeichen des Bergbaus.

    Foto: Ina Fassbender
  • Ein Bergmann hält sein Grubenlampe hoch.

    Foto: Ina Fassbender
  • Zeichen der Verbundenheit: Schalkes Spieler trugen ein Trikot mit dem Schriftzug Bergmannsglück.

    Foto: Guido Kirchner
  • Clemens Tönnies, Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender, verneigte sich symbolisch vor den Bergleuten.

    Foto: Guido Kirchner
  • Gemeinsam wurde das Steigerlied gesungen.

    Foto: Guido Kirchner
  • Das Schalker Maskottchen „Erwin“ war als Bergmann bekleidet.

    Foto: Ina Fassbender
  • Am 21. Dezember wird im Ruhrgebiet die letzte Steinkohlezeche geschlossen.

    Foto: Ina Fassbender
  • Ein Kind in Bergmannkleidung fieberte während des Spiels mit den Schalker Spielern mit. Doch vergebens...

    Foto: Ina Fassbender
  • ...denn auf den emotionalen Abschied vom Steinkohlebergbau folgte ein schwacher Auftritt der Schalker Fußballer: Die Königsblauen verloren mit 1:2 gegen Bayer Leverkusen.

    Foto: Ina Fassbender
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