Bergbau hinterlässt Spuren
Der Rückzug aus einem Bergwerk will genau geplant sein

Ibbenbüren/Münster -

Schicht im Schacht. Das klingt einfach, erfordert aber jahrelange Vorarbeit. Denn: Deckel auf den „Pütt“ und vergessen – das geht nicht. Peter Goerke-Mallet, Honorarprofessor der Technischen Hochschule Georg Agricola, beschäftigt sich als Experte für Nachbergbau mit dem Thema.

Sonntag, 23.12.2018, 14:50 Uhr aktualisiert: 23.12.2018, 14:57 Uhr
Schienen der Hängebahnan der Decke, Kabel und Versorgungsleitungen an der Wand, Akkus und Maschinen – in einem Bergwerk steckt jede Menge Technik. Alles muss raus, bevor der Deckel draufkommt. Wilfried Gerharz Foto: Wilfried Gerharz

Wo liegt die Kohle? Wie bekommen wir sie raus? Das waren über Jahrzehnte die Fragen für den Münsteraner Peter Goerke-Mallet . Bis 2012 war der promovierte Ingenieur Markscheider, also Vermessungsingenieur und Geologe, der Ibbenbürener Zeche. Heute lauten seine Fragen im Forschungszentrum Nachbergbau der Bochumer TH Georg Agricola anders: Wie verhindere ich, dass Stoffe aus der Grube kommen, die ich nicht in der Umwelt haben will? Kurz: Wie lege ich ein Bergwerk nachhaltig still, also sicher, umweltverträglich – und dies für alle Ewigkeit?

Das Zechengelände ist relativ klein, die Ausdehnung des Grubengebäudes ist riesig – klingt paradox, ist aber so, weil das eine über, das andere unter der Erde liegt. 70 Hektar misst das Zechengelände am Ibbenbürener Schacht, weitere 20 Hektar am dazugehörigen Mettinger Nordschacht – oberirdisch. Unterirdisch aber zieht sich das Grubengebäude in mehreren Etagen mehr als 1550 Meter in die Tiefe und erstreckt sich über Kilometer in jede Richtung. Rund 100 Kilometer lang waren einst die „Strecken“ (Tunnel) unter Tage. Bergleute sprechen vom „offenen Grubengebäude.“

Rückzug wird seit Jahren geplant

„Mindestens seit sieben bis acht Jahren“ werde in Ibbenbüren im Detail geplant, wie der Rückzug ablaufen muss, sagt Goerke-Mallet. Am 17. August ist die letzte Kohle aus dem Streb gehobelt worden. Jetzt wird „geraubt“, also ausgebaut, wo einst abgebaut wurde. Alles soll raus aus dem Grubengebäude: Alle Maschinen und Einrichtungen, die noch zu verwerten oder verkaufen sind, natürlich – Kohlehobel, Abstütz-Schilde, Seitenkipplader. Auch die Kühlaggregate, die die Hitze unter Tage erst erträglich machten. Raus muss aber auch alles, was das Wasser gefährden könnte – alle Hy­draulikflüssigkeiten etwa, aber auch die kilometerlangen Förderbänder. Bis Ende 2019 soll das erledigt sein.

Seit Monaten ziehen die Bergleute sich Zug um Zug ­zurück. Streb für Streb wurde ausgeräumt, Strecke für Strecke „leergeraubt“ bis nur noch der metallene Ausbau stehen bleibt. Dann wird die Strecke verrammelt, „ab­geworfen“ sagen die Kumpel.

Peter Goerke-Mallet, Honorarprofessor für Nachbergbau an der TH Georg Agricola in Bochum

Peter Goerke-Mallet, Honorarprofessor für Nachbergbau an der TH Georg Agricola in Bochum Foto: Jürgen Christ

Vorsicht: Frischluftzufuhr!

Goerke-Mallets einstige Kollegen in der Markscheiderei haben den Rückzug ganz genau geplant. Das ist notwendig, denn sonst könnten sich die Kumpel selbst die Frischluftzufuhr abschneiden. 25 000 Kubikmeter Luft werden jede Minute über die Wetterschächte abgesaugt, genauso viel lebensnotwendige Frischluft zieht über andere Schächte nach. „Wenn die Bewetterung erst abgeschaltet worden ist, kann niemand es mehr befahren“, sagt Goerke-Mallet.

Irgendwann werden dann die Pumpen abgeschaltet, die das Bergwerk trocken halten. Regenwasser sickert ein, überschwemmt nach und nach das Bergwerk. Das Pro­blem: Was letztlich mit und in den stillgelegten Gruben passiert, kann sich dann kein Mensch mehr anschauen. Wie genau steigt das Wasser, nachdem die Pumpen abgeschaltet sind? Wie entwickelt sich die Methangas-Konzentration? Sonden, „so groß wie ein Tannenbaum“ und in Gitterkäfigen gegen Steinschlag geschützt, sollen den Forschern künftig wichtige Erkenntnisse liefern.

Ibbenbürener Bergleute überreichen «letzte Kohle» an Laschet

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    Die Glocke schlägt noch einmal, dann öffnet sich das Tor vor dem Förderkorb. 

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Fünf Bergleute schieben eine Lore heraus. Die letzte Kohle hat das Anthrazit-Bergwerk in Ibbenbüren verlassen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Damit ist eine fast 500-jährige Tradition im Tecklenburger Land zu Ende.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Schicht im Schacht. Die vorletzte deutsche Steinkohlenzeche ist dicht.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die allerletzte, Prosper Haniel in Bottrop, soll am 21. Dezember geschlossen werden, so sieht es der 2007 geschlossene Kohlekompromiss vor.

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  • Von einem Tag „von historischer Dimension“ sprach Zechenchef Heinz-Werner Voß, „ein einstmals zentraler Zweig deutscher Industriegeschichte geht unwiederbringlich zu Ende.“

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  • Das ist sicher ein schwerer Tag“, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Es ende „ein wichtiges Kapitel in der Geschichte unseres Landes.“ 

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  • Die letzte Kohle aus Ibbenbüren: Unter den Ehrengästen waren (von links): NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, Bischof Felix Genn, Peter Schrimpf, Chef des Kohlekonzerns RAG, Ministerpräsident Armin Laschet, der Vorsitzende der RAG-Stiftung Bernd Tönjes, Ibbenbürens Bürgermeister Marc Schrameyer, Zechenchef Heinz-Werner Voß, Mettingens Bürgermeisterin Christina Rählmann, Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann, Betriebsratschef Uwe Wobben (hinten) und Hörstels Bürgermeister David Ostholthoff. 

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Acht Steinkohle-Bergwerke mit 33.000 Bergleuten gab es noch in Deutschland, bevor 2007 der Bund sowie die Kohleländer NRW und Saarland sich darauf einigten, dass der subventionierte Steinkohlenbergbau 2018 enden würde – und zwar ohne Entlassungen, in einem sozialverträglichen Sinkflug.

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  • Die meisten Kumpel schafften den Übergang in die „Anpassung“, den Vorruhestand.

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  • Doch selbst wenn Kumpel und Region seit 2007 Zeit hatten, sich auf dieses Ende vorzubereiten, so tut der Einschnitt weh. 

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  • Die Schutzpatronin, die heilige Barbara, durfte beim Abschied am Barbaratag nicht fehlen. 

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Sonden für Ibbenbürener Bergwerk

Fachleute des Forschungszentrums Nachbergbau haben sie entwickelt. Im 2015 stillgelegten Bergwerk Auguste-Viktoria sind sie bereits im Einsatz. Wasseranstieg, Fließgeschwindigkeit und -richtung, Temperatur – jede Menge Daten liefern die Sonden über Kabel aus der lebensfeindlichen Tiefe ans Tageslicht. Auch im Ibben­bürener Bergwerk sollen solche Sonden eingesetzt werden.

Wozu der Aufwand? Für die Wissenschaft. Aber auch für den Umweltschutz. Denn, ob das Wasser schnell oder langsam ins Bergwerk fließt, macht einen riesigen Unterschied bei der Frage, ob und wie viele Schadstoffe es mit sich bringt, wenn es oben aus dem Berg austritt, weiß der Nachbergbau-Experte Goerke-Mallet.

Ibbenbüren ist die heile Welt des Bergbaus.

Wilhelm Beermann, einstiger Chef des Kohlekonzerns RAG

„Ibbenbüren ist die heile Welt des Bergbaus“, hat der einstige Chef des Kohlekonzerns RAG , Wilhelm Beermann, in den 1990er Jahren einmal gesagt. „Da wird unter einem Berg Kohle abgebaut, auf dem niemand lebt.“ Der Berg hat selbst bei den Ewigkeitslasten noch Vorteile. Denn: Teile des Ruhrgebiets sind durch die Kohleförderung um bis zu 30 Meter abgesackt.

Die Folge: Regenwasser kann nicht mehr einfach in die Flüsse ab­fließen, die das Gebiet traditionell entwässert haben, es muss abgepumpt werden, damit sich kein See bildet. „Etwa ein Viertel des Ruhrgebiets liegt heute unter dem Niveau der Vorflut“, formuliert es Goerke-Mallet wissenschaftlich. Das Pro­blem gibt es auf dem Ibbenbürener Schafberg nicht.

Vieles bleibt im Ibbenbürener Berg

Gepumpt werden muss im Ruhrgebiet aber auch, damit das – verschmutzte – Wasser aus den Bergwerken nicht bis ins Grundwasser gerät. Auch dieses Problem gibt es so im Ibbenbürener Berg nicht. Durch einen Entwässerungsstollen soll das Grubenwasser später einmal abfließen bis zur Kläranlage – ganz ohne Gepumpe. Der Berg macht es möglich. Dadurch aber fließe das Wasser langsamer und mit weniger Verwirbelungen, erklärt Goerke-Mallet.

Enthaltene Schadstoffe und Verschmutzungen könnten sich mit dem Sediment noch im Bergwerk absetzen. Vieles von dem, was oben nicht gewünscht wird, bleibt im Berg. Zudem fließt, wenn die Grube einmal vollgelaufen ist, nur noch das Wasser nach, das von oben bis zur Höhe des Auslaufs nachsickert. Das aber enthalte weniger Salze und Schadstoffe, weil das Salz aus diesen Erdschichten ohnehin weitgehend herausgewaschen sei.

Ewigkeitslasten

Bergbau hinterlässt Spuren. Etwa ein Viertel des Ruhrgebiets ist so weit abgesackt, dass das Regenwasser nicht mehr von selbst über Flüsse und Bäche abfließen kann. Hier muss voraussichtlich „auf ewig“ gepumpt werden. Wer zahlt das eigentlich? Durch eine, so Peter Goerke-Mallet, „geniale Idee“ hat der einstige Bundeswirtschaftsminister und damalige RAG-Chef Werner Müller die Finanzierung gesichert. Er gliederte den „weißen Bereich“, also die Chemie- und Immobilienunternehmen, aus dem „schwarzen“ Kohlekonzern RAG aus und brachte sie in die RAG-Stiftung ein. Aus dem Ertrag und der Verwertung dieses heute im Wesentlichen unter „Evonik“ firmierenden Bereichs werden die Ewigkeitslasten finanziert.

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Wann bricht die Grube ein?

Und wann bricht die Grube ein? „Da bricht gar nichts ein“, lacht Goerke-Mallet. Im Gegenteil: Durch das Wasser wird das Bergwerk sogar „vielleicht zwanzig bis 30 Zentimeter aufschwimmen“. Der Boden werde sich leicht heben – aber auf großer Fläche und gleichmäßig. Mit Bergschäden sei dadurch kaum zu rechnen.

Überhaupt die Bergschäden. Die müsse und werde die RAG auch nach dem Ende des Bergbaus begleichen, sagt Goerke-Mallet. Mit allzu vielen Schäden rechnet Goerke-Mallet aber nicht mehr; immerhin werde schon seit August nicht mehr gefördert.

Deckel aus dem Pütt

Was aber wird aus den mehr als 1500 Meter tiefen Schächten? Es kommt ein Pfropfen hinein. „Es wird eine Bühne eingebaut und von dort aus nach oben zubetoniert“, erklärt Goerke-Mallet. 100 bis 150 Meter könne so ein Pfropfen am Ende schon dick sein. Und dann? Dann ist tatsächlich der Deckel auf dem Pütt.

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