In den Berlinale-Filmen des Wochenendes ging es wenig zimperlich zu
Horror-Groteske lässt Kritiker zetern

Berlin -

Die Zeit der Nettigkeiten ist vorbei, keine Frage. Tröstete der Eröffnungsfilm „The Kindness of Strangers“ am Donnerstag noch mit einer klebrigen Dosis Vergebungskitsch über die Schrecken der Welt hinweg, stand das Wochenende der 69. Berlinale längst wieder im Zeichen der üblichen Festivalthemen: Mord, Missbrauch und Stalinismus. Auf dem Roten Teppich gab’s Bussi-Bussi, doch auf der Leinwand troff der Siff.

Sonntag, 10.02.2019, 16:48 Uhr
Hauptdarsteller Jonas Dassler, Anfang zwanzig erst und gewiss kein hässlicher Mensch, verwandelt sich in dem Film von Star-Regisseur Fatih Akin in den schiefgesichtigen Frauenmörder Honka. Der Film legt Abgründe offen. Für einen Preis kommt er aber wohl nicht in Frage. Foto: dpa

Im Wortsinn sogar. Denn Fatih Akins neuer Film „Der Goldene Handschuh“, der am Samstag viele Kritiker zeternd aus dem Saal trieb, gehört zum Ekligsten, was das deutsche Kino seit langer Zeit hervorgebracht hat – nach der Sichtung hatte man das dringliche Verlangen, sich mit Sagrotan einzusprühen. Kenner des zugrundeliegenden (und zu Recht gefeierten) Romans von Heinz Strunk wird das nicht überraschen: Tatsächlich ist Akin eine werkgetreue Umsetzung geglückt. Sie folgt dem Mörder Fritz Honka , der Anfang der Siebziger in Hamburg verwahrloste Frauen aus der St.-Pauli-Kaschemme „Der Goldene Handschuh“ in seine kolossal verkeimte Dachwohnung lockte, sie dort im Vollsuff vergewaltigte, ermordete, portionierte und verstaute, bis es Maden in die darunterliegende Wohnung regnete. Gegen den Verwesungsgestank verteilte er manisch Duftbäume.

Ehrenbär für Charlotte Rampling

Charlotte Rampling zählt zu den besten und markantesten Filmschauspielerinnen Europas – und ist der Berlinale eng verbunden. Im Jahre 2006 war die heute 73-jährige Britin Jury-Präsidentin, 2015 gewann sie den Silbernen Bären als Beste Darstellerin für das tolle Ehedrama „45 Years“. Angefangen hatte sie ursprünglich als Model – oder, wie das damals noch hieß: Mannequin. Den schauspielerischen Durchbruch hatte sie zunächst in Italien, in Pier Paolo Pasolinis „Die Verdammten“ und Liliana Cavanis Skandalfilm „Der Nachtportier“. Später drehte sie mit Woody Allen („Stardust Memories“), François Ozon verschaffte ihr mit Hauptrollen in „Unter dem Sand“ und „Swimming Pool“ ein imposantes Spätwerk. Wer sich am distanzierten, immer leicht spöttischen Blick aus ihren blauen Augen nicht sattsehen kann, sollte sich die Dokumentation „The Look“ besorgen: Die handelt genau davon. Auf der diesjährigen Berlinale wird Rampling für ihr großes Lebenswerk mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet.

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Der Film ist genauso unappetitlich, wie sich das liest. Was jedoch im Roman immer wieder Einblicke in ein vom Wirtschaftswunder vergessenes Lumpenprekariat ermöglichte und ein spannendes Zeitbild ergab, schnurrt im Film zur Horrorgroteske zusammen, in deren Humorabgründe man schon bewusst hinabsteigen wollen muss. Hauptdarsteller Jonas Dassler, Anfang zwanzig erst und gewiss kein hässlicher Mensch, verwandelt sich den schiefgesichtigen Honka kompromisslos an, und auch die Säuferschar im „Handschuh“ (darunter Hark Bohm) wirkt irritierend authentisch. Ob Juliette Binoches Bären-Jury das honorieren wird? Ich glaub’s nicht.

Mehr Chancen dürfte der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag haben: „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt erzählt von einer schwer erziehbaren Neunjährigen, die von Heim zu Heim weitergereicht wird und nirgends zur Ruhe kommt: Die kleine Hauptdarstellerin Helena Zengel macht zwei Stunden lang so gnadenlos Rabatz, dass man es mit der Angst zu tun bekommt. Ein Tobsuchtsanfall folgt dem nächsten, Scheiben splittern, Blut fließt – dazwischen folgen aber immer wieder Momente berührender Zerbrechlichkeit. Für ein Regiedebüt ist der clever rhythmisierte Film wirklich sehr souverän geraten.

In „Mr. Jones“ porträtiert die polnische Regisseurin Agnieszka Holland den Journalisten Gareth Jones, der 1933 in die Ukraine reiste und den „Holodomor“ miterlebte, die grausame Hungersnot, die aus Stalins Zwangskollektivierung der Landwirtschaft resultierte. Als er davon berichtete, wurde er erst verleumdet, später ermordet. Hollands konventionelle, aber nie die Spannung verlierende Inszenierung zeigt auch, wie Jones den Sozialisten George Orwell dazu brachte, sein zuvor positives Bild von Stalin zu revidieren.

Beklemmend geriet zudem François Ozons Tatsachendrama „Gelobt sei Gott“ über den massenhaften Kindesmissbrauch durch einen Lyoner Priester, der im Jahre 2016 von einer Opferinitiative vor Gericht gebracht wurde – zusammen mit dem Kardinal, der den Täter jahrzehntelang deckte. Nacheinander stellt Ozon drei der heute erwachsenen Betroffenen vor, die ganz unterschiedlich mit der Sache umgehen. Der Film fesselt, weil er nie pathetisch emotionalisiert, sondern unaufgeregt analysiert. 

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