Kleists Novelle im Wolfgang-Borchert-Theater
Marquise in Rage

Münster -

Es geht um Vergewaltigung und gesellschaftliche Ächtung: Kein Wunder, dass bei der Inszenierung der „Marquise von O.“ von Tanja Weidner der Bezug zu #MeToo auftaucht. Heinrich von Kleists Novelle wird im Wolfgang-Borchert-Theater zu einer zeitgemäßen Geschichte, die den Zuschauer herausfordert. Vor allem weil ein entscheidendes Detail aus Kleists Fassung fehlt.

Freitag, 25.01.2019, 17:12 Uhr aktualisiert: 25.01.2019, 18:30 Uhr
Rosana Cleve als Marquise von O. ist keine still vor sich hinleidende Heldin. Foto: Klaus Lefebvre

Es sind kleine, aber wuchtige Gesten, mit denen die junge Frau ihr Selbstbestimmungsrecht einfordert. Gleich zu Beginn verbessert sie sich selbst, spricht also nicht von „ihrer“, sondern von „meiner Mutter“: Schließlich ist es ihre eigene Geschichte, die sie hier erzählt. Und am Ende der „Marquise von O.“ schließt sich der Kreis: Trotzig weigert sie sich, den vom Dichter vorgesehenen Schlusssatz zu sprechen, denn „das ist meine (!) Geschichte“.

Heinrich von Kleists berühmte Novelle ist so wundersam-eigenartig wie alles, was dieser Autor schrieb. Die Marquise sucht per Zeitungsanzeige jenen Mann, der sie heimlich schwängerte – und dass sie tatsächlich keinen blassen Schimmer hat, wer es gewesen sein könnte, beweist ein cleveres Experiment ihrer Mutter, die ihr kurzzeitig einen armen Jäger als vermeintlichen Vergewaltiger unterjubelt. Immerhin führt diese Beweisführung dazu, dass die zuvor verstoßene Marquise wieder von den Eltern aufgenommen wird.

Die Marquise von O.

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    Die Geschichte beginnt im Krieg. Wie immer im Krieg wird gemordet, geplündert, vergewaltigt. Wie ein Engel erscheint in diesem Chaos ein russischer Offizier, der die Marquise (Rosana Cleve) in der Nacht der feindlichen Übernahme vor der sexuellen Gewalt seiner Soldaten schützt. 

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Dieses verhinderte Kriegsverbrechen hat Folgen. Am nächsten Morgen werden die Soldaten hingerichtet und der gefeierte Retter verabschiedet sich. Wochen später stellt die Gerettete fest, dass sie schwanger ist. 

    Foto: Klaus Lefebvre
  • An eine Zeugung kann sie sich nicht erinnern. 

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Für ihren Vater ist das die boshafte Lüge zur Verschleierung sexueller Eskapaden, die Mutter weiß nicht, was sie denken soll, und die Marquise entschließt sich zu einem radikalen Schritt. 

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Per Anzeige sucht sie den Vater des Kindes. Sie führt eine radikale Aufklärungskampagne gegen sich selbst, und es zeigt sich eine Welt, in der es keine Gewissheiten gibt, nicht einmal die Gewissheit, dass eine Frau über sich selbst sagen kann, ob sie schwanger ist oder nicht. 

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Und wer ist dann der selbsterklärte Vater? Ein Monster? Ein Retter? Ein Engel? Ein Soldat, der einen Fehler begangen hat?

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Ein Soldat, der den impliziten Regeln des Krieges folgte oder einfach nur ein Mann, der sich verliebt hat? 

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Die Kette der unglaublichen Ungeheuerlichkeit ist an diesem Punkt noch nicht zu Ende, denn gesucht wird die Wahrheit. 

    Foto: Klaus Lefebvre
  • In einer detektivischen Rückschau, rasant und mit gewalttätig stürmender Sprache arbeiten sich die Figuren an die Wahrheit heran.

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Eine Wahrheit, die, je näher man ihr kommt, zerfällt.

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Nach DIE HERMANNSSCHLACHT, DER ZERBROCHNE KRUG und DIE SCHROFFENSTEINS – EINE FAMILIENSCHLACHT widmet sich Regisseurin Tanja Weidner einem weiteren Kleist-Text, der anlässlich der #metoo-Debatte aktueller ist denn je.

    Foto: Klaus Lefebvre
  • Rosana Cleve als Marquise von O.

    Foto: Klaus Lefebvre

Bezug zu #MeToo taucht auf

Heimliche Vergewaltigung, gesellschaftliche Ächtung: Kein Wunder, dass im Zusammenhang mit der neuen Produktion des Wolfgang-Borchert-Theaters der Bezug zu #MeToo auftaucht. Doch Regisseurin Tanja Weidner hütet sich wohlweislich vor einer platten Aktualisierung, schnitzt auch kein großes Drama aus der Novelle. Sondern lässt die Schauspielerin Rosana Cleve vielstimmig und emotional aufgebracht als Marquise erzählen.

Das tut sie im hellen Kleid vor einer Kulisse aus Papierbahnen, auf die sich – analog zur Zeitungsanzeige – Texte sprayen und Silhouetten der anderen Figuren projizieren lassen. Diese Ausstattung (Annette Wolf) mit fünf Stühlen als Requisite und einigen Projektionen sorgt schon oberflächlich für elegante Optik und verfügt zudem über mancherlei Symbolkraft: So reißt die Heldin zornig Papierbahnen herab, gruppiert hoffnungsvoll die Stühle für eine Hochzeitszeremonie. Und dass sie zu Beginn den Titel „Die Geschichte der ... Marquise von O“ aufs Papier sprüht, ist als Anspielung auf einen alten Sadomaso-Schmöker mehr als nur ein Gag.

Alles andere als „Kleist light”

Mit dem fehlenden Schlusssatz verweigern Weidner und mit ihr die Marquise übrigens jenen Schlüssel, den Kleist für ihr Verhalten liefert, den ursprünglichen Retter aus Soldatengewalt zu heiraten, aber auf Distanz zu halten. Die Zuschauer dieser Inszenierung sind geradezu herausgefordert, dem Zwiespalt und aktuellen Sinn der Kleist-Gefühle auf den Grund zu kommen. Alles andere als „Kleist light“.

Rosana Cleve zieht zwischen Trauer, Zorn und sachlicher Schilderung alle schauspielerischen Register. In den dialogischen Passagen, für die sie unterschiedliche Sprechhaltungen bereithält, könnte sie womöglich Tempo herausnehmen, um den Inhalt in Kleists kunstreich gewundener Sprache noch plastischer zu machen – die Aufführung dauert ja kaum mehr als eine Stunde. Wie Cleve sich diese Sprache angeeignet hat, wie sie die scheinbar alte Geschichte einer ungewöhnlichen Frau zu einer zeitgemäßen macht: Das sichert der Produktion großen Premierenapplaus.

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Die nächsten Vorstellungen finden am 26., 27. und 29. Januar (auf Anfrage auch vormittags für Schulen) statt.

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