Auf den Spuren der jüdischen Vorfahren
Wechselbad der Emotionen

Warendorf -

Eine emotionale Begegnung mit der Stadt Warendorf erleben derzeit drei Damen aus Südafrika. Sie begeben sich hier gemeinsam mit Mechthild Wolff vom Heimatverein auf die Spüren ihrer jüdischen Familie.

Donnerstag, 20.06.2019, 08:00 Uhr
Auf den Spuren ihrer Familiengeschichte wandelten Christina Turner-Beatty, Mechthild Wolff, Helen Beatty und Karin Rezelman-Kloeckner (v. l.). Die drei Damen aus Südafrika haben Mechthild Wolff in Warendorf einen Besuch abgestattet. Foto: Monika Vornhusen

Mitten auf dem Warendorfer Marktplatz sitzen bei kühlem Wasser und einer Tasse Kaffee drei Damen aus Südafrika und schauen immer wieder ganz intensiv umher. Sie sind sichtlich bewegt. Denn sie tauchen gerade ganz tief ein in ihre eigene Familiengeschichte und erleben dabei ein echtes Gefühlschaos.

Es geht um die Spuren der Mutter und Großmutter ( Anni Cohen ) und ihrer jüdischen Familie. Helen Beatty und ihre Tochter Christina Turner-Beatty sowie die Nichte Karin Rezelman-Kloeckner sind am Montagabend direkt aus Kapstadt in Südafrika eingetroffen. Die drei hatten zuvor Kontakt aufgenommen mit Mechthild Wolff , die sie in Warendorf noch bis Freitag besuchen.

In diesen Tagen sind die drei Damen auf den Spuren ihrer Mutter beziehungsweise Großmutter Anni Cohen. Sie lebte als Tochter des Kaufmanns Siegmund Bernhard Cohen (1873-1938) und seiner Frau Helene, geborene Elsberg einige Jahre in Warendorf und verbrachte hier ihre Kindheit, und zwar an der Münsterpromenade 4 (heute Münsterwall). 1935 musste sie Warendorf verlassen, um mit ihrer jüdischen Familie dem Hitlerregime zu entfliehen. In Südafrika baute sie sich gemeinsam mit ihrem damaligen Verlobten Dr. Gustav Kloeckner, eine neue Existenz auf.

Die Verbindung zwischen Mechthild Wolff und Anni Cohen, also die Mutter beziehungsweise Großmutter der Gäste aus Südafrika, bestand viele Jahre und war geprägt von gegenseitigen Besuchen, denn ihrer Mütter und auch Schwiegermütter (Helene Cohen, Eugenie Haunhorst und Änny Wolff-Kreimer) kannten sich als Klassenkameradinnen beziehungsweise Nachbarinnen am Münsterwall. „Sie haben jeden Tag miteinander gespielt“, sagt Mechthild Wolff dazu.

Eine „incredible story“ steckt laut Helen Beatty hinter diesem Besuch der drei Südafrikanerinnen in Warendorf: Eine Airbnb-Buchung eines Saerbeckers in einem kleinen Nest in Neuseeland führte dazu, dass der Münsterländer jemanden aus dem Familienumfeld Cohen traf. Man tauschte sich dort auch über Warendorf und die Familiengeschichte aus. Über die Homepage des Heimatvereins Warendorf kam der Urlauber auf Mechtild Wolff und der Kontakt zu Helen Beatty wurden geknüpft.

„Ich wollte immer schon kommen und die Heimat meiner Mutter besuchen. Jetzt ist es möglich geworden“, sagt Helen Beatty bewegt. So geht es auch ihrer Tochter und ihrer Nichte. „Es ist so unglaublich, hier zu sein. Eine Mischung aus vielen Gefühlen, alles ist so kompliziert.“ Und Christina Turner-Razelman ergänzt: „Mechthild hat uns gestern durch die Stadt geführt, erzählt von den spielenden Kindern auf der Straße, von dem zugefrorenen alten Emsarm, auf dem meine Großmutter Schlittschuh gefahren ist und Vieles mehr. Sie hat für uns unsere Familiengeschichte zum Leben erweckt.“

Karin Rezelmann-Kloeckner hat noch ein Foto von Großmutter Anni Cohen auf ihrem Smartphone und holt es hervor: „Sie hatte so einen liebenswerten Charakter, war immer fröhlich, obwohl sie hier alles zurücklassen musste. Sie hat ihr Leben symbolisch in eine Box gepackt, alles mit auf das Schiff nach Südafrika genommen und dort ein neues Leben begonnen.“ All‘ das ist für die Gäste aus Südafrika schwer zu durchleben, sie fühlen das Leid und Unglück ihrer Angehörigen fast körperlich und sind auf der anderen Seite so glücklich, Warendorf kennenzulernen. „Es ist bestimmt die schönste kleine Stadt in Deutschland oder gibt es noch andere so schöne Städte hier?“, fragt Christina Turner-Rezelmann. Eines ist für die drei Damen klar: Sie empfinden große Bewunderung für die Mutter/Großmutter. Und noch eines: Sie kommen wieder, sobald es nur geht – und zwar mit der Familie.

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