Stadt gedenkt ihres Ehrenbürgers: Paul Spiegel wäre Silvester 80 geworden
Ehre und Verpflichtung

Warendorf -

Im Jahre 2001 verlieh der Rat der Stadt Warendorf Paul Spiegel, Zentralrat der Juden in Deutschland, die Ehrenbürgerwürde. Die stellvertretende Bürgermeisterin Monika Walter-Kaiser erinnerte Silvestermorgen in ihrer Ansprache auf dem jüdischen Friedhof daran, dass die Stadt damit auch die Verpflichtung übernommen hat, sich im Einsatz für Toleranz und Menschenrechte und gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit an die Spitze zu setzen. „Unser Geburtstagsgeschenk an Paul Spiegel muss es sein, diese Bereitschaft aus vollem Herzen, in seinem Sinne und in seinem Gedenken erneut zu bekräftigen.“

Sonntag, 31.12.2017, 14:12 Uhr

Gisèle Spiegel  war sichtlich bewegt, als sie am Silvestermorgen drei weiß-rosa-farbene Rosen am Grab ihrer Schwiegereltern auf dem jüdischen Friedhof in Warendorf ablegte.
Gisèle Spiegel  war sichtlich bewegt, als sie am Silvestermorgen drei weiß-rosa-farbene Rosen am Grab ihrer Schwiegereltern auf dem jüdischen Friedhof in Warendorf ablegte. Foto: Joachim Edler

Gisèle Spiegel war sichtlich bewegt, als sie am Silvestermorgen drei weiß-rosa-farbene Rosen am Grab ihrer Schwiegereltern auf dem jüdischen Friedhof in Warendorf ablegte. Spontan hatte die Witwe von Paul Spiegel , der Silvester 80. Jahre alt geworden wäre, die Einladung nach Warendorf angenommen: „Paul hätte es so gewollt. Ich wäre sonst heute an sein Grab in Düsseldorf gegangen. Und so ist es mir ein großes Bedürfnis, heute hier zu sein. Warendorf ist der Geburtsort meines Mannes. Er hat sich hier immer sehr wohl gefühlt. Und er wäre heute sehr stolz und dankbar.“

Und noch etwas verriet sie von ihrem Mann: „Nur hier in Warendorf durfte man ihn Paulchen nennen.“

Im Jahre 2001 verlieh der Rat der Stadt Warendorf Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Ehrenbürgerwürde. Die stellvertretende Bürgermeisterin Monika Walter-Kaiser erinnerte am Silvestermorgen in ihrer Ansprache auf dem jüdischen Friedhof daran, dass die Stadt damit auch die Verpflichtung übernommen hat, sich im Einsatz für Toleranz und Menschenrechte und gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit an die Spitze zu setzen. „Unser Geburtstagsgeschenk an Paul Spiegel muss es sein, diese Bereitschaft aus vollem Herzen, in seinem Sinne und in seinem Gedenken erneut zu bekräftigen.“

Dadurch, dass das Paul-Spiegel-Berufskolleg seinen Namen trägt, bleibt die Person Paul Spiegel in lebendiger Erinnerung, erinnerte Schulleiter Udo Lakemper an den Auftrag, den Paul Spiegels Tochter Leonie bei der Namensgebung im Jahre 2009 der Schule mit auf den Weg gegeben hatte: „Wir verbinden die Namensgebung mit der Hoffnung, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fester Bestandteil dieser Schule ist und sich die Schüler aktiv an der Gestaltung der Demokratie beteiligen.“

Paul Spiegel setzte sich seit frühester Kindheit für andere Menschen ein, lebte seinen Glauben und übte Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Dadurch wird er zum Vorbild für das Zusammenleben von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, die sich auch am Berufskolleg zum Lernen zusammenfinden, unterstrich Lakemper, dass die Namensgebung täglich Ansporn und Verpflichtung sei.

„Wir verfolgen Ihre Arbeit und sind stolz“, bedankte sich Gisèle Spiegel bei Schulleiter Udo Lakemper. „Großes Anliegen meines Mannes war es immer, mit der Jugend zu diskutieren. Deshalb hielt er Vorträge in den Schulen. Er wollte, dass die Schüler die dunkle Seite der deutschen Geschichte nicht nur aus Schulbüchern kennenlernen.“

Zutiefst beeindruckt sei sie von der Stolperstein-Verlegung. Bevor sie dann auch wieder in den Zug nach Düsseldorf stieg, machte Gisèle Spiegel kurz Station in der Schützenstraße 17, dort wo früher ihre Schwiegereltern mit ihrem Mann gelebt hatten. Das Haus gibt es zwar nicht mehr, aber die Stolpersteine auf dem Bürgersteig weisen daraufhin: „Hier wohnten Hugo, Ruth, Rosa und Paul Spiegel.“

An der Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof und an der Gedenkstele auf der Freckenhorster Straße nahmen Vertreter von Stadt und Politik, Schüler des Berufskollegs, Stolperstein-Paten der Familie Spiegel, Mitglieder des Arbeitskreises Jüdisches Leben in Warendorf und nicht zuletzt Freunde von Paul Spiegel teil. Einer von ihnen ist Herbert Zumdieck. „Für mich ist das heute ein denkwürdiger Tag“, sagte er zur Witwe von Paul Spiegel. „Heute auf den Tag genau vor 62 Jahren habe ich mit Ihrem Mann Silvester gefeiert.“ Und Zumdieck erinnerte daran, wie er Silvester 1955 gemeinsam mit der Familie Spiegel und der Familie des Polizeirates Müller an einem Tisch in der Gaststätte Böckenholt an der Freckenhorster Straße saß. „Die Tochter des Polizeirats war meine erste Freundin. Ich kam sozusagen als Begleitung mit.“

Gemeinsam mit Paul Spiegel hatte Herbert Zumdieck das Gymnasium Laurentianum besucht. „In der Freizeit haben wir Fußball gespielt. Der Paul war ein gern gesehener Spieler, weil er einen echten Lederfußball hatte. Nach der Schule trennten sich unsere Wege. Ich habe noch einmal mit Paul telefoniert, als er aus seinem Buch „Wieder zu Hause?“ im Theater am Wall las.“

Paul Spiegel war am 30. April 2006 im Alter von 68 Jahren gestorben. Seine letzte Ruhestätte fand der Ehrenbürger Warendorfs auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf.

Anzeige
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5391852?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F35766%2F
Toter aus dem Kanal geborgen
Einsatz im Stadthafen: Toter aus dem Kanal geborgen
Nachrichten-Ticker