Warendorf
Viele Chancen und wenig Lohn

Samstag, 24.12.2011, 13:12 Uhr

Warendorf - Die sechs Frauen an dem Stehtisch im Foyer der Arbeitsagentur unterhalten sich fröhlich. „Endlich wieder arbeiten“, sagt eine, während ihre Nachbarin ein Bewerbungsformular ausfüllt. Die Frauen haben zwei Gemeinsamkeiten, die sie an diesem Tag in die Warendorfer Filiale der Agentur für Arbeit geführt haben: Sie sind alleinerziehend - und arbeitslos.

„Marktplatz Zeitarbeit“ haben die Arbeitsagentur und die Arbeitsgemeinschaft (ARGE) die Messe genannt, auf der an diesem Vormittag neun Personaldienstleister ( PDL ) aus der Umgebung Zeitarbeit-Jobs anbieten und über Aufstiegsmöglichkeiten informieren. 2007 fand die Zeitarbeit-Messe zum bislang letzten Mal in Warendorf statt, in diesem Jahr soll sie besonders vielen Arbeitslosen neue Arbeitsplätze einbringen. Denn seit einigen Monaten boomt die PDL-Branche, wie Wolfgang Abeln , Leiter der Arbeitsagentur in Warendorf, sagt. 40 Prozent der seit Januar gemeldeten Stellen entfallen auf Zeitarbeitsfirmen. Gesucht werden zurzeit etwa Arbeiter für die Metallverarbeitung, Mechatroniker oder Energie-Anlagenbauer.

Laut Hendrik Orthaus vom Personaldienstleister Piening könnten Arbeitslose von der Konjunktur profitieren. Vor allem im Nordkreis gebe es einen Fachkräftemangel, den seine Branche zurzeit nicht decken könne. „Für uns ist diese Situation gerade sogar ein Problem“, sagt er. Gut für Bewerber: Die Chancen, nach einer Anstellung als Zeitarbeiter weiter arbeiten zu können, sind laut Orthaus hoch. „Bis zu 30 Prozent der Fachkräfte werden übernommen - und das ist ja auch der Sinn der Zeitarbeit“.

Auf diese Perspektive spekulieren auch die alleinerziehenden Mütter. „Wir wollen endlich wieder arbeiten und weg von Harz IV“, sagt Manuela Walorski. „Welchen Job ich bekomme, ist mir egal - aber die Zeiten müssen stimmen.“ Walorski möchte um 16 Uhr zu Hause sein: für ihre drei Kinder.

Personaldienstleister suchen Bewerber wie Walorski. „Leute, die von sich aus auf uns zukommen, sind motivierter und einfach besser“, sagt Hendrik Orthaus. Einstellungsgespräche führe er aber nicht an diesem Vormittag. „Wir sind ja hier nicht auf dem Jahrmarkt.“ In den ersten Gesprächen könnten aber zum Beispiel Vorbehalte abgebaut werden - denn mit der Zeitarbeit seien viele Vorurteile verbunden.

Die alleinerziehenden Mütter stören sich vor allem an den niedrigen Löhnen: „Bei 7,60 Euro fängt es an“, sagt Walorski, „ich brauche aber wenigstens zehn Euro zum Überleben.“ PDL-Vertreter Orthaus bestreitet die niedrigen Löhne nicht, aber verteidigt sie: Die Zeitarbeiter seiner Firma erhielten faire Löhne, außerdem bekämen sie Hilfe beim Einfordern höherer Löhne. „Ein eingearbeiteter Facharbeiter ist irgendwann so wichtig, dass er auch mehr Geld bekommt“, sagt Orthaus.

Die Mütter gönnen sich mittlerweile eine Raucherpause vor der Tür. Die Stimmung ist nicht mehr einheitlich fröhlich. Einige freuen sich über ihren neuen Job, andere schimpfen: über Kanzlerin Angela Merkel, über das System, über die Ungerechtigkeit.

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