Männergemeinschaft: Eine Ära geht zu Ende
Keiner will den Job machen

Ostbevern -

Hermann Rautland löst die Katholische Männergemeinschaft St. Ambrosius zum 31. Dezember auf. Der Grund: Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Verbittert ist der 89-Jährige nicht, aber schon etwas wehmütig. Aber Rautland ist klug genug, nicht traurig zurückzuschauen.

Sonntag, 31.12.2017, 06:12 Uhr

Mit positivem Blick nach vorn: Vorsitzender Hermann Rautland löst die Katholische Männergemeinschaft St. Ambrosius zum 31. Dezember auf.
Mit positivem Blick nach vorn: Vorsitzender Hermann Rautland löst die Katholische Männergemeinschaft St. Ambrosius zum 31. Dezember auf. Foto: Peter Sauer

Mit knapp 90 Jahren schüppt Hermann Rautland noch selbst den Schnee vor seinem Haus und umsorgt seine Ehefrau Martha so gut er kann. Die Liebe seines Lebens ist auch schon 101 Jahre alt und sieht nicht mehr so gut. Sie lernte der gebürtige Emsdettener damals in Greven kennen und lieben und zog mit ihr gemeinsam 1955 nach Ostbevern.

Mit großem Herzen engagierte sich Rautland seitdem bei der Katholischen Männergemeinschaft St. Ambrosius. Seit 1971 auch als Vorsitzender. Damals löste er Heinrich Stricker-Heiring ab. Gegründet wurde die Männergemeinschaft 1885. Bis 1973 hieß sie noch Männersodalität („Kameradschaft“).

Lange hatte Hermann Rautland für den Fortbestand der Katholischen Männergemeinschaft St. Ambrosius gekämpft und um Nachfolger geworben. Mit Elan und Ausdauer. Doch ohne Erfolg. Mittel- wie langfristig. Immer wieder verlängerte er seine Vorsitzenden-Tätigkeit, „bis es gesundheitlich wirklich nicht mehr ging“. Drei Tage die Woche muss er inzwischen zur Dialyse nach Münster.

Nachdem dann auch kaum noch jemand zu den liebevoll vorbereiteten Veranstaltungen kam, zieht Hermann Rautland als erster Vorsitzender nun zum 31. Dezember 2017 endgültig die Reißleine. Er sorgt damit innerhalb der Männergemeinschaft nicht mal für Aufsehen, wie er sagt. Von den ehemals 520 Mitgliedern waren bis zur Auflösung zwar noch immer 327 an Bord, im Alter zwischen 30 und 92 Jahren. „Die meisten aber passiv“, sagt Rautland. Und die Jungen? „Wollen sich nicht engagieren.“

Verbittert ist der 89-Jährige nicht, aber schon etwas wehmütig: „Die haben alle keine Zeit mehr und offenbar etwas Besseres vor.“ Lange hat der Mann mit dem warmherzigen Lächeln „immer und immer wieder“ seine Kollegen aufgemuntert, einen neuen Vorstand zu wählen: „Ich war die letzte Bastion.“

Doch was hat die Katholische Männergemeinschaft St. Ambrosius eigentlich so gemacht? Viele Landwirte waren Mitglied. Die Programmpunkte gingen daher vom Ende der Maisernte Ende Oktober bis zum Beginn der Erntezeit im Juni. Jeden zweiten Donnerstag im Monat gab es in der Altentagesstätte des Pfarrzentrums St. Ambrosius einen Gesprächsabend. Weitere Programmpunkte waren: plattdeutsche Abende, Lichtbildervorträge, gesellschaftspolitische Themenabende, Radtouren und Besinnungstage, unter anderem mit dem Telgter Pastor Josef Pott auf der Loburg. „Bei großen Reisen waren gleich zwei Busse voll mit Mitgliedern, zum Beispiel zum Braunkohle-Tagebau Garzweiler“, erinnert sich Rautland. „Das war wirklich eine schöne Zeit!“

Besonders wichtig waren in der Katholischen Männergemeinschaft die Vertrauensleute, die jeweils einen Bezirk hatten. Wurde ein Mitglied 75, 80 oder 85 Jahre alt, bekamen die Jubilare von der Gemeinschaft Besuch. Gleiches galt bei Goldenen Hochzeiten. Kurz vor Weihnachten erhielten alle Mitglieder über 80 Jahren Besuch von jüngeren Kollegen. Wenn ein Mitglied starb, wurde die historische Fahne der Männergemeinschaft beim Trauergottesdienst aufgestellt. Auch bei Prozessionen war die Fahne immer mit dabei. „Sie hat ihren Platz nun in der Kirche gefunden“, sagt Hermann Rauland. „Wir wollen einen Platz im Archiv finden.“

Die größte Stärke der Männergemeinschaft St. Ambrosius war das soziale Miteinander, wie Rautland immer wieder betont: „Wenn einer krank war oder irgendwie Not am Mann war, versuchten ihm andere Mitglieder so gut wie möglich zu helfen, auch bei handwerklichen und betrieblichen Dingen.“

Das Ende der Männergemeinschaft lag nicht am Geld. „Der Jahresbeitrag wurde immer von allen Mitgliedern gezahlt“, sagt Rautland, „aber der lag auch nur bei 1,50 Euro.“ Rautland macht jetzt auch Schluss, weil es nicht schön war zu erleben, dass zu gut vorbereiteten Treffen kaum noch jemand kam, selbst viele Vertrauensleute nicht: „Bei dem letzten Vortrag kamen nur noch acht Leute. Vorher auch noch weniger.“

Hermann Rautland war bis 1973 Näher bei Wauligmann & Wiechers, von 1976 bis 1992 fuhr er in Ostbevern den Rettungs- und den Krankenwagen. Seit seiner Pension im Jahr 1993 war die Männergemeinschaft quasi sein täglicher „Beruf“. Und nun?

Der 89-Jährige ist klug genug, nicht traurig zurückzuschauen. „Ich behalte alles in guter Erinnerung.“ Denn auch ohne Männergemeinschaft hat er genug zu tun. „Der große Garten hinterm Haus ist mein Hobby.“ Noch bis 2016 war er auch Selbstversorger über den eigenen Gemüsegarten.

Hermann Rautland hat nur noch einen großen Wunsch: So lange und so gut wie möglich zu Hause auf eigenen Beinen die alltäglichen Dinge erledigen zu können: „Ich muss so lange bleiben, wie meine Frau Martha da ist.“

Anzeige
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5387635?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F106%2F191%2F
Das perfekte Dinner: Um Haaresbreite geschlagen
V.l.: Eva, Hanni, Gastgeber Claus, Filippi und Eduardo „Eddi“
Nachrichten-Ticker