Selbsthilfe für psychisch Erkrankte
Wenn nichts mehr „Bombe“ läuft

Kreis Warendorf -

„Früher war alles normal: Job, Freundin, alles Bombe“, erinnert sich Jörg Brandes (Name geändert). Doch ein Ortswechsel wies für ihn den Weg in eine unerwartete seelische Abwärtsspirale. Was da genau mit ihm passiert ist, kann er nicht recht erklären. Fakt aber bleibt: Der 40-Jährige, der inzwischen ins heimatliche Münsterland zurückgekehrt ist, hat an den Auswirkungen zu tragen – wie alle der Selbsthilfegruppe „Diagnose psychisch krank“.

Samstag, 10.03.2018, 09:03 Uhr

Menschen mit Ängsten, Depressionen, Borderline-Störung, Burn out aber auch anderen Psychosen erhalten Hilfe in der Gruppe. Foto: dpa

„Wir sind schon Leute, die im Leben stehen, aber es reicht nicht mehr für das volle Programm“, sagte er nachdenklich. Die meisten kennen eine psychiatrische Fachklinik von innen.

Dennoch wären viele der Betroffenen vor Jahren noch nicht einmal aufgefallen, ist sich Manfred Rossi (Name geändert) sicher. Der knapp 60-jährige Ingenieur ist adrett gekleidet, formuliert sorgfältig. Doch wenn es um den Umgang mit psychischen Erkrankungen geht, ist ihm der Ärger anzumerken, der in ihm brodelt. „Es hat immer Menschen mit Verletzlichkeiten gegeben“, sagt er. „Aber je höher die Anforderungen geworden sind, desto mehr werden Psychosen sichtbar. ‚Burn out‘ ist doch inzwischen ein so gängiges Wort wie ‚FIFA-Weltmeisterschaft‘.“

Burn out ist heute ein so gängiges Wort wie FIFA-Weltmeisterschaft.

Manfred Rossi

Die in Drensteinfurt beheimatete Selbsthilfegruppe hat sich bewusst nicht auf eine psychische Erkrankung festgelegt. Menschen mit Ängsten, Depressionen, Borderline-Störung, Burn out aber auch anderen Psychosen sind willkommen. Hauptsache es sind Betroffene. Angehörige hätten ganz andere Probleme und müssten daher eine eigene Gruppe finden, sind sich die beiden Männer einig.

Psychisch Erkrankte sind noch immer vielen Vorurteilen ausgesetzt. In ihrer Selbsthilfegruppe im Drensteinfurter Kulturbahnhof können sie offen reden.

Psychisch Erkrankte sind noch immer vielen Vorurteilen ausgesetzt. In ihrer Selbsthilfegruppe im Drensteinfurter Kulturbahnhof können sie offen reden. Foto: Ulrike von Brevern

„Psychose“ – auch bei diesem Wort keimt Rossis Ärger auf. Oft werde es direkt mit Kriminalität in Verbindung gebracht, beschreibt er eins von vielen Vorurteilen, die Betroffenen immer noch entgegenschlagen. Darum sprechen sie lieber von „psychischen Erkrankungen“. Bei denen gebe es schlimme akute Phasen. „Dann gehen wir ins Krankenhaus.“ Aber im Alltag wirkten Medikamente gut. „Wir wollen mit unseren Krankheiten leben“, betont Rossi auch in Abgrenzung zu einem weiteren Vorurteil: „Wir können mehr als Kartoffelschälen!“

Die Frage ,Wie geht’s?‘ ist bei uns keine Floskel.

Jörg Brandes

Das Wichtigste an den 14-tägigen Treffen ist das Reden und gegenseitige Zuhören, beschreibt Brandes: „Die Frage „Wie geht’s?“ am Anfang ist bei uns keine Floskel.“ Man profitiere von den Innenansichten der anderen. „Über Rücken können Sie auch nicht mit jemanden sprechen, der noch nie Rücken hatte.“ Zudem könnten die Betroffenen leichter erkennen, ob das Gegenüber gerade unter einer Überdosierung seiner Medikamente leide, nennt Rossi ein weiteres Beispiel.

Selbsthilfegruppe „Diagnose: Psychisch krank“

Die Selbsthilfegruppe „Diagnose: Psychisch krank“ trifft sich alle zwei Wochen samstags von 16 bis 18 Uhr im Kulturbahnhof in Drensteinfurt, Bahnhofsplatz 2, und wendet sich an alle Betroffenen im Kreis. Den Kontakt zur Gruppe stellt die Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen in Warendorf her, ' 0 25 81 / 4 67 99 88 oder selbsthilfe-warendorf@paritaet-nrw.org.

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Anfangs von einem Sozialpädagogen betreut, haben die Mitglieder die seit fünf Jahren bestehende Selbsthilfegruppe inzwischen in Eigenregie übernommen. „Wir sind ein Baustein im psychischen Stabilitätsprogramm für einen psychisch Kranken“, sagt Rossi selbstbewusst. Und dieser Baustein sei sehr nötig. „Der Gesundheitsapparat hört auf, wenn das Ziel der Verrentung erreicht ist“, kritisiert er eine gelegentlich mangelnde Unterstützung der vielen erwerbsunfähig verrenteten Betroffenen. „Wir wollen ein Angebot machen, das hilft!“

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