Ein Eritreer in Everswinkel
Hausarzt Bairu hilft in zwei Welten

Everswinkel -

Isayas Bairu ist Eritreer. Seit 2010 lebt der Hausarzt mit seiner Frau und zwei Kindern in Everswinkel. Sein Werdegang zum Allgemeinmediziner und Anästhesisten war alles andere als gewöhnlich. Aus der eritreischen Heimat, in der ein erbitterter Unabhängigkeitskrieg tobte, zog Bairu 1984, ausgestattet mit einem Stipendium, zum Medizinstudium nach Leipzig in die ehemalige DDR.

Samstag, 28.07.2018, 06:00 Uhr

Allgemeinmediziner Isayas Bairu kam bereits in den 80er Jahren von Eritrea nach Deutschland. Als Stipendiat absolvierte er sein Medizinstudium in Leipzig. Nach verschiedenen beruflichen Stationen in Deutschland und Großbritannien ließ er sich schließlich als Hausarzt in Everswinkel nieder. Foto: privat

Nach der Approbation und einigen Stationen in Chemnitz und Münster als Assistenz- beziehungsweise Oberarzt ging es, ausgestattet mit zwei Facharztausbildungen, zwischen 2006 und 2010 nach England, und schließlich nach Everswinkel.

„Everswinkel ist ein ruhiger, netter Ort. Wenn man pulsierendes Großstadtflair braucht, dann kommt man auch ganz schnell von hier nach Münster.“ Diese klare Verortung trifft Bairu, der beruflich und gesellschaftlich durchaus schon in ganz anderem Umfeld gelebt und gearbeitet hat. Als er das sagt, wirkt das fast ein bisschen nachdenklich.

In Bairus Hausarzt-Praxis gibt es einiges Spezielles, denn, dass ein Eritreer vor Ort als Arzt arbeitet, ist selten. „Dolmetscher und Heime im näheren und weiteren Umkreis haben meine Adresse.“, erzählt er. „Meistens sind die ostafrikanischen, und speziell eritreischen Migranten ganz normale Routinefälle, die ihre Kinder hier von einem Landsmann impfen lassen oder in ihrer Sprache die Ursache ihrer Bauchmerzen erklären lassen wollen.“ Aber es gibt auch Krankheitsbilder, die man hier traditionell nicht kennt, wie beispielsweise Malaria. Oft fangen sich Flüchtlinge auf ihrem langen Weg nach hier auch eine bestimmte Form der Milbenkrätze ein. „HIV und AIDS kommen bei afrikanischen Migranten im Allgemeinen schon vor, hingegen, unter den hierhin eingewanderten Eritreern so gut wie gar nicht“, meint Bairu und warnt insofern vor Vorurteilen und Pauschalierungen. Gerade dies sei ein Beleg dafür, dass Differenzierungen notwendig seien.

Ethnisch bedingt gebe es unter den Eritreern allerdings besonders schwere Fälle in ganz anderen medizinischen Bereichen: „Obschon die Beschneidung von Mädchen in Eritrea bei Strafe verboten ist, wird sie auf dem Land, häufig noch immer praktiziert. Neben Schmerzen und psychischen Problemen für die betroffenen Mädchen und Frauen verursacht dies vor allem bei späteren Schwangerschaften und Geburten teils schwerste Probleme.“ Durch die Migration werden Schwangerenberaterinnen, Hebammen und Gynäkologen vermehrt mit solchen Fällen konfrontiert , die sie zu Ausbildungszeiten nur aus dem Lehrbuch kannten. „Inzwischen gibt es auch in Deutschland Spezialisten dafür, die bisweilen auch Beschneidungen rückbilden können“, erklärt Bairu. Als Hausarzt kann er Betroffene gezielt Spezialisten zuweisen

Praktisch ausnahmslos würden ostafrikanische Migranten schwerste Psychotraumata beklagen. „Frauen werden auf den Fluchtrouten durch den Sudan und Libyen nahezu alle vergewaltigt. Häufig höre ich, dass Migranten Opfer von Entführungen und Lösegelderpressungen geworden sind. In Libyen gibt es Sklavenhandel.“

Bairu ist als Hausarzt für alle diese Menschen Ansprechpartner. Aber sie sind eben nur ein Teil seines Patientenkreises, und sie haben in fast allen Fällen die gleichen Anliegen wie Menschen, die von hier stammen.

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