Pflegenotstand
Hilfe ist nicht in Sicht

Drensteinfurt -

Der Pflegenotstand macht nicht nur bundesweit Schlagzeilen. Er ist vielmehr für etliche Betroffene direkt vor Ort spürbar. So etwa für Stephanie Schulte, die seit geraumer Zeit nach eine Pflegeunterstützung für ihren 77-jährigen Vater Ferdinand Reher sucht – ohne Erfolg.

Mittwoch, 30.05.2018, 23:56 Uhr

Frustriert: Stephanie Schulte sucht trotz zahlreicher Anläufe immer noch vergebens nach Pflegeunterstützung für ihren Vater Ferdinand. Foto: -bim-

„Wenn Sie in Drensteinfurt wohnen, haben Sie einfach Pech gehabt.“ Diesen Satz musste sich Stephanie Schulte schon öfter anhören. Entsprechend groß ist ihr Frust. Es geht um die Suche nach einer Pflegeunterstützung für ihren Vater.

Der 77-jährige Ferdinand Reher hat bereits zwei Herzinfarkte, zwei Schlaganfälle und eine Krebserkrankung durchgemacht und leidet außerdem an Diabetes. Er hat Probleme mit dem Laufen und ist schon mehrfach gestürzt. Seit dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren versucht er, im Haushalt alleine klarzukommen. Seine Tochter, die in einer eigenen Wohnung im gleichen Haus wohnt, unterstützt ihn, so gut es geht. Doch sie ist berufstätig und hat auch noch für ihre elfjährige Tochter zu sorgen.

Also wandte sich die Familie an Rehers Krankenkasse und stellte einen Antrag. Der „Medizinische Dienst“ kam zur Begutachtung vorbei und nach zwei Ablehnungen, gegen die Stephanie Schulte jeweils Widerspruch einlegte, wurde ihrem Vater schließlich Pflegegrad 1 gewährt.

Doch weitergeholfen hat das der Drensteinfurter Familie nicht. Zwar ist es gut, dass aktuell zwei Mal am Tag ein Pflegedienst kommt. Dies allerdings ausschließlich, um Reher – vielen Drensteinfurtern bekannt als jahrzehntelanger Spieß der Bürgerschützen – seine benötigten Medikamente zu verabreichen. Diese „Behandlungspflege“ kann ein Arzt unabhängig von einem möglichen Pflegegrad verordnen. Mit der Einstufung in Pflegegrad 1 könnte der Pensionär aber auch die sogenannten „Angebote zur Unterstützung im Alltag“ in Anspruch nehmen – eigentlich. Denn Stephanie Schulte findet schlichtweg niemanden, der diese Aufgabe übernimmt.

Die drei in der Wersestadt tätigen Pflegedienste haben – wie fast überall – mit Personalmangel zu kämpfen und meldeten daher unisono: „Keine Kapazitäten frei.“ Natürlich hat Stephanie Schulte auch bei Anbietern in der Umgebung nachgefragt. Doch diese achten darauf, nicht allzu lange Anfahrtswege zu haben. So fahren zwei Pflegedienste aus Münster und Ascheberg zwar noch Rinkerode an, nicht mehr jedoch Drensteinfurt. Und ein Anbieter im Süden zieht seine Grenze in Mersch – wenige Kilometer von Rehers Wohnhaus entfernt.

Für die Hilfe, die Ferdinand Reher benötigt, wäre aber auch gar keine Pflegefachkraft erforderlich. Denn der Pensionär braucht jemanden, der ihm im Haushalt hilft, Einkäufe erledigt, ein bisschen Unterstützung bei der Körperpflege leistet und „einfach mal vorbeischaut“, also genau für die Aufgaben, die vom Gesetz her durch die „Angebote zur Unterstützung im Alltag“ abgedeckt werden. Die entstehenden Kosten werden dem Patienten bis zu einer Höhe von monatlich 125 Euro erstattet. Diverse Privatpersonen haben sich bei Stephanie Schulte gemeldet, um diese Aufgabe zu übernehmen, auch aus dem Ausland, etwa aus Polen. Doch so einfach ist es nicht. Der Knackpunkt: Damit die Kosten erstattet werden, benötigt der Unterstützende eine Zulassung. Und eine solche haben die wenigsten Interessenten. Stephanie Schulte hat jedenfalls – trotz intensiver Suche – noch keinen gefunden. Und so kann die Familie die jeden Monat auf das Pflegekonto eingehenden 125 Euro nicht in Anspruch nehmen. Dazu kommt: Am 30. Juni verfällt das Geld von 2017 schlicht und einfach. So sieht es das Gesetz vor.

Entsprechend frustriert ist die Drensteinfurter Familie. Die zahlreichen vergeblichen Bemühungen seien zermürbend, erklärt Stephanie Schulte. Wobei sie den Pflegediensten keinen Vorwurf macht. „Sie müssen ja kostendeckend arbeiten“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich habe ein paar Bekannte, die in dem Bereich arbeiten. Es ist ein Knochenjob.“

Die vielen Beratungsstellen, die sie kontaktiert hat, seien zwar meist sehr freundlich gewesen, betont Schulte. Und alle hätten ihr erklärt, dass sie mit diesem Problem bei weitem nicht alleine sei. Helfen konnten sie aber nicht.

Wütend ist Schulte auf die Politik, die „Gesetze schafft, die in der Praxis nicht taugen“. Auch bereits bei Pflegegrad 1 sollte es möglich sein, sich das Pflegegeld auszahlen zu lassen, um damit selbst Unterstützung zu organisieren, fordert sie. Außerdem müsse der Pflegeberuf attraktiver werden. Bis dahin bleibt der Drensteinfurterin nur die Hoffnung, dass sich bei einem der örtlichen Pflegedienste bald doch noch freie Kapazitäten ergeben.

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