Nach dem Tod des KZ-Aufsehers
Fall Palij drängt nach Aufarbeitung

Ahlen -

Der Fall Palij drängt nach weiterer Aufarbeitung. Auch in Ahlen. Hier starb der frühere Aufseher des Nazi-Lagers Trawniki im Januar. Im Sommer 2018 war er aus den USA abgeschoben wurde.

Dienstag, 22.01.2019, 09:40 Uhr aktualisiert: 22.01.2019, 10:04 Uhr
Stolpersteine erinnern im Ahlener Straßenpflaster an Jenny und Albert Metzger (mittlere Reihe). Foto: Stadt Ahlen

Groß war die Verwunderung im Sommer, als auf diplomatische Initiative der Vereinigten Staaten ein früherer Aufseher des Nazi-Lagers Trawniki aus den USA nach Ahlen abgeschoben worden war. Die Entscheidung, an der weder die Stadt Ahlen noch der Kreis Warendorf beteiligt waren, stieß in der Öffentlichkeit allenthalben auf Ablehnung. Am 9. Januar verstarb Jakiw Palij 95-jährig in einer Ahlener Pflegeeinrichtung.

Zögerliche Aburteilung

„Der Fall ist auf jeden Fall dazu geeignet, sich mit dem System der Nazi-Lager einmal genauer zu befassen“, sagt Manfred Kehr , der bei der Stadt Ahlen den Bereich der Erinnerungskultur betreut. Nachdem sich die Welle der Entrüstung gelegt hat, die die Verbringung des gebürtigen Ukrainers nach Ahlen auslöste, sei nun die Zeit der sachlichen Auseinandersetzung gekommen. „Das gilt auch für die Art, wie nach 1945 deutsche und internationale Justiz mit den am Völkermord beteiligten Tätern umgingen“, erinnert Kehr an die nur zögerliche und wenig effiziente Aburteilung von NS-Verbrechern.

Der Fall ist auf jeden Fall dazu geeignet, sich mit dem System der Nazi-Lager einmal genauer zu befassen

Manfred Kehr

Zur Erinnerung: Palij war während des Krieges in der Verwaltung des Zwangsarbeiterlagers Trawniki tätig. Ob er eigenen Angaben zufolge lediglich auf Straßen und Brücken patrouilliert hat oder an der Ermordung von Menschen beteiligt war, war zu seinen Lebzeiten nicht mehr zweifelsfrei zu ermitteln. Folglich wurden Ermittlungen der Justizbehörden eingestellt.

Informationsveranstaltung

Eine Informationsveranstaltung der Stadt Ahlen will am Montag, 28. Januar, um 19 Uhr im Lesecafé der Stadtbücherei die Vorgänge der letzten Monate zum Anlass nehmen, um mit zwei Referenten die besondere Rolle des Lagers Trawniki sowie die juristische Aufarbeitung der von KZ-Lagerpersonal begangenen Verbrechen zu beleuchten.

USA schieben früheren SS-Wachmann ab

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  • Dieses vom US-Justizministerium zur Verfügung gestellte Foto zeigt das Foto auf dem Visum von Jakiw Palij, einem ehemaligen KZ-Wächter, der im Stadtteil Queens in New York gelebt hat.

    Dieses vom US-Justizministerium zur Verfügung gestellte Foto zeigt das Foto auf dem Visum von Jakiw Palij, einem ehemaligen KZ-Wächter, der im Stadtteil Queens in New York gelebt hat.

    Foto: Uncredited/US Department of Justice/dpa
  • Fotografie des Einbürgerungsantrag von Jakiw Palij, einem ehemaligen SS-Helfer, dessen Staatsbürgerschaft entzogen wurde...

    Foto: Uncredited/National Archives at New York City/AP/dpa
  • ... Das Weiße Haus sagt, dass Palij, ein 95-jähriger ehemaliger SS-Helfer, nach Deutschland abgeschoben wurde, 14 Jahre nachdem ein Richter seine Ausweisung angeordnet hatte.

    Foto: Uncredited/National Archives at New York City/AP/dpa
  • Dieses vom US-Justizministerium zur Verfügung gestellte Foto zeigt jüdische Häftlinge im früheren Zwangsarbeitslager Trawniki im besetzten Polen. In dem Zwangsarbeitslager war der frühere SS-Mann Jakiw Palij Aufseher.

    Foto: Uncredited/US Department of Justice/dpa
  • Männliche Gefangene im früheren Zwangsarbeitslager Trawniki im besetzten Polen.

    Foto: Uncredited/US Department of Justice/dpa
  • Weibliche Gefangene im früheren Zwangsarbeitslager Trawniki im besetzten Polen. In dem Zwangsarbeitslager war der frühere SS-Mann Jakiw Palij Aufseher.

    Foto: Uncredited/US Department of Justice/dpa
  • Ein Blick in eine Gefangenenbaracke des früheren Zwangsarbeitslager Trawniki im besetzten Polen.

    Foto: Uncredited/US Department of Justice/dpa
  • Jakiw Palij, ein ehemaliger SS-Mann, wird auf einer Trage aus seinem Haus im Stadtteil Queens getragen.

    Foto: Uncredited/ABC/dpa
  • New York: Dov Hikind, Abgeordneter aus New York, steht vor dem Haus des früheren SS-Manns Jakiw Palij.

    Foto: Craig Ruttle/FR61802 AP/dpa
  • Jakiw Palij, ehemaliger SS-Helfer, der im Stadtteil Queens in New York gelebt hat.

    Foto: Uncredited/US Department of Justice/dpa
  • Das Haus des ehemaligen SS-Helfers Jakiw Palij im Stadtteil Jackson Heights im Stadtteil Queens von New York.

    Foto: Kathy Willens/AP/dpa

Die Historikerin Dr. Angelika Censebrunn-Benz hat mit ihrem im Jahr 2015 erschienenen Buch über die Rolle der „Trawniki-Männer“ im Holocaust viel Aufmerksamkeit erregt. Der frühere Bundestagsabgeordnete Winni Nachtwei unternimmt den Versuch, eine Bilanz der bisherigen Prozesse gegen KZ-Aufseher zu ziehen. Dabei wird dem Aufsehen erregenden Verfahren gegen den in Trawniki eingesetzten ehemaligen SS-Angehörigen John Demjanjuk (verurteilt 2012) eine besondere Bedeutung zuteil.

„Erst recht in diesen Zeiten"

Bürgermeister Dr. Alexander Berger hält die Aufklärung über das verübte NS-Unrecht auch weiterhin für zwingend notwendig. „Erst recht in Zeiten, in denen Ex­tremisten zunehmend die in deutscher Verantwortung begangenen Verbrechen verharmlosen oder zu relativieren versuchen.“ Die Stadt Ahlen stelle sich ihrer Verantwortung zur Erinnerung, um den Opfern des Rassenwahns ein Stück ihrer Würde zurückzugeben. So seien in der Straße „Im Kühl“ Stolpersteine zum Gedenken an die nach Majdanek verschleppten Jenny und Albert Metzger verlegt worden. Die Spuren der früheren jüdischen Bürger aus Ahlen haben sich im dortigen Konzentrationslager, zu dem die Außenstelle Trawniki gehörte, verloren.

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