Besuch unter Tage
Berger erlebt Bergbau

Ahlen / Ibbenbüren -

Bürgermeister Dr. Alexander Berger tauschte Anzug und Krawatte gegen die Bergmannskluft. Und fuhr auf dem Nordschacht des DSK Anthrazit Bergwerks in Ibbenbüren „unter Tage“.

Donnerstag, 25.10.2018, 16:32 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 25.10.2018, 13:44 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Donnerstag, 25.10.2018, 16:32 Uhr
Sachkundig geführt unter Tage wurden Dr. Alexander Berger (l.) und Marc Senne (r.). Einen Tag lang tauchten sie in die Welt des Bergbaus ein, die in Ahlen früher zum Alltag vieler Kumpel gehörte. Foto: Stadt Ahlen

Anzug und Krawatte, die typische Arbeitskleidung eines Bürgermeisters, tauschte Dr. Alexander Berger jetzt einen Tag lang gegen Helm, Schutzbrille und Bergmannskluft. Auf dem Nordschacht des DSK Anthrazit Bergwerks in Ibbenbüren ging es für Ahlens Bürgermeister „unter Tage“. Als Türöffner und zugleich sachkundiger Experte fungierte an seiner Seite Marc Senne , Vorsitzender der örtlichen IG BCE-Ortsgruppe und ehemaliger Betriebsrat des Bergwerks Westfalen. „Es war schon ein etwas mulmiges Gefühl, als die schweren Stahlgitter hinter uns schlossen und die Seilfahrt Geschwindigkeit aufnahm“, gab Berger nach seiner ersten Grubenfahrt zu.

Gerne hätte er die Arbeitswelt der Bergleute in den Flözen der Zeche Westfalen kennengelernt, wozu sich jedoch bis zum Auslaufen des Ahlener Steinkohlebergbaus im Jahre 2000 nie die Gelegenheit ergeben hatte. Zeugnisse dieser „fast einhundertjährigen, stolzen Zeit“, so Berger, seien glücklicherweise noch überall im Stadtgebiet zu sehen. Neben Kolonie, Zechengelände oder dem bergbauarchivarischen „Jupp-Fotoclub“ seien es die kleinen Dinge wie ausrangierte Loren in Vorgärten, die die Verbundenheit mit der Bergbauära zeigten. „Und vor allem sind es auch die Biografien der vielen Menschen, die im Schweiße ihres Angesichts das Grubengold förderten, das uns wieder hochgeholt hat“, zollt Berger in Anlehnung an die Ruhrpott-Hymne „Bochum“ von Herbert Grönemeyer allen früheren Bergleuten seinen Respekt.

Mit Schließung der Bottroper Zeche „Prosper-Haniel“ Ende Dezember werden in Deutschland knapp 200 Jahre Steinkohle-Bergbau zu Ende gehen. „Schicht im Schacht“ hieß es bereits in Ibbenbüren, wo die Ruhrkohle AG im Bergwerk An­thrazit bis Mitte August Kohle förderte.

In die Tiefe ging es für Berger und Senne auf dem Nordschacht in Mettingen, wo die Seilfahrt zur 1235-Meter-Sohle erfolgte. Von vielen Tätigkeiten konnte sich Ahlens Stadtoberhaupt in dem eigens für Besucher hergerichteten Revier einen Eindruck verschaffen. So sah er, wie ein Streckenvortrieb, der Kohlenabbau mittels Kohlenhobel im Abbaurevier, eine Wettertür und eine Bandfahrung betrieben werden. Die beeindruckende Grubenfahrt endete nach rund zweieinhalb Stunden, in denen Berger eine Vorstellung von den bergmännischen Tätigkeiten erhielt.

Ahlens Bürgermeister erinnerte daran, dass auch 18 Jahre nach Deckelung der Zeche Westfalen hier noch immer aktive Bergleute leben. „Sie nehmen eine Anfahrt von fast 100 Kilometern zum Arbeitsplatz in Ibbenbüren und Bottrop in Kauf, um ihren beruflichen Wurzeln treu zu bleiben.“ Der Verlust des Steinkohlebergbaus sei für Ahlen indes „nicht zum befürchteten Ende der Stadt geworden“. Die gut ausgebildeten Bergleute seien auch in anderen Branchen gefragte Fachleute. Der Stand der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung habe aktuell dasselbe Niveau wie vor Auslaufen der Zeche. Senne stimmte dem Bürgermeister zu, plädierte aber für eine bessere Bezahlung der früheren Kollegen. Die Entlohnung hinke in vielen Bereichen der Bezahlung im Bergbau hinterher. Hier sei der Strukturwandel noch nicht geschafft.

Marc Senne bedauerte zudem das Förderende des deutschen Steinkohlebergbaus in diesem Jahr. Er wies darauf hin, „dass Deutschland sich vollkommen abhängig macht von der Importkohle“. In diesem Zusammenhang rechne er durchaus mit steigenden Strompreisen. Weiter hoffe er „auf eine vernünftige Lösung für alle Bürger in der jetzigen Energiekommission“. Die Bundesregierung hatte im Juni die Einsetzung einer Kommission beschlossen, die einen Weg für den Ausstieg aus der Kohle weisen und zugleich Strategien für den Strukturwandel in den Revieren entwickeln soll.

Wie sehr Bürgermeister Berger sich mit der Bergbauvergangenheit seiner Stadt identifiziert, zeigt das hinter seinem Schreibtisch im Rathaus hängende Bild. Der aus Ahlens brandenburgischer Partnerstadt stammende Künstler Hans-Jürgen Brauer malte 2011 während einer Exkursion der Jugendkunstschule Teltow die Förderanlagen der Zeche Westfalen. „Ein unerwartetes Motiv, auf das mich meine Gäste immer wieder ansprechen“, steht der Bürgermeister fest verbunden zu dem, „was auch unsere Stadt groß gemacht hat“. Er sei sich bewusst, in einer langen Ahnenreihe der letzte Bürgermeister der Stadt Ahlen zu sein, der während seiner Amtszeit „hautnah und authentisch“ Bergbau in Deutschland erlebt habe.

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