Interview mit Christiane Busmann
Über den Tellerrand schauen

Ahlen -

Über die Vitalisierung „Dritter Orte“ sprach unser Mitarbeiter Dierk Hartleb mit Büz-Geschäftsführerin Christiane Busmann.

Samstag, 20.10.2018, 18:30 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 20.10.2018, 18:30 Uhr
Das Bürgerzentrum Schuhfabrik und seine Geschäftsführerin Christiane Busmann stehen seit Jahren für das neue kulturpolitische Konzept der NRW-Landesregierung für „Dritte Orte“. Foto: Christian Wolff

Frau Busmann, in einem gemeinsamen Antrag sprechen sich die Fraktionen von CDU und FDP im NRW-Landtag für „Dritte Orte“ aus. Explizit genannt werden Bibliotheken, Volkshochschulen und kulturelle Zentren. Dazu gehören auch die soziokulturellen Zentren. Ist das Bürgerzentrum Schuhfabrik in Ahlen ein solcher Ort?

Busmann: Ja, definitiv ist die Schuhfabrik ein solcher Ort. Eines unserer zentralen Anliegen ist die Schaffung von Begegnungen von unterschiedlichen Gruppen in diesem Haus. Wir wollen ein Haus für möglichst viele sein. Und das heißt nicht zwangsläufig, dass alle miteinander und zur gleichen Zeit gemeinsam feiern müssen. Aber wenn die unterschiedlichen Nutzergruppen sich diesem Ort zugehörig fühlen, haben wir eine Voraussetzung für Begegnung erreicht. Und dann macht es Spaß von Zeit zu Zeit Veranstaltungen zu inszenieren, bei denen wir die Beteiligung unserer Nutzergruppen wünschen. Ein wunderbares Beispiel dafür war sicherlich die Rückbesetzung im Jahr 2014 mit zahlreichen Beteiligten.

Welche Voraussetzungen müssen Ihrer Meinung nach erfüllt sein, um als „Dritte Orte“ anerkannt und akzeptiert zu werden?

Busmann: Zunächst finde ich den Begriff „Dritte Orte“ (nach dem ersten Ort für Zuhause und dem zweiten Ort für Arbeit) neutral und gut. Dritte Orte können sehr unterschiedliche, konkrete Räume sein. Vielleicht ist es in einer Stadt eine Bibliothek oder eine VHS oder eben in der anderen Stadt das soziokulturelle Zentrum. Grundsätzlich müssen diese Orte meines Erachtens offene Angebote und eine Aufenthaltsqualität bieten, zu denen Menschen hinkommen möchten, ohne Eintrittsgelder entrichten zu müssen oder an einer geschlossenen Interessengruppe teilnehmen zu müssen. Und ich glaube daran, dass es einer professionellen und wachen Steuerung bedarf, die immer wieder für die Attraktivität und die Öffnung des Hauses sorgt.

Auch bei der Westfälischen Kulturkonferenz, die kürzlich in Gütersloh stattfand, hat NRW-Kulturministerin Isabel Poensgen-Pfeiffer die Schaffung „Dritter Orte“ als Ziel der Landespolitik genannt. Die soziokulturellen Zentren tauchten in ihrer Rede allerdings nicht auf. Muss Ihr Dachverband in Düsseldorf deshalb noch aktiver werden?

Busmann: Ich habe an dieser Konferenz teilgenommen und war sehr irritiert darüber, dass die Soziokultur in der Rede der Ministerin nicht und in den folgenden Arbeitsgruppen nur am Rande auftauchten. Unser Dachverband, die LAG Soziokultur NRW, hat sich sehr wohl mit dem neuen Förderprogramm und den zuständigen Ministerien darüber bereits beraten. Ich wünsche mir allerdings, dass die langjährigen Erfahrungen der Soziokultur als Kommunikations- und Begegnungsorte in die aktuellen Überlegungen stärker einbezogen und geachtet werden.

Was versprechen Sie sich selbst von der Vitalisierung „Dritter Orte? Oder ist das nur ein neuer Begriff für etwas, was ohnehin schon in soziokulturellen Zentren und anderswo stattfindet?

Busmann: Ich glaube, dass es sehr notwendig ist, sich bewusst mit der Bedeutung von „Dritten Orten“ zu beschäftigen und diese auch finanziell durch das Land zu unterstützen. Viel wird zurzeit von einem Auseinanderdriften der Gesellschaft gesprochen und um dem entgegenzuwirken, brauchen wir lebendige Orte der Begegnung. Und dabei meine ich besonders auch mit Fremden, eben Menschen, die nicht direkt zu meinen Freundeskreisen gehören. Echokammern, die uns bestätigen und mit Algorithmen das Gleiche zusammenbringen, haben wir im Netz genug. Wichtig finde ich, dem Fremden zuzuhören, um Neues zu erfahren und über den Tellerrand zu schauen. Deshalb sollte kommunal genau hingeschaut werden, wer den Namen „Dritter Ort“ wirklich verdient.

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