Serie „Beruf(s)leben
Bei aller Ordnung: Im Krankenhaus läuft‘s nie nach Plan

Ahlen -

Britta Wisse hat ihre Oma gepflegt. Dabei merkte sie, dass ihr das liegt. Heute gehört sie zur Leitung der Inneren Station im St.-Franziskus-Hospital

Dienstag, 01.07.2014, 17:07 Uhr

Wäre ihre Oma nicht gewesen. . .  „Ich habe sie gepflegt, sonst wäre ich wahrscheinlich nie hierhin gekommen.“ Jetzt ist sie da. Britta Wisse (32), examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. Dass es nicht mehr „Krankenschwester“ heißt, jedenfalls nicht im Fachdeutsch, formuliert den beispiellosen Strukturwandel im Gesundheitswesen. Patienten werden heute in manchem Krankenhaus schon „Kunden“ genannt. Hier im St.-Franziskus-Hospital zwar nicht. Aber der Alltag ist auch an der Robert-Koch-Straße kaum mehr mit dem vergleichbar, was Wisses Kollegen vor vielleicht 25 Jahren gelernt haben.

Nein: Trotz einer sehr straffen Organisation soll auch heute keiner „dem Blinddarm“ auf Zimmer soundso das Essen bringen. Der Patient bleibt Patient und wird nicht in eine Fallstatistik rubriziert. Obwohl: In Zeiten von „Verweildauerreduzierung“ ist Krankheit aus Sicht einer Klinik etwas Durchgeplantes. Vor einer Operation wissen Britta Wisse und ihre Kolleginnen über den Kranken alles, was sie für die medizinische Betreuung wissen müssen. Für die Nachsorge durch den Fach- oder Hausarzt. Für den Notfall. Wie geht es nach der OP weiter? An welchem Punkt der zehnteiligen Schmerzskala befindet sich der Patent? Schließlich ist in aller Regel das Ziel vorgegeben: „Wenn Sie keinen besonderen Zugang gelegt bekommen haben, laufen Sie abends nach der OP am Morgen wieder über den Flur.“

Wisse sieht ihren 84-köpfigen Mitarbeiterstab und sich folglich als „Hauptsteuerungselement“: Arzt, Physiotherapie, Küche, Verwandte – alle gehören informiert, alles gehört dokumentiert. Sei es bei geplanten OPs oder Notfällen. Pre- und postoperativ. Alles an Abfragen Nötige erledigen die Frauen („Es ist ein reiner Frauenberuf!“), gewährleisten die Patientensicherheit bis zum Eingriff, erklären Angehörigen pflegerische Dinge, nehmen sich, wo möglich, Zeit für ein kurzes Pläuschchen mit den Patienten. „Es ist eigentlich ein Beruf , in dem man alles machen muss“, sagt Britta Wisse.

Britta Wisse – keine Krankenschwester

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  • Foto: Jörg Pastoor
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Weil gerade im Krankenhaus Zeit Geld ist, haben manche ältere Kollegen ihr Problem damit, dass eben das, Zeit, für die Sorge um die Patienten immer stärker schwindet. Helfenwollen sei immer das Motiv für die Berufswahl. „Sonst könnten sie ja auch nicht zugewandt arbeiten“, sagt Wisse. Es muss also beides gehen.

Die Hauptrolle des Teams auf der Station besteht in der reibungslosen Abwicklung aller Abläufe. Das verlangt oft genug ausgeprägtes Improvisationstalent: „In einem Krankenhaus läuft es eigentlich nie nach Plan.“ Herzinfarkte oder Kreislaufkollapse passieren eben. Unangekündigt. Dann ist die Reaktion darauf vorrangig. Das gehört dazu. Und bei aller Nähe auch – aus Selbstschutz – eine professionelle Distanz. Denn besorgte Kranke oder deren Verwandte haben genug mit sich zu tun. Da bekommt das Personal auch schon mal Frust oder Verzweiflung ab. „Angehörige und Patienten sehen vor allem sich selbst. Das muss man immer wieder reflektieren“, sagt Britta Wisse. Sie sagt das aus eben jener Distanz, die sie als Stationsleitung in der „Inneren“ umso mehr braucht.

Da sie das Organisatorische spannend findet und die enormen Weiterbildungsmöglichkeiten ihres Berufs schätzt, absolviert sie noch ein Bachelorstudium für Pflegemanagement. Alles Organisieren funktioniert allein über Kommunikation. Mit den Ärzten. Den Patienten. Und, ganz wichtig, auch mit den Kollegen. „Es gibt jeden Tag Mitarbeitergespräche.“

Früh-, Spät- und Nachschicht mit dieser Verantwortung? Wie sich das anfühlt? „Man macht das oder nicht. Weil man es mag. Sonst arbeitet man hier nicht.“ Hier auf der Station habe man da eine gute Basis unter den Kollegen. „Eine Ebene, wo es funktioniert.“

Sicherlich passierten auch mal Fehler. Sicher gebe es mal Stress, mit dem sicherlich jeder anders umgehe. Aber in diesem Beruf werde man auch nicht häufiger krank als anderswo.

Der Pieper bleibt schon untypisch lange ruhig während des „AZ“-Gesprächs im Leitungszimmer. Dafür klingelt das Telefon. Typisch. Ja, das müsse so, lässt sie den Fragenden am anderen Ende der Leitung wissen. Nein, das sei so geklärt, und nein, das klappe so nicht wegen des Dienstplans. Klare Ansagen, direkte Gesprächsführung.

Dann geht Britta Wisse hinunter zum Schwesternzimmer, zur Übergabe mit einer Kollegin. Die Visite endet gleich – das muss geregelt werden. Wie so vieles. „Das ist eben ein Teamberuf – man muss sich immer mit allem und allen auseinandersetzen“, sagt Wisse. Dann geht sie gestreckten Tempos den Flur entlang. Den meistern ihre Kollegen in der Nachtschicht auch. Mit dem Tretroller. Die Zeit. . .

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