Gehirnforscher Dr. Henning Beck bei Beckumer Höxberg-Gespräch
Unser Gehirn ist faul, aber kreativ

Beckum -

Das menschliche Gehirn ist besser als sein Ruf, das stellte der Neurowissenschaftler und „Science-Slammer“ Henning Beck unter Beweis. Dass sich der Mensch vor künstlicher Intelligenz fürchten müsse, stritt er deutlich ab. Gefahren sah er dennoch.

Donnerstag, 13.06.2019, 05:00 Uhr aktualisiert: 18.06.2019, 17:12 Uhr
Dr. Henning Beck erläuterte, warum das Gehirn dem Computer überlegen ist. Foto: Peter Schniederjürgen

Unser Gehirn ist langsam, faul, beschäftigt sich 99 Prozent mit sich selbst, ist also ziemlich eitel. Also das genaue Gegenteil eines Computers, der komplizierteste Rechenoperationen in Bruchteilen von Sekunden löst, ergebnisorientiert arbeitet und jede Anweisung befolgt. So weit, so schlecht für uns Menschen.

Doch Dr. Henning Beck machte seinen Zuhörern, die am Dienstagabend der Einladung des Arbeitgeberverbandes Zement und Baustoffe zum 163. Höxberg-Gespräch in die Aula des Berufskollegs Beckum gefolgt waren, Mut. Denn das menschliche Gehirn ist besser als sein Ruf.

Anders als der Computer, der nur nach einem festgelegten Schema in drei Schritten ergebnisorientiert arbeitet, denkt das Gehirn in Konzepten. Beck verdeutlichte das an einfachen Beispielen: Das Bild mit einem Strich und einem Kreis als Abschluss, das Beck mit einigen wenigen Strichen auf die Flipchart wirft, kann ebenso ein Stängel mit Blüte, wie ein Baum mit einer Krone oder auch ein Kind sein, bei entsprechender Verlängerung auch ein Erwachsener und bei Vermehrung auch eine Familie mit Kindern. Was wir an Hand von vorhandenen Mustern oder Konzepten erkennen, muss vom Bildprogramm des Computers erst mühsam Schritt für Schritt entschlüsselt werden.,

Was nichts anderes heißt, als: In puncto Kreativität ist unser Gehirn dem Computer meilenweit voraus. Wo haben Sie ihre besten Einfälle, fragte der Gehirnforscher sein Publikum: Unter der Dusche, beim Joggen, beim Sport, bei der Gartenarbeit lauteten die Antworten, die dem Gehirnforscher aus der Publikumsrunde zugerufen wurden. Auf der Toilette traute sich in dem Moment wohl niemand zu sagen.

„Jedenfalls nicht am Schreibtisch“, fasste Beck das erwartete Ergebnis zusammen. Eine Idee zu haben, ist allerdings nur der erste Schritt. Dem müssen weitere folgen. Zum Beispiel der Austausch mit anderen Menschen. Mit der Fähigkeit, sich mit anderen Menschen auszutauschen und eine Idee in Frage zu stellen, sei das menschliche Gehirn dem Computer haushoch überlegen. „Der Computer ist so dumm wie vor 50 Jahren“, meinte Beck.

Insofern seien Vergleiche zwischen Gehirn und Computer wenig zielführend. „Der Mensch ist mehr als eine datenverarbeitende Maschine.“ Bei der Verarbeitung von Daten sei der Rechner dem menschlichen Gehirn überlegen. Aber um Probleme zu lösen und neue Antworten auf alte Fragestellungen zu finden, sei der Mensch eindeutig im Vorteil. Fragen zu stellen, keine Angst vor Fehlern zu haben und auszuprobieren, das seien die Fähigkeiten, die den Menschen auszeichneten.

Eindringlich appellierte Beck, der nebenbei auch Deutscher Meister im „Science Slam 2012“ ist, an seine Zuhörerschaft, das große Ganze zu sehen und sich Denkbrüche herauszunehmen. Sein Ratschlag: „Effektiv, statt effizient denken.“ Und: „Machen, statt perfekt machen.“ Ein weiterer Vorteil des Menschen: „Der Computer kann abstürzen, das Gehirn nicht.“

Die im Titel „Gehirn versus künstliche Intelligenz – gemeinsam zu neuen Ideen“ implizierte Fragestellung, ob wir uns vor der KI fürchten müssen, dass sie uns irgendwann beherrschen könnte, beantworte Beck in der anschließenden Diskussion mit einem klaren Nein. Jedenfalls nicht in einem überschaubaren Zeitraum. Wohl aber warnte der Neurowissenschaftler, der in Tübingen Biochemie studiert hat, davor, die Programme mit sexistischen, rassistischen oder diskriminierenden Inhalten zu füttern. Wenn wir sprachgesteuerten, internetbasierten persönlichen Assistenten wie sie auf dem Markt seien immer nur weibliche Namen wie Alexa oder Siri gäben, wisse er nicht, welche Auswirkungen das auf die Psyche und das Verhalten der Nutzer langfristig habe. Weil das menschliche Gehirn in Mustern denke, sei die Gefahr, dass auf diese Weise Vorurteile transportiert würden, nicht von der Hand zu weisen.

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