Westerkappeln soll „pestizidfreie Kommune“ werden
Giftspritze wird zum Tabu erklärt

Westerkappeln -

Westerkappeln soll „pestizidfreie Kommune“ werden. Diese Beschlussempfehlung hat der Ausschuss für Umwelt-, Energie- und Landwirtschaft am Donnerstagabend an den Rat gegeben. Im Grunde war auch die CDU dafür, stimmte dann aber doch dagegen. Im Kern geht es bei dieser Meinungsverschiedenheit um lediglich 2,6 Hektar Ackerland.

Samstag, 12.10.2019, 11:00 Uhr aktualisiert: 13.10.2019, 12:02 Uhr
Der Bauhof der Gemeinde Westerkappeln greift nach Angaben der Verwaltung schon jetzt nur in seltenen Einzelfällen zur Giftspritze. Foto: Colourbox.com

Den Antrag hatte die SPD gestellt. „Das Thema ist sehr wichtig“, meinte Holger Lagemann, sachkundiger Bürger der Sozialdemokraten. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutsch habe eine Liste der „pestizidfreien Kommunen“ veröffentlicht. Die Region sei ein „relativ weißes Loch“. Lediglich Ibbenbüren und Lotte seien bislang dabei. „Man sieht also, dass es geht.“

Die Gemeinde Westerkappeln muss gar nicht viel dafür tun, um „pestizidfreie Kommune“ zu werden. Laut Antrag der SPD sollen zeitnah auf allen kommunalen Flächen keine chemisch-synthetischen Pestizide mehr eingesetzt werden. Das ist schon nahezu der Fall, wie die Verwaltung dazu erläutert. Im Bereich der Schulen und an den Kläranlagen sowie im Freibad würden gar keine Unkrautvernichtungsmittel eingesetzt. Auch auf anderen Flächen setzten die Mitarbeiter des Bauhofes oder mit diesen Arbeiten beauftragte Fremdfirmen zu 99 Prozent mechanische Verfahren oder Flämmgeräte ein.

Nur bei der Bekämpfung des Riesenbärenklaus oder anderer giftiger Pflanzen kämen noch Pestizide zum Einsatz – und das auch nur im Einzelfall, erläuterte der Umweltbeauftragte Friedhelm Wilbrand. Solche Ausnahmen seien aber auch in einer „pestizidfreien Kommune“ gestattet. Dies völlig auszuschließen, sei unrealistisch, denn niemand wisse, ob in einigen Jahren invasive Arten – das sind aus fernen Ländern eingeschleppte Pflanzen – gar nicht anders bekämpft werden könnten.

Für mehr Diskussionsstoff im Ausschuss sorgte die Forderung der SPD, bei der Verpachtung kommunaler Flächen ein Pestizid-Verbot in den Verträgen zu verankern. Bei Grünland – die Gemeinde hat gerade einmal gut neun Hektar an elf Pächter vergeben – gilt das schon jetzt.

Daneben gibt es noch fünf Pachtverträge für Ackerland. Darin ist kein Pestizidverbot festgeschrieben und sollte es nach Meinung der Verwaltung auch nicht. Denn dieser Grund und Boden diene der Gemeinde als Reserve- oder Tauschfläche für Bau- und Planungsvorhaben. „Ein Pestizidverbot macht den Acker als Tauschfläche wertlos“, gab Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer ( CDU ) zu bedenken.

Die Landwirte könnten auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln nicht verzichten, betonte Birgit Leyschulte , Bäuerin und sachkundige Bürgerin der CDU, in diesem Zusammenhang. Die Landwirte täten „unheimlich viel“ im Bereich des Umweltschutzes, nutzten dort – wo möglich – auch technische Möglichkeiten. Aber ohne Unkrautvernichtungsmittel gehe es bei der „Feldhygiene“, wie Leyschulte es nannte, nicht. Die Landwirte schauten genau hin, ob und wo Beikräuter bekämpft werden müssten. Meistens würden Fachfirmen mit dem Pflanzenschutz beauftragt. „Die Landwirte spritzen so wenig wie möglich“, erklärte auch CDU-Ratsherr Horst Wieligmann, der ebenfalls Bauer ist. Auch Große-Heitmeyer meinte, dass die Landwirte auch heute schon umweltgerecht arbeiteten.

„Es ist unser Job dafür zu sorgen, dass unsere Kinder vernünftig aufwachsen“, sagte Andreas Weiss (SPD) und brachte auch das Thema Nitratbelastung des Grundwassers in die Debatte. „Wir in Westerkappeln sind da vorne weg.“

Nach Meinung von Birgit Leyschulte lief die Diskussion in eine falsche Richtung. „Wir sind hier nicht in Cloppenburg.“ Sie lud die Ausschussmitglieder ein, sich vor Ort auf den Höfen über die Arbeit der Bauern zu informieren. Wieligmann warnte davor, den Bauern die alleine Verantwortung für hohe Nitratwerte zuzuschieben. „Die höchsten haben wir nicht auf dem Acker, sondern im Wald.“

Bei Martin-Laumann-Stening (Bündnis 90/Die Grünen) hat die SPD mit ihrem Antrag nach dessen Worten „offene Türen eingerannt“. Gleichwohl zeigte er Verständnis für die Landwirtschaft, die ja Unkrautvernichtungsmittel aus wirtschaftlichen Gründen einsetze. „Wir müssen die Landwirte unterstützen, zum Beispiel bei der regionalen Vermarktung“, forderte Laumann-Stening.

Einem grundsätzlichen Pestizidverbot bei der Neuverpachtung von kommunalem Ackerland stimmte am Ende aber auch er zu. Außerdem sieht der Antrag der SPD vor, die Bürger im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit über Pestizidverzicht beim Gärtern und Artenvielfalt zu informieren. Das hält auch Wieligmann für dringend geboten. „Was auf privaten Grundstücken gespritzt wird, ist unglaublich.“

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