Nach Nutztierriss in Westerkappeln
„Wölfe sind keine Kuscheltiere“

Westerkappeln/Lotte -

Auge in Auge mit einem Wolf – und das in Halen ? Anwohnerin Cornelia Repkewitz ist ganz sicher. Wolfsberater und Bundesförster halten es für möglich. Sie appellieren, Hysterie zu vermeiden und zum sachlichen Umgang mit dem Thema Wolf. Wie geht das ?

Freitag, 10.05.2019, 18:00 Uhr
Angst vorm Wolf ? „Weglaufen sollte keiner bei einer Begegnung, sondern stehenbleiben und Krach machen“, rät Wolfsberater Arndt Eggelmeyer. Vermehrte Sichtungen - auch durchwandernder Tiere - zeigen: Der Mensch wird lernen müssen, mit dem Wolf zu leben. Foto: dpa

Einige Wochen liegt die Begegnung bereits zurück. In einen Vorgarten hatte sich das Tier vermutlich „Im Sande“ verlaufen. „Erst haben mein Mann und ich gedacht, das bei den Nachbarn sei ein Hund. Aber normalerweise gehen die Halter angeleint mit ihren Tieren spazieren, denn hier wohnen kleine Kinder“, berichtet Cornelia Repkewitz .

Mit eingezogenem Schwanz zog sich der Vierbeiner langsam zurück. Ein Verhalten, das die Familie aus der Zeit kennt, als sie noch Schäferhunde hielt. „Inzwischen sind wir uns sicher, dass es ein junger Wolf war. Er hatte die typischen Augen und im Gesicht auch die Zeichnung eines Wolfes“, betont Repkewitz.

Fotos machen und Amt informieren

Wer auf einen Wolf trifft, sollte stehenbleiben. Nach Auskunft der Fachleute kann ein junger Wolf das Weglaufen als Aufforderung zum Spielen sehen und nachsetzen. Ob es in Halen nun wirklich ein Canis lupus, wie Wissenschaftler den Wolf nennen, war, kann im Nachhinein nicht geklärt werden. „Am besten ist es, Fotos zu machen und die dann ans Landesumweltamt weiterzuleiten“, rät Wolfsberaterin Anja Roy , fürs Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) tätige diplomierte und ehrenamtliche Wildtierbiologin. Sie ist im Kreis Steinfurt auch für Lotte zuständig.

Verhaltenstipps bei einer Wolfsbegegnung

1/8
  • Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich einem Wolf in freier Wildbahn begegne? Das NRW-Umweltministerium gibt für den „äußerst unwahrscheinlichen“ Fall folgende Tipps:

    Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich einem Wolf in freier Wildbahn begegne? Das NRW-Umweltministerium gibt für den „äußerst unwahrscheinlichen“ Fall folgende Tipps:

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Nicht versuchen, sich dem Wolf zu nähern, ihn anzufassen oder zu füttern!

    Das Bild zeigt „Wolfsflüsterer“ Jos de Bruin im Naturwildpark „Granat“ in Haltern-Lavesum.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Nicht weglaufen, am besten stehen bleiben und abwarten, bis sich der Wolf zurück zieht.

    Foto: Patrick Pleul (dpa)
  • Wenn man selbst den Abstand vergrößern will, langsam zurück ziehen.

    Foto: Bernd Thissen (dpa)
  • Man kann den Wolf auch vertreiben, indem man auf sich aufmerksam macht, zum Beispiel, indem man das Tier laut anspricht, in die Hände klatscht oder mit den Armen winkt.

    Foto: Julian Stratenschulte (dpa)
  • Da Wölfe die Nähe des Menschen mieden, sei es selbst in einem Gebiet, in dem Wölfe ihr Revier haben, äußerst unwahrscheinlich, ein Tier zu Gesicht zu bekommen, betont das Umweltministerium.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Vor allem bei jungen und unerfahrenen Wölfen könne es aber vorkommen, dass die Neugier stärker sei, als die Furcht.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Jede Sichtung eines Wolfs sollte möglichst bald an das zuständige Landesumweltamt gemeldet werden – in NRW unter der Nummer 02361-3050 (werktags) bzw. 0201-714488 (außerhalb der Geschäftszeiten und am Wochenende) oder per E-Mail wolf_nrw@lanuv.nrw.de erreichbar.

    Foto: Gunnar A. Pier

Dass der in Halen angeblich gesehene Wolf aus Bramsche-Neuenkirchen ins Westfälische gewechselt ist, hält sie für wahrscheinlich: „Die Tiere wandern bis zu 100 Kilometer am Tag.“ Ob es die Fähe gewesen ist, die nachweislich ein Gehegewild in Westerkappeln-Westerbeck gerissen hat, ist ungeklärt. Und ob ein Wolf auf dem rund 1000 Hektar großen ehemaligen Truppenübungsplatz in Achmer angrenzend an Halen heimisch wird, ist für Anja Roy fraglich: „Wolfsgebiete umfassen mehrere 1000 Hektar mit einer Pufferzone. Man muss abwarten, ob es den Tieren in der Region gefällt.“ Zudem müsse eine bestimmte Wilddichte vorliegen, um einem Solitärwolf oder gar einem Rudel das Überleben zu sichern.

Blickkontakt sollte man vermeiden, weil das bei Hunden als dominantes Verhalten gilt und einen Angriff provozieren könnte.

Anja Roy

Anja Roy rät bei Wolfs-Begegnungen zu Respekt: „Blickkontakt sollte man vermeiden, weil das bei Hunden als dominantes Verhalten gilt und einen Angriff provozieren könnte. Man sollte Abstand halten, denn auch wenn Jungwölfe so wirken mögen: Sie sind keine Kuscheltiere.“

Des Weiteren sollten Wölfe keinesfalls gefüttert werden, appelliert Anja Roy an die Vernunft der Bürger: „Wölfe sind schlau und verlieren dann die natürliche Scheu.“ Die Wolfsberaterin ist sicher: „Wir müssen uns darauf einstellen, wieder mit dem Wolf zu leben.“ Er genieße derzeit noch den höchsten europäischen Schutzstatus und werde nur in Einzelfällen bejagt. Darauf müssten sich Weidetierhalter einstellen und ihre Herden einzäunen. Der Zaun sollte beispielsweise stromführend sein und mindestens 20 Zentimeter im Boden eingegraben werden, rät die Fachfrau.

Jungtier auf Wanderschaft?

Die Wahrscheinlichkeit, dass der „Westerkappelner“ Wolf der gleiche war, der vor einiger Zeit im niedersächsischen Gehn in Neuenkirchen in eine Fotofalle geraten sei, beschreibt Arndt Eggelmeyer, für den Landkreis Osnabrück zuständiger Wolfsberater als „nicht gering“. Auch er vermutet, dass es ein Jungtier auf Wanderschaft war.

Grundsätzlich meide der Wolf den Menschen, betont der Fachmann. Auch er fordert Respekt ein: „Jungtiere sind neugierig, auch wenn sie einen Menschen sehen.“ Weglaufen sollte keiner bei einer Begegnung, sondern stehenbleiben und Krach machen, vielleicht einen Stein in die Richtung werfen; auf jeden Fall seinen Hund an der Leine halten.

Akzeptanz lässt nach

„Die Akzeptanz gegenüber dem Wolf lässt nach. Vor fünf Jahren waren noch 90 Prozent der Bevölkerung für die Wiederansiedlung des Wolfs. Heute sind es erheblich weniger, weil mehr Menschen Angst vor dem Tier haben“, gibt Eggelmeyer Umfragen wider.

Die Hauptwanderrichtung von Wölfen ist von Südosten nach Nordwesten. „Keiner weiß, warum“, sagt der Wolfsberater. „Als Hetzjäger liebt der Wolf den Wald. Ist die Wilddichte attraktiv, wird er bleiben“, erklärt er. Als Rudel aber nur dort, wo es rund 20 000 bis 25 000 Hektar ohne große Störungen durchstreifen kann.

So lange ein Vielleicht im Raum steht, gibt es keinen Wolf.

Bundesförster Rainer Schmidt

Bundesförster Rainer Schmidt ist in Westerkappeln-Seeste für rund 1000 Hektar des ehemaligen Truppenübungsplatzes Achmer an der Grenze zu Halen und seit einigen Jahren auch für die Naturerbefläche „Wersener Heide“ zuständig. Das schließt das Wildtiermanagement ein. Er hat eine klare Haltung: „So lange ein Vielleicht im Raum steht, gibt es keinen Wolf.“

Häufig werde ein Fuchs für einen Wolf gehalten. Weiterhin gebe es nach jedem bekannt gewordenen Riss von Wild- oder Weidetieren die Vermutung, ein „Vielleicht-Wolf“ habe das angerichtet. „Das wird dann in den sozialen Netzwerken hochgekocht“, kritisiert Schmidt, denn das wiederum verursache meistens eine Hysterie unter den Leuten.

Es ist Ruhe eingekehrt

Der Bundesförster arbeitet in einem Wolfsstreifgebiet. „Spuren gibt es seit drei Jahren“, berichtet Schmidt. Und: „Ich bin jeden Tag im Revier und habe noch keinen Riss gefunden. Auch würde man es an den Reaktionen des Wildes merken, wenn ein Wolf ständig unterwegs ist. Es ist unruhig und zieht sich dann noch mehr zurück. Das Rehwild hier ist entspannt und ich kann zu 98 Prozent sagen: Ich habe keinen Wolf“, erklärt der Bundesförster.

Er vermutet, dass es ein Wolf auf Durchreise war, der von seinem Rudel in der Setzzeit weggebissen worden ist. „Jetzt ist Ruhe eingekehrt“, betont der Bundesförster. Dass Wanderwölfe bei der Suche nach einem neuen Revier ein Tier reißen, sei normal. Zudem müsse man bedenken, dass ein Großteil der Jungwölfe verhungere oder im Straßenverkehr sterbe. Auch wenn der Mensch nicht auf dem Speiseplan des Wolfes stehe, gibt Schmidt zu bedenken: „Man darf das Tier nicht verniedlichen. Es ist ein Großraubtier und wiegt ausgewachsen 75 Kilo.“

EU-weit höchster Schutzstatus

Seit einiger Zeit hat sich die Willkommenskultur hierzulande gegenüber dem einst heimischen und 150 Jahre lang ausgerotteten Wolf gewandelt. Der Wolf genießt zwar auch EU-weit noch den höchsten Schutzstatus. Aber die Sorge und Rufe nach Maßnahmen von Seiten der Weidetierhalter steigt; durchaus berechtigt, wie die mittlerweile nach DNA-Abgleich nachgewiesenen Wolfsrisse in dem Dammwildgehege in Westerbeck bestätigten. Abschusserlaubnisse für nachgewiesene Problemwölfe wurden bereits erteilt. Forderungen nach einer Deckelung der Population deutschlandweit bestehen gleichfalls. Die nationale und EU-Politik wollen Regelungen schaffen.

Zum Thema

Wolfssichtungen in NRW, am besten mit Foto, nimmt entgegen: Landesumweltamt, 02361-305-0; außerhalb der Geschäftszeiten und an Wochenenden: ' 0201-714488 und wolf_nrw@lanuv.nrw.de

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6602451?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F188%2F
50 Autos in Flughafen-Parkhaus komplett ausgebrannt
Großbrand am FMO: 50 Autos in Flughafen-Parkhaus komplett ausgebrannt
Nachrichten-Ticker