Amphibienrückgang auch in Westerkappeln und Lotte
Weniger Laich und Lurche

Westerkappeln/Lotte -

Der deutliche Rückgang der Amphibienpopulation, den ehrenamtliche Naturschützer dieses Frühjahr bereits an den Fangschutzzäunen in der Haseniederung in Bissendorf-Natbergen festgestellt haben, macht sich auch in Lotte und Westerkappeln bemerkbar. Ursache ist nach Expertenmeinung nicht nur die Dürre 2018, sondern ein ganzes Bündel von Faktoren.

Freitag, 03.05.2019, 16:30 Uhr aktualisiert: 03.05.2019, 16:54 Uhr
Der Straßenverkehr ist nicht die einzige tödliche Gefahr für Kröten, Frösche, Molche und Salamander. Foto: Patrick Pleul/dpa

Die Straßensperren und Warnschilder zum Schutz von Kröten, Fröschen, Molchen und Co. im Februar und März, berichtet Lottes Umweltbeauftragte Ursula Wilm-Chemnitz , wurden auch dieses Jahr wieder wie üblich mit der Gemeinde Westerkappeln koordiniert. Betroffen sind vor allem der Schwarzwasserweg im Grenzbereich Lotte/Westerkappeln und die Straße Am Hagenberg zwischen Alt-Lotte und Osterberg.

Die Wanderung zu den Laichgewässerrn ist längst abgeschlossen; bald werden die ersten Jungtiere das Kaulquappenstadium hinter sich gelassen haben und an Land gehen. „Ich habe relativ wenig Nachfragen und Meldungen bekommen“, sagt Wilm-Chemnitz auf die Frage nach dem Rückgang der Population. Ihr sei aber aufgefallen, dass deutlich weniger überfahrene Amphibien zu sehen waren.

Ihr Westerkappelner Amtskollege Friedhelm Wilbrand berichtet, dass auch die Rückwanderung bereits zur Hälfte erfolgt sei und, wenn es etwas Regen gibt, in den nächsten ein bis zwei Wochen abgeschlossen werde, weshalb die Sperrungen auch noch nicht aufgehoben würden. Am Präriesee, wo es Fangzäune und -eimer gab, hätten die Naturschützer dieses Jahr rund 6200 Amphibien gezählt. Das sei ein durchschnittliches Ergebnis.

Dort, so Wilbrand, laichten zu 98 Prozent Erdkröten. Die restlichen zwei Prozent entfielen auf Molche, Gras- und Grünfrösche.

Der Osterberger Landwirt Holger Strübbe, der neben einem Fischteich einen Extrateich für Amphibien hat, spricht davon, dass die Wanderung dieses Jahr „verhaltener als sonst“ ausgefallen sei. Er habe das aber zunächst darauf geschoben, dass es zu Beginn der Krötenwanderung noch ziemlich kühl gewesen sei. Inzwischen hätten die Altkröten abgelaicht. sowohl im Teich, als auch in einem wasserführenden Graben habe er nach Laich geguckt: „Das war dieses Jahr wesentlich weniger!“

In Bissendorf-Natbergen, wo Umweltschützer Thomas Lehnen und seiner Mitstreiter an der Straße Rosenheide auch dieses Jahr Frosch, Kröte und Co. mit Fangeimern und einem 500 Meter langen Schutzzaun in einem Gebiet mit feuchten Wiesen und vielen Bächen zur Laichzeit über die Straße halfen, wurden bis zum Ende der Hinwanderung nur 450 Tiere gezählt, während es im 2018 noch gut 660 und im Jahr davor 670 waren. Früher seien es mehr als 1000 Tiere im Jahr gewesen. Das ist in der Tat ein deutlicher Rückgang.

Gut 500 Meter Fangzäune mussten die Amphibienretter an der Rosenheide in Natbergen zum Ende der Laichzeit wieder abbauen. Nur gut 450 Tiere gingen dieses Jahr in die Fallen und konnten gerettet werden.

Gut 500 Meter Fangzäune mussten die Amphibienretter an der Rosenheide in Natbergen zum Ende der Laichzeit wieder abbauen. Nur gut 450 Tiere gingen dieses Jahr in die Fallen und konnten gerettet werden. Foto: Robert Schäfer

Ob das auch in anderen Bereichen des Landkreises Osnabrück zutrifft, steht noch nicht fest: „Im Landkreis wurden wie in jedem Jahr viele Akteure unterstützt, die Krötenschutzzäune errichten und diese Anlagen täglich betreuen. Wir bitten alle Aktiven, uns bis Ende Mai die aktuellen Daten und Ergebnisse des Frühjahres zuzusenden. Aktuelle Daten liegen uns daher noch nicht vor,“ so Landkreis-Pressesprecher Burkhard Riepenhoff.

Auch beim Kreis Steinfurt gibt es noch keine systematische Erfassung der zudem nur punktuellen Apmhibienschutzmaßnahmen mittels Fangzäunen und -eimern, die teils von Naturschutzvereinen, teils von Privatpersonen durchgeführt werden, also auch noch keine konkreten Zahlen zu den Populationen einzelner Arten. Eine Datensammlung ist gerade erst im Aufbau, wie Pressesprecherin Kirsten Weßling auf Nachfrage bestätigte.

Die Ursachen für den schon länger zu beobachtenden Rückgang der Amphibienpopulation sind offenbar vielfältig: Neben der Vernichtung von Lebensräumen für die wasserliebenden, wechselwarmen Tiere durch den wachsenden Nutzungsdruck auf die Landschaft – Entwässerung für landwirtschaftliche Nutzung, Verfüllen von Tümpeln und Blänken, Bodenversiegelung durch Siedlungen und Wegebau – dürften auch Nahrungsmangel durch den Rückgang von Insekten, Umweltgifte wie Pestizide, der immer stärkere Straßenverkehr und der Klimawandel eine Rolle spielen, wenn man den Experten glauben kann.

So groß wie ein Fingernagel ist diese Erdkröte, die vor einigen Tagen erst an Land gekommen ist. Das Bild stammt aus dem Jahr 2016.

So groß wie ein Fingernagel ist diese Erdkröte, die vor einigen Tagen erst an Land gekommen ist. Das Bild stammt aus dem Jahr 2016. Foto: Ursula Holtgrewe

Zu wenig Regen im Frühjahr und trocken fallende Klein- und Kleinstgewässer lassen Laich und Kaulquappen keine Chance zum Überleben. Hinzu kommt eine seit Mitte der 2000er Jahre aus Südamerika eingeschleppte tödliche Hautpilzerkrankung, die sich auch in Europa unter den Amphibien ausbreitet: Der Chytridpilz (Batrachochytrium dendrobatidis, kurz: BD) ist ein Tröpfchenpilz, der Amphibien befällt und bei ihnen eine Chytridiomykose genannte Krankheit verursacht. Eine Infektion mit dem Pilz kann bei manchen Arten tödlich verlaufen.

Wie der in Westerkappeln ansässige Biologe Dr. Karl-Robert Wolf, der seit vielen Jahren auf Amphibienökologie spezialisiert ist und über die Erdkröte promoviert hat, auf Nachfrage bestätigt, breitet sich der vor allem Feuersalamander befallende Pilz von Holland her aus und hat dort den Bestand bereits weitgehend vernichtet. Eine Unterart des Pilzes gebe es auch bei Erdkröten. Auch der Edelkrebs sei stark betroffen.

Der Pilz sei vor allem deshalb tödlich, weil er die für die Amphibien grundlegende Hautatmung zerstört. „Aber wir haben hier in unserem Bereich noch keine Nachweise für den Chytridpilz“, beruhigt der Fachamnn, der an der Mettinger Kardinal-von-Galen-Realschule Biologie unterrichtet, einen Forschungsauftrag an der Universität Osnabrück hat und der Planungsgruppe Ökologie angehört.

Der Biologe verweist darauf, dass Amphibien besonders empfindlich auf Klimawandel, Witterungseinflüsse und Schadstoffbelastungen reagieren. Vergleichsweise stabil seien die Bestände der in tieferen, durchaus auch von Fischen bewohnten, Gewässern laichenden Erdkröten, während vor allem die Reproduktion der im Flachwasser laichenden Arten starken Schwankungen unterliege. „Große Sorge“ bereiten ihm deshalb die fehlenden Niederschläge zur richtigen Zeit: „Letztes Jahr war es bis in größere Tiefen so trocken, dass selbst Erdkröten vertrocknet sind.“

Dennoch müsse man mit Aussagen über die Ursachen der sicherlich bei bestimmten Arten schrumpfenden Bestände sehr vorsichtig sein, so lange keine gesicherten Daten vorliegen. „Das Problem ist, dass der Landkreis Osnabrück nie kontinuierlich Daten erhoben hat“, so Wolf, der als positives Gegenbeispiel den seit 1988 an 3,5 Kilometer Fangzäunen zusammengetragenen „riesigen“ Datenpool zu den Amphibienvorkommen in der Stadt Osnabrück hervorhebt. Laubfrösche gebe es kaum noch, auch die Zahl der Kammmolche sei stark rückläufig.

Zunächst sei eine „systematische Erfassung der Reproduktionsstätten“, also eine Kartierung der Laichgewässer, und deren kontinuierliche Beobachtung Voraussetzung. „Das muss professionalisiert werden“, sagt der Amphibienexperte und betont: „Man kann etwas tun. Aber um etwas zu tun, braucht man eine vernünftige Datengrundlage!“

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