Polizei warnt vor Betrügern
Betrüger erbeuten Millionenbeträge

Westerkappeln -

Immer häufiger melden sich Betrüger per Telefon, insbesondere bei älteren Menschen. Sie geben vor in einer Notlage zu sein oder warnen als falsche Polizisten vor bevorstehenden Einbrüchen - und bieten „Hilfe“ an.

Mittwoch, 24.04.2019, 18:00 Uhr aktualisiert: 25.04.2019, 17:38 Uhr
Fragen am Telefon nach Wertgegenständen oder Geld, verbunden mit vermeintlichen Warnungen, sind niemals von echten Polizisten. Deshalb rät die Polizei in solchen Fällen – einfach auflegen. Foto: Gert Westdörp

Es ist eine noch nie da gewesene Welle von Betrugsanrufen. Aus dem ganzen Kreis Steinfurt gibt es immer wieder Meldungen von Bürgern, die von falschen Polizeibeamten von einer 110-Nummer angerufen werden, um Geld zu ergaunern. Schon mehrere hundert solcher Anrufe, vor allem bei Senioren, registrierte die Polizei im Kreis Steinfurt in diesem Jahr – im Vorjahr waren es insgesamt rund 400. Auch in Westerkappeln wurden mehrfach solche Vorkommnisse angezeigt.

In einigen Fällen hatten die Betrüger sogar Erfolg. Anfang März wurden zwei Ibbenbürener Senioren mit dieser Masche jeweils um einen mittleren fünfstelligen Betrag erleichtert. Bargeld, das die Opfer den Betrügern in gutem Glauben überreichten.

2018 lag die Schadenssumme in ganz NRW nach Polizeiangaben bei rund 12 Millionen Euro. Wie aber gehen die Täter vor ? Wo sitzen sie ? Wie kommen sie an Informationen über Opfer ? Wir haben das Thema mit Andreas Ewering von der Kriminalprävention anhand der Ibbenbürener Fälle in die Details vertieft.

Wie kommen die Täter an Telefonnummern von Senioren ? Andreas Ewering nennt zwei gängige Methoden. Zum einen das klassische Telefonbuch. „Dort gucken die Betrüger zum Beispiel nach alt klingenden Vornamen“, sagt der Experte. Auch alte vierstellige Telefonnummern wären ein Indiz. Der andere Weg laufe über den Datenhandel, über Gewinnspielteilnahmen, Werbeanrufe und Meinungsumfragen würden sensible Daten abgegriffen, mit denen Handel getrieben werde. „Das ist zum Teil natürlich nicht legal.“

Von wo aus wird angerufen ? „Die Täter haben regelrechte Callcenter“, sagt Andreas Ewering. „Und die sitzen nach unseren Feststellungen fast ausschließlich in der Türkei.“ Dort säßen zig Anrufer, die Anbahnungsgespräche führen. Dazu erscheint im Display des Angerufenen eine 110-Nummer, gegebenenfalls mit Vorwahl.

Wie lassen die Anrufer eine 110-Nummer im Display erscheinen ? Technisch kein Problem. „Das geht schon mit einer App“, sagt Andreas Ewering. Täter nutzten das sogenannte „Call-ID-Spoofing“. Dies ermöglicht die Anzeige einer frei wählbaren Telefonnummer im Display des Angerufenen mittels Internettelefonie. Es entsteht der Eindruck, der Anruf stamme tatsächlich von der Polizei.

Wie gehen die Betrüger bei ihren Anrufen vor ? Die grundsätzliche Masche funktioniere derart, dass Anrufer vorgäben, sie seien von der Polizei und man hätte bei einer Festnahme eine Liste mit Einbruchszielen gefunden. „Das Opfer wird dann gefragt, ob bei ihm schon eingebrochen wurde“, sagt Ewering. Nach der zu erwartenden Verneinung wird dem Opfer dann suggeriert, dass ein Einbruch bei ihm möglicherweise bevorstünde, und es wird explizit nach Wertgegenständen gefragt. „Das Gespräch wird dann ganz geschickt dahingeführt, dass man anbietet, diese Dinge aufzubewahren bis die Diebe geschnappt seien.“ Ein Kollege würde sie dann abholen.

Wie versuchen die Täter, ihre Opfer zu überzeugen ? Auf verschiedene Art. So böten sie zum Beispiel an, über Rückruf die Telefonnummer zu überprüfen, falls sie sich nicht sicher seien. „Dann landet man natürlich wieder bei der gefakten Nummer im Callcenter.“ Dort werde dann die „Richtigkeit“ des Anrufes bestätigt. Bei einem der Ibbenbürener Fälle zogen die Täter im Gesprächsverlauf einen fiktiven „Staatsanwalt“ hinzu, der dann mit dem späteren Opfer sprach und wiederholt anrief. „Das soll einen amtlichen Charakter vorspiegeln“, so Ewering. Bekannt sind auch Varianten mit Richtern, BKA- oder LKA-Beamten.

Varianten: „Die Täter entwickeln den Trick natürlich weiter und wollen auch an das Geld, das auf der Bank liegt“, sagt Ewering. Schließlich hat nicht Jeder viel Geld oder Wertsachen zu Hause.“ Eine Variante sei, dass bei der Bank des Opfers angeblich ein Hackerangriff bevorstünde oder eine Bande den Mitarbeiterstamm des Geldinstitutes infiltriert habe. Die Opfer würden dann aufgefordert, ihr Geld oder ihre Wertsachen in Sicherheit zu bringen, bevor das Konto leer geräumt werde. „Das tritt jetzt vermehrt auf“, so Ewering. Auch bei den Fällen im Tecklenburger Land sei das vorgekommen.

Gesprächsführung: Die Gesprächsführung setze die Opfer gezielt unter Druck. Beispielsweise würde ihnen erklärt, sie seien jetzt Zeugen in einem Ermittlungsverfahren und dürften daher mit niemandem darüber sprechen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Andererseits würde man sich strafbar machen. „Es wird massiv Druck ausgeübt“, sagt An­dreas Ewering. Zudem würden durch geschickte Gesprächsführung Informationen abgegriffen, ohne, dass es bemerkt wird. „Ein Opfer aus Ibbenbüren hat anschließend gesagt: ‚Die wussten alles über mich‘.“

Übergabe: Das Geld werde entweder von einem Täter in Zivil, eventuell mit einem gefälschten Dienstausweis, selbst abgeholt. Dabei wird oft mit einem Codewort gearbeitet.“ Oder das Geld wird irgendwo hinterlegt. „Unsere echten Dienstausweise sind aus Plastik, scheckkartengroß und haben auf der Rückseite Blindenschrift“, so Ewering.

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