Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche bietet Unterstützung in vielen Lebenslagen
Vielen Eltern fehlt das Bauchgefühl

Westerkappeln/Lotte -

Familienplanung, Schwangerschaftskonflikte, Stillschwierigkeiten, Ehestreit, Erziehungsfragen und das große Thema Sex. Zu derlei Fragen türmen sich unzählige Ratgeber. „Den Leuten fehlt aber oft das Bauchgefühl“, weiß Sofia Pain von der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche beim Diakonischen Werk des Kirchenkreises Tecklenburg. Die Experten dort bieten eine Vielzahl von Hilfen.

Freitag, 04.11.2016, 17:11 Uhr

Eine Schwangerschaft ist für viele Frauen etwas Schönes. Vor, während und nach der Geburt sind viele Eltern aber verunsichert. In solchen Fällen bietet die Beratungsstelle der Diakonie umfassende Hilfen.
Eine Schwangerschaft ist für viele Frauen etwas Schönes. Vor, während und nach der Geburt sind viele Eltern aber verunsichert. In solchen Fällen bietet die Beratungsstelle der Diakonie umfassende Hilfen.

Familienplanung , Schwangerschaftskonflikte, Stillschwierigkeiten, Ehestreit, Erziehungsfragen und das große Thema Sex – kluge Ratgeber zu diesen und ähnlichen Problemen füllen ganze Bibliotheken. Und das Internet ist voll von gut gemeinten Lösungsvorschlägen, Blogs und Chatgruppen. Da sind doch alle bestens informiert – oder ? Mitnichten, sagen die Experten der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche beim Diakonischen Werk des Kirchenkreises Tecklenburg .

„Viele Eltern sind einfach verunsichert“, erklärt deren Leiter Friedrich Thoss . Der Beratungsbedarf steigt, wie die Fallzahlen belegten. Warum ist das so ? „Ich glaube, der Erwartungsdruck ist so groß geworden, weil sich die Gesellschaft so verändert hat“, meint Sofia Pain , die Jugendliche und Erwachsene zu Fragen der Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft und Geburt berät. Dieses Angebot gibt es bei der Diakonie erst seit diesem Jahr. Angesichts von Sexualkunde schon in der Grundschule und einer in dieser Hinsicht weitgehend enttabuisierten Medienlandschaft ist die Irritation bei jungen Menschen dennoch oftmals groß. „Die Jugendlichen sind sicher über die biogischen Prozesse aufgeklärt, aber nicht über die emotionalen Aspekte. Und die sind sehr wichtig“, gibt Sofia Pain.

Familienhebamme Andrea Siebelmann, die Sozialpädagoginnen Sofia Pain und Sonja Keller sowie Leiter Friedrich Thoss (von links) stellten die Angebote jetzt Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer vor. Allein in Westerkappeln gab es vergangenes Jahr über 200 Ratsuchende.

Familienhebamme Andrea Siebelmann, die Sozialpädagoginnen Sofia Pain und Sonja Keller sowie Leiter Friedrich Thoss (von links) stellten die Angebote jetzt Bürgermeisterin Annette Große-Heitmeyer vor. Allein in Westerkappeln gab es vergangenes Jahr über 200 Ratsuchende. Foto: Frank Klausmeyer

Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Beratung von Schwangeren. Deren Probleme können mannigfaltig sein, angefangen von zunehmenden Veränderungen in der Partnerschaft über Ansprüche auf staatliche Leistungen oder Vorsorgemöglichkeiten.

Zu den Beratungsinhalten gehören aber auch Informationen über Hilfsmöglichkeiten und die medizinischen Abläufe des Schwangerschaftsabbruchs. Entscheidet sich die Frau für eine Abtreibung, erhält sie von den Beraterinnen die dafür gesetzlich vorgeschriebene Bescheinigung nach § 219. Auch nach dem Schwangerschaftsabbruch können Frauen – und Männer – Gesprächstermine in Anspruch nehmen. Denn eine Abtreibung kann noch lange nachwirken.

1336 Ratsuchende in einem Jahr

Die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Lengerich hat im vergangenen Jahr insgesamt 773 Anmeldungen mit 1336 Ratsuchenden registriert. Darin einbezogen waren 338 Fachkräfte. Das geht aus dem Jahresbericht 2015 hervor. „Die Anmeldungen steigen“, berichtet der Leiter des Beratungszentrums Friedrich Thoss.

In mehr als einem Viertel der Beratungsfälle ging es um die Belastung junger Menschen durch familiäre Konflikte, fast genauso oft waren Eltern mit der Erziehung überfordert. In 4,7 Prozent der Beratungen ging es laut Jahresbericht um eine Gefährdung des Kindeswohls, 6,5 Prozent der Beratungen drehten sich um schulische und berufliche Probleme von Jugendlichen. Häufig hatten es die Berater auch mit auffälligem sozialen Verhalten junger Menschen (10,9 Prozent) und seelischen Problemen Jugendlicher (16,1 Prozent) zu tun.

Aus Westerkappeln gab es vergangenes Jahr 119 Anmeldungen mit 205 Ratsuchenden, in Lotte waren es 69 Anmeldungen mit 102 Ratsuchenden.

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Viele Leute denken vielleicht, Jugendliche sind heute frühreifer als vielleicht in den 1970er oder -80er Jahren. Das ist aber offensichtlich nicht der Fall. Friedrich Thoss verweist in diesem Fall auf wissenschaftliche Untersuchungen, wonach der erste Geschlechtsverkehr von Mädchen und Jungen später stattfinde als früher. Andrea Siebelmann kennt jedoch auch eine Kehrseite der Medaille. „Es gibt wieder mehr unter 18-jährige Mütter“, berichtet die Familienhebamme. Ihr Aufgabengebiet zählt zum System der sogenannten frühen Hilfen. Allein im vergangenen Jahr wurden 78 Familien im Einzugsbereich der Diakonie während der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr des Kindes begleitet. „Bei uns hat es eine Explosion beim Beratungsbedarf gegeben“, betont Siebelmann. Dies sei wohl auch bedingt durch die gestiegene Zahl von Flüchtlingen.

An muslimische Familien heranzukommen gestaltet sich dabei nicht immer ganz einfach. „Einige sind für das Thema Sexualität überhaupt nicht zugänglich, zum Beispiel, wenn es um Verhütung geht“, hat die Familienhebamme beobachtet. „Jugendliche sind dafür aber meistens offen.“

Das Team der Familienhebammen – neun staatlich examinierte Fachkräfte plus zwei Sozialpädagogen – hat vor allem minderjährige Mütter, sozialschwache Familien, überforderte Eltern oder Familien mit frühgeborenen Kindern im Blick. Durch einen möglichst frühzeitigen Kontakt zur Familienhebamme könne insbesondere für junge Familien eine bessere Ausgangssituation erreicht werden, heißt es im Jahresbericht der Beratungsstelle.

Als weitere Bausteine der frühen Hilfen stehen die „wellcome“-Engel und Familienpaten jungen Eltern zur Seite. Diese sind ehrenamtlich unterwegs. Die „wellcome“-Engel bieten praktische Hilfe nach der Geburt bis zum Ende des ersten Lebensjahres an. Zum Beispiel wachen sie über den Schlaf des Babys, während sich die Mama erholt oder sie kümmern sich ums Geschwisterlein.

Familienpaten unterstützen Eltern sogar bis die Kinder zehn sind. Dabei handelt es sich um einen sehr niederschwelligen Ansatz, der vor allem dort greift, wo es keine Großeltern oder andere Entlastung gibt. Familienpaten unternehmen etwas mit den Kindern, haben Zeit oder hören einfach nur zu.

Bedarf ist auch hier da: „Wir haben in Westerkappeln mehrere Familien auf der Warteliste“, sagt Sonja Keller. Die Sozialpädagogin, die den Einsatz der Engel und Paten bei der Beratungsstelle koordiniert, hat allerdings ein Problem: Es fehlen Ehrenamtliche. Unlängst hatte sie in Westerkappeln Interessierte zu einem Infoabend eingeladen. Die Resonanz war jedoch gleich Null. Der Einsatz der Engel und Paten ist zwar ehrenamtlich, sie sind jedoch versichert und bekommen die Fahrtkosten erstattet.

Das Beratungsangebot der Diakonie ist noch viel umfassender. Und nicht immer müssen Ratsuchende sich dafür nach Lengerich auf die Socken machen. Friedrich Thoss ist regelmäßig in den Westerkappelner Familienzentren zu Gast, wo er mit Eltern über Dinge wie das Trotzalter, Konzentrationsschwächen, Spielunruhe oder auch Ernährung spricht. „Viele Eltern klagen auch über Durchschlafprobleme ihrer Kinder. Das kann sehr anstrengend sein“, sagt der Leiter der Beratungsstelle.

Zu derlei Erziehungsfragen türmen sich zwar unzählige Erziehungsratgeber. „Den Leuten fehlt aber oft das Bauchgefühl“, weiß Sofia Pain. Und nicht selten fehlen auch die Menschen, mit denen sie über die Probleme sprechen könnten.

Beratungszentrum der Diakonie

Das Beratungszentrum der Diakonie befindet sich in Lengerich an der Stettiner Straße 25. Zuständig ist es für die Kommunen Westerkappeln, Lotte, Ladbergen, Lengerich, Lienen und Tecklenburg. Der Einzugsbereich der Familienhebammen und der „wellcome“-Engel reicht überdies bis nach Mettingen, Recke, Hörstel, Hopsten und Saerbeck. Gegebenenfalls findet die Beratung auch vor Ort bei den Betroffenen statt.

Alle Beratungsangebote sind kostenlos und unterliegen der absoluten Schweigepflicht. Auf Wunsch könne die Beratung im Schwangerschaftskonflikt auch völlig anonym stattfinden, betont Beraterin Sofia Pain.

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