Gisela Friede schreibt Praxis-Handbuch über Diagnostik in Familien und Kindeswohlgefährdung
„Keiner steht alleine da“

Westerkappeln/Tecklenburger Land -

Gisela Friede aus Westerkappeln hat zur Diagnostik in Familien mit Säuglingen und Kleinkindern und zur Kindeswohlgefährdung ein Praxis-Handbuch geschrieben. Wir sprachen mit der 53-Jährigen über ihre Motivation und die Inhalte des Leitfadens.

Dienstag, 24.02.2015, 07:02 Uhr

Ein Praxis-Handbuch in Stichworten hat Gisela Friede geschrieben. Fachleute können darin alles zur Diagnostik in Familien mit Säuglingen und Kleinkindern und zum Thema Kinderschutz nachschlagen
Ein Praxis-Handbuch in Stichworten hat Gisela Friede geschrieben. Fachleute können darin alles zur Diagnostik in Familien mit Säuglingen und Kleinkindern und zum Thema Kinderschutz nachschlagen Foto: Frank Klausmeyer

Frau Friede , wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben ?

Gisela Friede: Eigentlich war das gar nicht meine Idee, sondern die meines Chefs Friedrich Thoss . Ich habe viele Anfragen bekommen zur Fortbildung von Erzieherinnen und Familienhebammen. Und in unserem Familienhebammenprojekt, das wir hier anbieten, tauchte immer wieder die Frage auf, wie man mehr Sicherheit in der Diagnostik bei Säuglingen und Kleinkindern und beispielsweise in der Gefährdungseinschätzung bei Kindeswohlgefährdung gewinnen kann. Darauf habe ich reagiert, dazu Fortbildungen durchgeführt und irgendwann hatte ich so viel Material zusammen, dass mein Chef meinte, ich könne da ein Buch draus machen.

Als Bettlektüre ist das aber nicht gedacht ?

Friede: Nein, das ist ein Buch für Fachleute, die das Buch auch nicht von vorne bis hinten lesen müssen, sondern zu bestimmten Fragestellungen noch mal nachschlagen können, was sie beispielsweise in Familien beobachten können, um ein möglichst umfassendes Bild davon zu bekommen, welchen Hilfebedarf die Familien haben und – ganz wichtig – auch zu schauen, was machen die Familien gut. Oder aber, die Abläufe nachschauen können, z.B. Wie gehe ich vor bei häuslicher Gewalt? Dazu gibt es dann gleich Adressen und Telefonnummern.

Kann ich das Handbuch auch als Laie bekommen ?

Friede: Im Moment nicht. Die Bücher liegen zurzeit beim Kreis – Jugendamt. Das Buch wird kostenlos an Fachleute aus der Jugendhilfe und dem Gesundheitswesen versendet.

Wie hoch ist denn die Auflage ?

Friede: 700 sind gedruckt.

Man könnte ja denken, dass in Sachen Erziehung schon alles geschrieben wurde, was es zu schreiben gibt. Ein Praxishandbuch gab es bislang nicht ?

Friede: Ich kenne jedenfalls keines in Stichworten und auf den Kreis Steinfurt bezogen. Die Idee war, einen schnellen Überblick zu bekommen.

Nun stelle ich mir ja vor, dass Fachleute wie Erzieherinnen, Sozialpädagogen, Lehrer, Ärzte oder Richter auf ihren Gebieten doch alles wissen sollten. Läuft da was falsch ?

Friede: Nein, die sind sicher alle sehr gut qualifiziert, aber es gibt manchmal Sprachunterschiede. Wenn verschiedene Berufsgruppen zusammenarbeiten, dann schauen die aus einem unterschiedlichen Blickwinkel auf die Situation. Ich habe in dem Buch versucht, möglichst beide Seiten – die medizinisch-pflegerische und die aus der Jugendhilfe – zusammenzuführen, damit man eine gemeinsame Sprache und einen gemeinsamen Handlungsrahmen findet. Wenn ich als Koordinatorin im Familienhebammenteam bei einer Fallbesprechung zum Beispiel die Hebamme frage, wie die Interaktion zwischen Eltern und Kind läuft, dann möchte ich ganz konkrete Angaben haben, weil ich ja nicht direkt vor Ort bin. Die Familienhebammen müssen dann erst einmal wissen, welche Aspekte für mich wichtig sind. Genauso ist es umgekehrt. Und beide Sichtweisen sind gleich wichtig, um die Familie genauer verstehen zu können.

Welche Familien brauchen denn Unterstützung ?

Friede: Also, unsere Einrichtung berät Familien mit Kindern von 0 bis 21 Jahren bei allen Fragen rund um die Familie, Entwicklung und Erziehung. In meinem Bereich der frühen Hilfen für Kinder bis zu drei Jahren geht es hauptsächlich um sogenannte Schreibabys – zugegeben ein schreckliches Wort – es geht um Schlafstörungen, Fütter- und Essstörungen, Entwicklungsverzögerungen, Fragen, warum ein Kind nicht spielt. Manchmal geht es einfach um Erziehungsfragen, weil das Kind beispielsweise trotzt oder um Sauberkeitsentwicklung. Es gibt Familien, die erhalten Unterstützung durch eine Familienhebamme im ersten Lebensjahr des Kindes und es gibt Familien, die durch Ehrenamtliche entlastet werden können.

Sind Eltern heute verunsicherter als früher?

Friede: Das ist unterschiedlich. Einige Eltern kommen zu uns, weil sie einfache Fragestellungen haben. Andere sind sehr an der Grenze, zum Beispiel mit einem exzessiv schreienden Baby. Das kann Eltern ausgesprochen hilflos machen, weil sie es auch nicht schaffen, das Kind wieder zu beruhigen. Die Eltern waren dann häufig schon bei Ärzten oder Osteopaten. Die sind dann schon richtig verunsichert. Viele lesen auch sehr viel und hören nicht so sehr auf ihre Intuition.

Gisela Friede

Gisela Friede (53) arbeitet seit 14 Jahren in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Lengerich. Die gelernte Kinderkrankenschwester hat sich unter anderem weiterqualifiziert zur Diplom-Pflegepädagogin., Asthma- und Neurodermitistrainerin und Kinderschutzfachkraft. Zu Gisela Friedes Schwerpunkten gehören die sogenannten Frühen Hilfen für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern. Zum Einzugsbereich der Beratungsstelle in Lengerich gehört – bis auf die Stadt Ibbenbüren – das gesamte Tecklenburger Land.

...

Lesen verunsichert ?

Friede: Manchmal ist das so, weil in jedem Buch etwas anderes steht. Ich will natürlich nichts gegen das Lesen sagen. Es ist aber biologisch verankert, dass Eltern intuitive Kompetenzen haben, gut mit einem Kind umzugehen. So begrüßen zum Beispiel international alle Erwachsenen Babys auf die gleiche Art mit einem Ammengruß. Manchmal sind die intuitiven Kompetenzen aber auch gehemmt, zum Beispiel, kann das passieren, wenn Mütter nach der Geburt eine postnatale Depression haben. Dann kann es passieren, dass sie die Signale des Kindes nicht so gut wahrnehmen können.

Ist denn der Beratungsbedarf größer geworden als früher ?

Friede: Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube, es ist bekannter geworden, dass es Beratungsstellen gibt und die Schwelle ist niedriger geworden, die Angebote in Anspruch zu nehmen.

Werden mache Kinder nicht auch überbehütet ?

Friede: Es gibt sowohl das eine als auch das andere. Es gibt Kinder, die werden vernachlässigt, andere werden überbehütet und viele werden wunderbar aufgezogen. Da gibt es ein breites Spektrum. In der Erziehung ist nur schwer zu bewerten, was richtig und was falsch ist. In diesen Kategorien denken wir eher nicht.

Der erste Teil Ihres Buches befasst sich mit der Diagnostik bei Säuglingen und Kleinkindern. Es gibt doch die U-Untersuchungen. Reicht das nicht ?

Friede: Das ist die medizinische Seite. Die Seite, die wir auch meinen, ist zum Beispiel die Frage, wie eine Familie miteinander umgeht. Gibt es Probleme, brauchen die Eltern vielleicht Unterstützung  und wenn ja welche ? Mit dem Leitfaden können Fachleute noch einmal nachschauen, was man alles beobachten, fragen oder bedenken kann. Bei der Diagnostik geht es darum, ein Gesamtbild von einer Familie zu bekommen. Man kann dann sehen, an welchen Stellen läuft es schon prima und an welchen Stellen können die Eltern noch etwas verändern. Da gibt es Überschneidungen zwischen Gesundheitswesen und Jugendhilfe und beide Seiten können voneinander profitieren, wenn sie die Sichtweise des anderen Bereiches kennen.

Wenn mein zweijähriges Kind noch gar nicht in den Kindergarten geht, stehen Vater, Mutter doch alleine da.

Friede: Nein. Alle Familien haben das Recht, sich beraten zu lassen. Keiner steht alleine da.

Was ist mit älteren Kindern ? Gibt es da nichts mehr zu diagnostizieren ?

Friede: Doch, das gibt´s auch. Den Großteil des Diagnostikteils kann man auch für ältere Kinder anwenden. Ich habe nur den Entwicklungsteil, der beschreibt, was ein Kind wann können sollte, in einem Kapitel auf die ersten drei Lebensjahre beschränkt. Das andere ist übertragbar auf andere Altersstufen.

Im zweiten Teil Ihres Buches geht es um Kinderschutz und Kindeswohlgefährdung. Wie definiert man das, wo fängt das an ?

Friede: Das ist ein sehr komplexes Thema. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass Kindeswohlgefährdung da beginnt, wo ein Kind sich durch die familiären Bedingungen nicht richtig entwickeln kann und Schaden nehmen würde, wenn alles so bleibt. Es gibt aber ganz bestimmte Indikatoren, die wir uns im Zweifel ganz genau anschauen müssen.

Wie hilft der Leitfaden Fachleuten wie Erzieherinnen oder Jugendamtsmitarbeitern, das zu erkennen ?

Friede: Ich habe versucht darzustellen, wie eine Gefährdungseinschätzung strukturiert ablaufen kann und dabei alle Aspekte beachtet werden. In den allermeisten Familien, die die Fachleute sehen, geht es gar nicht um Kindeswohlgefährdung. Aber Fachleute in Kindergärten oder Beratungsstellen müssen im Prinzip wissen, wenn es Verdachtsmomente gibt, wie sie darauf reagieren können und was sie beobachten müssen. Es geht aber in erster Linie darum zu sehen, was das Kind braucht, was seine Eltern brauchen und welche Unterstützungsmaßnahmen es gibt, damit beide Seiten besser miteinander klar kommen. Das Buch soll dabei helfen.

Die Einschaltung des Jugendamtes empfinden viele als rote Line.

Friede: Es geht in den allermeisten Fällen nicht darum, Kinder aus Familien zu nehmen. Das ist auch gar nicht die Intention des Jugendamtes. Aber das Jugendamt hat viele Hilfeangebote. Allerdings ist eine Inobhutnahme in einigen Fällen notwendig zum Schutz des Kindes. Das Bild vom Jugendamt, vor dem man Angst haben muss, ist ein falsches.

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