26-jähriger Syrer vom Landgericht freigesprochen
Messerstiche waren Notwehr

Burgsteinfurt/Münster -

Der Stich hätte tödliche Folgen haben können. Wäre das Schälmesser mit Plastikgriff und elf Zentimeter langer Klinge nur wenig tiefer in den Oberkörper eingedrungen, es hätte das Herz getroffen.

Dienstag, 28.05.2019, 09:18 Uhr
Bushaltestelle auf der Ochtruper Straße in Höhe Einmündung Goldstraße: Hier nahm das Unglück seinen Lauf, das in einer Messerstecherei vor der Wohnungstür des Angeklagten mündete.. Foto: Ralph Schippers

Die drei flüchtigen Bekannten, die da morgens gegen 1.40 Uhr vor der Wohnung standen und „nicht gerade höflich anklopften“, wie es der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung formulierte, sondern wild hämmerten, traten und dabei Sprüche der unfeinsten Art schrien, hatten den Syrer zuvor an der Bushaltestelle gegenüber der Goldstraße „richtig durchgelassen“ – Originalton des Richters. Und das nicht nur mit Fäusten, sondern mit Möbelbrettern, in denen zum Teil noch die Nägel und Schrauben steckten.

Und an der Wohnungstür in dem Mehrfamilienhaus an der Ochtruper Straße gab es Minuten später weitere Schläge mit den Latten und auch ein Pflasterstein soll in die Wohnung geflogen sein. Den stellte die Polizei später sicher.

Das Unglück hatte Stunden vorher seinen Lauf genommen. Die Freunde, erst waren es vier, später nur noch drei, feierten im Nachbarhaus mit einer Flasche Wodka, gingen dann an die frische Luft, um zu rauchen, wie sie im Zeugenstand sagten. Dass muss dann aber ein bisschen lauter ausgefallen sein als ein übliches Zigarettenpäuschen. Innerhalb weniger Minuten gingen drei Anrufe aus der Nachbarschaft bei der Polizei ein. Demnach müssen die Wodka-Freunde versucht haben, das Buswartehäuschen mit den besagten Latten auseinanderzunehmen.

Zeitgleich hatten sich ein 18-jähriger Freund des Syrers und eine zwei Jahre jüngere Freundin überlegt, an der Ochtruper Straße mal guten Abend zu sagen. Als sie die Randale hörten, riefen sie ihren Bekannten an, ob er wisse, was da los sei. Wusste er nicht, er schaute nach und bekam, so die Überzeugung des Gerichts, ohne Vorankündigung die erste Tracht Prügel. Die drei Schläger, Afghanen im Alter zwischen 18 und 22 Jahren, beschuldigten im Zeugenstand hingegen den Syrer, er habe sofort aggressiv reagiert.

Minuten später verlagerte sich das Geschehen vor die Wohnungstür des Angeklagte, wo es dann zu den Messerstichen kam. Die Polizei, von der Bekannten des 26-Jährigen verständigt, setzte der lautstarken Auseinandersetzung ein Ende.

Für das Gericht stand nach der Beratung fest: Der Angeklagte hat in Notwehr gehandelt und ist deswegen freizusprechen. Und für die Zeit, die er in Untersuchungshaft gesessen hat, muss er entschädigt werden. „In einer Notwehrlage darf der Betroffene zu Mitteln greifen, die den Angriff sofort beenden“, erläuterte der Vorsitzende. Darum habe der Beschuldigte das Messer aus der Küche nehmen dürfen. „Er hatte drei Männer gegen sich und damit einen sehr schweren Stand“, so der Richter. „Panische Angst, ja Todesangst“ seien die Folge gewesen. Das hatte dem 26-Jährigen zuvor auch ein Psychologe attestiert: „Das war eine emotional sehr aufreibende Situation in der Wohnung.“

So weit wollte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer übrigens nicht gehen. Subjektiv sei der Mann in einer Notlage gewesen, objektiv allerdings nicht. Der Angeklagte habe sich hinter der Wohnungstür verstecken können. Damit habe er nicht gerechtfertigt gehandelt und eine fahrlässige Körperverletzung begangen. Forderung der Anklage: Sechs Monate Haft ohne Bewährung.

Die drei Afghanen, die am Montag als Zeugen aussagten, werden sich wegen des Vorfalls übrigens noch verantworten müssen. Anklage ist erhoben.

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