Alfred Voges ist an der Spinnereistraße groß geworden
Immer im Blick – die Fabrik

Borghorst -

30 Jahre, wenn nicht sogar noch länger, ist Alfred Voges nicht mehr dagewesen. Am Sonntag musste er nochmal hin. Bevor die Abbruchbagger da waren. Es war ein Spaziergang durch die eigene Kindheit. Spinnereistraße Hausnummer 5: Vater Hubert musste nur quer über die Straße, um seine Schichten als Maschinenführer bei Gebrüder Kock anzutreten. Klein-Alfred marschierte früh morgens in die andere Richtung.

Mittwoch, 21.03.2018, 19:03 Uhr

Alfred Voges hat an der Spinnereistraße 5 laufen gelernt. Der Kommunalpolitiker kann sich noch an Vieles aus den ersten Lebensjahren erinnern. Sein Vater war Anfang der 60er Jahre Maschinenführer bei Gebrüder Kock. Foto: Axel Roll

Über die Bundesstraße zum Kindergarten St. Theresia. Mutter Aleida kümmerte sich um den Haushalt und die beiden kleineren Brüder Andreas und Norbert. Und nachmittags ging es raus auf die Straße vor dem großen Werkstor zum Spielen. „Das war das klassische Arbeitermilieu, so wie im Kohlenpott in den Bergarbeitersiedlungen“, erinnert sich der 52-jährige Borghorster heute. Sechs Jahre hat er mit seiner Familie in der Werkssiedlung von Gebrüder Kock gewohnt. „1971 haben wir unser eigenes Haus an der Elisabethstraße bezogen“, erzählt Alfred Voges.

Dass die 90 Jahre alte Siedlung in diesen Tagen abgerissen wird, um Platz für drei Neubauten zu machen, ist für ihn zwar traurig. Als Kommunalpolitiker und Vorsitzender der SPD-Fraktion weiß er aber auch: „Das ist der Lauf der Zeit, Strukturwandel.“

Vielleicht, so räumt er ein, „hätte sich die Kommunalpolitik eher um die Relikte der Hochzeit der Textilindustrie in Borghorst kümmern können“. Schließlich wurde die Siedlung an der Spinnereistraße 2003 als erhaltenswert eingestuft. Jetzt, das sieht Voges ein, war es deutlich zu spät, für die alten Häuser eine neue Verwendung zu finden.

An Vieles kann sich der Borghorster natürlich nicht mehr erinnern. Aber dass er mit seinen beiden Brüdern in einem Zimmer schlafen musste, die Briketts für den Kohleofen draußen im Schuppen lagerten, wo anfänglich auch noch das Plumpsklo war, und im Garten Gemüse und Kartoffeln angebaut wurden, das hat der 52-Jährige nicht vergessen. Dabei immer im Blick: die Fabrik. Familie Voges konnte sogar hinter die Mauern gucken. Die Zwei-Zimmer-Wohnung war im Obergeschoss.

Nachmittags, wenn es mit den Nachbarskindern zum Spielen auf die Straße ging, war der Pförtner von Gebrüder Kock in seinem weißen Häuschen oft gefordert. Al­fred Voges: „Natürlich wollten wir aufs Fabrikgelände. Er hat uns aber nie draufgelassen.“ Rollerfahren war eine beliebte Abwechslung. „Schließlich war die Straße schon schön geteert.“ Oder Fußballspielen. „Ich hatte einen eigenen Ball“, kann sich Voges noch erinnern.

Er weiß, dass die Spinnereistraße damals wie bis vor dem Abriss nicht die beste Wohngegend in Borghorst war. Trotzdem ist Alfred Voges stolz. „In so einem ganz speziellen Milieu gelebt zu haben, das kann nicht jeder von sich sagen.“

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