Serie „Angepackt“
Entschleunigung mal anders

Burgsteinfurt -

Brote schmieren, Spaziergänge und Zeitungsrunde – alles Aufgaben der Mitarbeiter bei der Tagespflege Mobilé. Und damit für einen Tag auch von Redaktionsmitglied Vera Szybalski, die einen Blick hinter die Kulissen wirft und mit anpackt.

Montag, 28.08.2017, 16:08 Uhr

Mit der Zeitung in der Hand ist Redaktionsmitglied Vera Szybalski in ihrem Element. Anders als beim anschließenden Singen, bei dem hoffentlich niemand so genau auf die richtigen Töne geachtet hat.
Mit der Zeitung in der Hand ist Redaktionsmitglied Vera Szybalski in ihrem Element. Anders als beim anschließenden Singen, bei dem hoffentlich niemand so genau auf die richtigen Töne geachtet hat. Foto: Axel Roll

Als ausgewiesene Berglandschaft ist Burgsteinfurt nicht gerade bekannt. Und zugegeben, es ist eher ein kleiner Hügel, den wir da hinaufgehen. Normalerweise hätte ich die leichte Steigung vermutlich nicht mal registriert, nun schiebe ich aber einen Rollstuhl vor mir her. Eine meiner Aufgaben als Kurzzeit-Aushilfe in der Tagespflege Mobilé.

Mit Rollstuhl ist nicht nur mehr Vorsicht gefragt, sondern es ist auch anstrengender als ein Gang alleine. Während der kleine Hügel nur für ein paar Sekunden unsere Anstrengung verlangt, erzählt mir Ina Jasper, dass es bei langen Strecken auch anders geht: „Nach einem Spaziergang war ich klitschnass.“

Ina – in der Tagespflege sind alle Mitarbeiter per Du – ist seit Anfang August als Schülerin der Jahrgangsstufe elf der Fachoberschule in der Tagespflege tätig und erklärt mir, was neben ausgiebigen Spaziergängen noch zu den Aufgaben zählt: Essen zubereiten und anreichen, die Zeitungsrunde, Gesangsrunde oder Spiele. Auch der Tisch wird gedeckt, die Spülmaschine eingeräumt oder Gästen beim Anziehen geholfen. Ina übernimmt auch pflegerische Tätigkeiten, etwa beim Toilettengang.

Der Begriff „Tagespflege“ ist dennoch nicht so glücklich gewählt, wie Tim Scheipers , Geschäftsführer des Vereins Mobilé, erklärt: „Man könnte es eher Tagesbetreuung nennen.“ Genau da packe ich mit an. Die Tage sind durchstrukturiert. Frühstück gibt es ziemlich exakt von 9 bis 10 Uhr. Für mich heißt das nach meinem Dienstbeginn am Morgen erstmal: Brote schmieren, Brötchen anreichen und ab und zu nachschauen, ob jeder noch genügend Kaffee in seiner Tasse hat.

Es ist eine Zeit der Ruhe. Gespräche sind kaum zu vernehmen, abgesehen von einem kurzen Austausch von Ina und ihren Kollegen Annegret Sowa und Robin Außendorf. Die Arbeit in der Tagespflege bedeutet für mich: Entschleunigung mal anders. Es gibt keine Ablenkung, während ich neben den beiden Gästen, die mir Annegret, Krankenschwester und eine von drei hauptamtlichen Betreuungs- und Pflegekräften, zugeteilt hat, beim Frühstück sitze.

Kurz vor 10 Uhr wird es umtriebiger. Die Tische werden abgedeckt, das Geschirr in die Spülmaschine geräumt, die Gäste werden zu Plätzen im Wintergarten begleitet, ich bereite ihre Getränke vor. Als Adelheid Beckwilm, eine der Betreuungskräfte, kommt und mir ihre Aufgabe, die Zeitungsrunde zu leiten, überlasst, bin ich voll in meinem Element.

Was sich ändert, als Annegret den nächsten Programmpunkt ankündigt: gemeinsames Singen. Mit meinen schiefen Tönen kann ich wahrlich keinen überzeugen, meinen 99-jährigen Sitznachbarn scheint das aber nicht zu stören. Stattdessen scherzt er bei „Hoch auf dem gelben Wagen“ mit mir herum. Die Kraft der Musik bemerke ich bei einer anderen Besucherin, die beim Frühstück noch still neben mir saß und regelrecht aufblüht während der Lieder, mitschunkelt und mit den Füßen wippt.

Zwölf Gäste hat die Tagespflege pro Tag. „Überwiegend Menschen, die sonst Zuhause einsam wären“, sagt Scheipers. „Die pflegenden Angehörigen werden so entlastet.“ Der Gesundheitszustand der Besucher variiert, hauptsächlich haben sie demenzielle Erkrankungen, andere sind körperlich eingeschränkt.

Auf die Wünsche der Gäste wird in der Tagespflege nach Möglichkeit eingegangen. Einem ehemaligen Maurer etwa werden häufig die Neubaugebiete gezeigt. Andere backen Kuchen oder absolvieren eine Sportrunde. Auch Ruhepausen und Ausflüge stehen auf dem Programm. Die Spaziergänge führen gerne durch den nahe gelegenen Kreislehrgarten oder das Bagno. Adelheid, Ina, Robin und ich gehen mit den Gästen nur eine kleine Runde durchs Viertel. Spaziergänge mache ich selten, es muss immer schneller gehen, mit Fahrrad, Bahn oder Auto. Der kurze Gang – für mich wieder so ein Moment der Entschleunigung.

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