Ralf Bröker hat sich dem japanischen Haiku verschrieben
Die kürzesten Gedichte der Welt

Ochtrup -

Ralf Bröker hat sich dem Haiku verschrieben, einer traditionellen japanischen Gedichtform. Der Ochtruper, als Journalist auch beruflich der schreibenden Zunft zugehörig, hat jetzt ein Buch mit eigenen Kurzversen veröffentlicht.

Mittwoch, 23.03.2016, 12:03 Uhr

„Kreischen der Kreide“ ist die Haiku-Sammlung aus der Feder von Ralf Bröker überschrieben. Seine kurzen Gedichte nach japanischer Tradition schreibt der Ochtruper am liebsten auf schwarzen Seiten nieder.
„Kreischen der Kreide“ ist die Haiku-Sammlung aus der Feder von Ralf Bröker überschrieben. Seine kurzen Gedichte nach japanischer Tradition schreibt der Ochtruper am liebsten auf schwarzen Seiten nieder. Foto: Martin Fahlbusch

Wenn Ralf Bröker zuhört, dann hört er zu. Aufmerksam, zugewandt, konzentriert. Der Journalist, der mit seiner Familie schon länger wieder in seiner Heimatstadt Ochtrup lebt, hat sich dem Haiku verschrieben.

Was bringt einen Westfalen zu der traditionellen japanischen Gedichtform , die sich durch ein wiederkehrendes Lautmaß, Kürze und Offenheit auszeichnet? „Ich gehöre ja immer noch irgendwie der schreibenden Zunft an und unser Schreiben ist ja eher etwas Kurzlebiges. Wesentliche Merkmale dieser oft als ,kürzeste Gedichtform der Welt‘ bezeichnete Schreibart sind Konkretheit und der Bezug zur Gegenwart“, sagt Bröker im Gespräch an seinem Wohnzimmertisch.

Diese Möglichkeit der schriftlichen Äußerung ist im Japanischen zumeist an eine bestimmte Form gebunden – traditionell in drei Wortgruppen von fünf, sieben und fünf Lauteinheiten, die in einer Art Dreiervers angeordnet sind. Aber dieses Schema habe sich nicht zuletzt durch seine weltweite Verbreitung und durch die Beschäftigung vieler Nationalitäten damit entwickelt und verändere sich weiter, immer irgendwie an den asiatischen Wurzeln orientiert. „Aber dieses Traditionelle kann man nicht einfach nachahmen. Eine schlichte Übertragung funktioniert nicht, weil andere Sprachen und Kulturen nicht die gleichen Möglichkeiten haben. Da ist man dann selbst gefordert“, gibt Bröker zu bedenken. Aber eben genau das habe ihn besonders gereizt und interessiert. Man müsse Wirklichkeit und sich daraus ergebende Bezüge aufnehmen, die eigene Beobachtungsgabe schärfen – und man sei herausgefordert, das knapp und unverschlüsselt in Worte zu fassen.

„Mich hat schon früher bei den üblichen Gedichtinterpretationen diese Standardfrage ,Was will uns der Dichter damit sagen?‘ genervt“, bekennt der Journalist, der heute beim Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverband in der Öffentlichkeitsabteilung tätig ist. „Haikus benötigen sozusagen nicht nur den Sender, sondern brauchen ganz wesentlich auch den Empfänger, der diese offen formulierte Einladung annimmt und für sich verarbeitet und entwickelt“, stellt er heraus. Der Schreiber sei für die eine Hälfte des Haikus „zuständig“, der Leser oder Hörer demnach für die andere.

Auch in Deutschland wachse die Haiku-Gemeinde ständig, die sozialen Medien befördern das. Aber es gibt auch eine Deutsche Haiku-Gesellschaft, die sich nicht zuletzt zu einer Jubiläumsveranstaltung in Ochtrup getroffen hat. Viele internationale Kontakte sind geknüpft und der Austausch über Texte, Ansichten, und Formentwicklungen ist rege. Mittendrin ist Bröker, der nun einige seiner Texte in einem kleinen Band zusammengestellt hat. Konsequent zweisprachlich. „Kreischen der Kreide – The Screech of Chalk“, so lautet der Titel des Buches, das bei Red Moon Press verlegt wurde.

Über seine Beschäftigung mit Haiku – über die künstlerische Auseinandersetzung mit dieser Art, Gegenwart, Erlebtes und Verarbeitetes niederzuschreiben – sei er wesentlich achtsamer geworden, betont Bröker. Für andere, aber auch mit sich.

Immer noch benutzt er ein Buch, das aussieht wie ein Fotoalbum, mit schwarzen Seiten und strukturierten Zwischenblättern. Da kann er mit einem Kreidestift seine Haikus niederschreiben, nachlesen, nachhören – und mitunter wieder auswischen. „Insofern ist Haiku ein Prozess. Etwas, das im Fluss ist. Von mir aus vielleicht auch Kunst, aber das müssen eben auch die anderen beurteilen.“

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