Pflegereform 2017
„Es ist ein Paradigmenwechsel“

Nordwalde -

Die neue Pflegereform bringt viele Änderungen mit sich – vor allem für die Betroffenen. Was sich für die Pflegeeinrichtungen ändert, erklärt Frank Lünschen, Geschäftsführer des St.-Augustinus-Altenzentrums im WN-Interview

Freitag, 06.01.2017, 18:01 Uhr

Frank Lünschen, Geschäftsführer des St.-Augustinus-Altenzentrums, erklärt, dass die Nordwalder Bewohner von den alten Pflegestufen in die neuen Pflegegrade großzügig übergeleitet wurden. 60 Prozent von ihnen sind im Pflegegrad 4 oder 5 eingestuft.
Frank Lünschen, Geschäftsführer des St.-Augustinus-Altenzentrums, erklärt, dass die Nordwalder Bewohner von den alten Pflegestufen in die neuen Pflegegrade großzügig übergeleitet wurden. 60 Prozent von ihnen sind im Pflegegrad 4 oder 5 eingestuft. Foto: Pjer Biederstädt

Die neue Pflegereform bringt viele Änderungen mit sich – vor allem für die Betroffenen. Was sich für die Pflegeeinrichtungen ändert, erklärt Frank Lünschen , Geschäftsführer des St.-Augustinus-Altenzentrums im WN-Interview mit Pjer Biederstädt.

Wie beurteilen Sie die zum Jahresbeginn in Kraft getretene Pflegereform?

Frank Lünschen: Grundsätzlich positiv, weil sie den Fokus auf die Hilfsbedürftigkeit und den Grad der Selbstständigkeit legt. Menschen mit Demenz und kognitiven Beeinträchtigungen werden stärker berücksichtigt. Generell muss man sagen, dass das Pflegerisiko ein sehr individuelles ist, so dass jede Kategorisierung – ob nun früher in drei Pflegestufen, oder jetzt in fünf Pflegegraden – schwer fällt. Die Reform muss der Versuch sein, der Realität möglichst nahe zu kommen. Ob sich das neue Modell in Zukunft bewährt, muss man erst noch abwarten.

Was ändert sich?

Lünschen: Es hat für die Betroffenen deutliche Leistungsausweitungen gegeben. Fünf Milliarden Euro sollen in 2017 mehr für die Pflege ausgeschüttet werden, refinanziert durch höhere Pflegeversicherungsbeiträge. Das sind Größenordnungen, die deutliche Veränderungen bedeuten.

Welche sind das für das Altenzentrum St. Augustinus ?

Lünschen: Auch für uns ist das ein Paradigmenwechsel. Wir mussten die Verträge mit unseren stationären, ambulanten und teilstationären Klienten anpassen und die gesamte Verwaltung inklusive der EDV darauf ausrichten. Wir haben innerhalb einer Woche 8000 Seiten Papier an Bewohner und Angehörige als Informationsmaterial verschickt. Es war ein deutlicher Mehraufwand für die Verwaltung. Aber wir werden gut von unserem Verband unterstützt. Zeitgleich haben wir 20 Mitarbeiter aus dem Bereich der Pflege geschult, um sie mit den neuen NBA ´s (Neues Begutachtungs-Assessment) theoretisch vertraut zu machen.

Was ist noch neu?

Lünschen: Die Finanzierung der Pflege hat sich komplett geändert. Vorher gab es für die Bewohner der stationären Einrichtung eine tagesgenaue Abrechnung, jetzt werden unabhängig von der Anzahl der Tage im Monat immer die identisch gleichen Heimpflegekosten berechnet. Ausnahme hiervon ist der Ein- und Auszugmonat der Bewohner.

Ist das für Ihre Einrichtung von Nachteil?

Lünschen: Nein, das ist erstmal nicht nachteilig, weil es zunächst budgetneutral umgerechnet worden ist. Das heißt, dass wir die Erlöse, die wir vorher gehabt haben, auch zukünftig haben werden. Die größte Veränderung ist, dass die Bewohner einer stationären Einrichtung unabhängig vom Pflegegrad einheitliche Beiträge zahlen. Vorher war es so: Je höher die Pflegestufe, desto höher der Eigenanteil.

Wem hilft das?

Lünschen: Im alten Modell haben die höheren Pflegestufen die niedrigeren mitfinanziert, jetzt ist es umgekehrt. Das politische Ziel war ja, dass alle den gleichen Betrag als Eigenanteil an der Pflege bezahlen. In einem niedrigen Pflegegrad ist weniger Aufwand erforderlich als in einem hohen, aber bezahlt wird für beide das Gleiche. Also tragen die unteren Grade die oberen mit.

Infos zur Pflegereform 2017

Das Zweite Pflegestärkungsgesetz (PSG II) gilt als grundlegender Systemwechsel in der Pflege. Es soll die Grundlage für mehr Individualität in der Pflege schaffen. Herzstück ist die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und des neuen Begutachtungsinstruments. Menschen mit geistigen und psychischen Problemen werden stärker berücksichtigt. Damit werden vor allem Demenzkranke – Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz - besser gestellt als bisher. Außerdem wird die ambulante Pflege gestärkt. An die Stelle der bisherigen drei Pflegestufen treten fünf Pflegegrade. Mehr Menschen als bislang werden Leistungen der Pflegeversicherung beziehen. Wer bereits eine Pflegestufe hat, bekommt weiter die gewohnte Pflege oder sogar eine umfangreichere. Zur Finanzierung der Reform steigt der Beitragssatz der Pflegeversicherung zum 1. Januar um 0,2 Prozentpunkte auf 2,55 Prozent bzw. 2,8 Prozent für Kinderlose. Es entstehen bei der Pflegeversicherung Mehrausgaben von 3,7 Milliarden Euro im Jahr 2017 und etwa 2,5 Milliarden Euro in den Folgejahren. In Deutschland sind über 2,7 Millionen Menschen auf Pflege angewiesen.

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Außerdem werden die öffentlichen Haushalte entlastet.

Lünschen: Richtig. Es gab zuletzt deutliche Zuwächse im SBG XII Bereich, also dort, wo das Sozialamt Pflegekosten übernimmt, die aus eigenen Mitteln nicht gedeckt werden können. Durch die Anhebung der Pauschalen werden die Kommunen entlastet. Allein in unserem stationären Bereich in Nordwalde sind es ungefähr 40 bis 50 Prozent der Bewohner, die über öffentliche Hilfen finanziert werden.

Gibt es weitere Auswirkungen für Ihre Einrichtung?

Lünschen: Das Pflegestärkungsgesetz II rückt die ambulante Versorgung deutlich in den Vordergrund. Die Pflege zu Hause wird finanziell gestärkt. Das wird dazu führen, dass Bewohner auch erst dann in die Einrichtungen kommen, wenn der Pflegegrad relativ hoch ist. Für den stationären Bereich soll zusätzliches Personal finanziert werden. Wir müssen aber schauen, ob die Erlöse nach dem neuen Modell in Zukunft ausreichend sind, um das Personal zu finanzieren. Es ist nicht gelungen mit dem Gesetz auch ein Personalbemessungsverfahren zu installieren. Das ist die große Krux.

Das heißt, es droht die Gefahr, dass es zu Lasten der Pflegequalität geht?

Lünschen: Ja, das kann man so sagen. Das wird eine der wichtigen Aufgaben des Hauses sein, dies im Blick zu behalten.

Ist die Reform aus Ihrer Sicht ein Schritt in die richtige Richtung?

Lünschen: Es ist ein erster Schritt, wenn man sich die demografischen Vorausberechnungen ansieht. Es kann aber nur der Einstieg sein. Denn spannend ist auch die Frage: Wer leistet denn die Pflegearbeit für immer mehr Pflegebedürftige? Wir haben ja heute schon einen Fachkräftemangel.

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