Bürenerin berichtet: Therapieplatz erst nach zehn Monaten
Wenn die Seele Hilfe braucht

Lotte-Büren -

Man sieht es ihr nicht gleich an, aber Silvia Schmidt aus Büren ist zu 90 Prozent schwer behindert und bezieht seit 2017 eine Erwerbsminderungsrente. Sie leidet an Knochenerkrankungen und chronischen Schmerzen, die nur mit starken Betäubungsmitteln in Schach zu halten sind, und entwickelte in der Folge eine Depression. Und die führte zu einer wahren Odyssee auf der Suche nach einer ambulanten Psychotherapie. Zehn Monate musste sie darauf warten.

Freitag, 02.08.2019, 16:00 Uhr
Psychotherapie-Praxen sind oft überlaufen. Hessische Hausärzte erproben neue Wege, um Menschen mit Depressionen und Angststörungen zu helfen. Dort startete zum Halbjahr ein Pilotprojekt zur Online-Therapie. Die Frankfurter Praxis, in der Daniela Wölk (links) beschäftigt ist, gehört zu den ersten Projektteilnehmern. Foto: dpa

Begonnen habe ihr Leidensweg 2014 mit Schmerzen und Bewegungsstörungen in der linken Hand. Wie sich herausstellte, handelte es sich um Morbus Preiser, eine Knochenerkrankung unbekannter Ursache, die zum Absterben bestimmter Knochenbereiche führt. „Im Klinikum haben sie mir Kahnbein, Mondbein und Dreiecksbein entfernt und dann war erstmal gut“, erzählt Silvia Schmidt und zeigt die Narben.

2017 habe sie plötzlich stechende Schmerzen im Knie bekommen. Wiederum im Klinikum Osnabrück sei daraufhin Morbus Ahlbäck, ebenfalls eine Knochennekrose, ausgelöst durch Durchblutungsstörungen im Knochengewebe, diagnostiziert worden. Die Ursache? „Das konnte mir keiner sagen“, berichtet die Bürenerin, die auch in den Uni-Kliniken in Hamburg und Münster Rat suchte, „weil sie mir im Klinikum nicht helfen konnten“.

Doch auch dort habe sie nur Schmerzmittel verschrieben und gesagt bekommen, dass sie das so lange aushalten müsse, „bis es durchbricht“. Erst bei ausgeprägter Knochenveränderung könne man operieren. „Ich habe acht Monate im Rollstuhl gesessen und einen Treppenlift eingebaut. Neun Monate war ich krank geschrieben“, sagt die inzwischen 50-Jährige. Zum Glück habe ihr Arbeitgeber, ein mittelständisches Unternehmen im Lebensmittelbereich, sie „wirklich total unterstützt“.

Doch die Medikamente hatten so massive Nebenwirkungen, dass sie die abgesetzt habe. „Und dann ging das los mit der Depression: Ich hatte keinen Antrieb mehr, wurde immer trauriger, habe mich immer mehr zurückgezogen“, erzählt sie. In der Paracelsus-Klinik habe sie 14 Tage Sport-, Gruppen- und Einzeltherapie in der Schmerzambulanz gehabt und von der Klinik auch eine Liste mit Psychotherapeuten bekommen. Nach der Entlassung sei sie dann von August 2017 bis September 2018 auf der Suche nach einem Therapeuten mit einem freien Behandlungsplatz in Osnabrück gewesen. Zwischenzeitlich sei sie im März 2018 auch noch im rechten Handgelenk an Morbus Preiser erkrankt und operiert worden.

Für eine Terminvermittlung zur Akutbehandlung oder einer zeitnah erforderlichen probatorischen Sitzung ist nach dem im Mai 2019 in Kraft getretenen Terminservice- und Versorgungsgesetz Voraussetzung, dass die Patienten eine Psychotherapeutische Sprechstunde aufgesucht haben, und dass ein Therapeut im Befundbericht eine Empfehlung für eine Akutbehandlung oder eine zeitnah erforderliche probatorische Sitzung ausgesprochen hat. Wer einen Therapieplatz sucht, kann sich seit April 2017 an die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigung wenden.

„Da haben sie mir die gleiche Liste gegeben, die ich schon hatte“, sagt Schmidt über die Terminvergabestelle in Dortmund. Sie habe mindestens 40 Anfragen gestellt, aber immer nur einen Termin für ein Erstgespräch bekommen. Für weitere Sitzungen oder gar die Behandlung hätte die Therapeuten gar keine Kapazitäten mehr gehabt: „Die sind ja alle ausgebucht.“

Einen richtigen psychischen Zusammenbruch habe sie dann im Januar dieses Jahres gehabt, als „ich meinen Spind in der Firma geräumt habe und mir klar wurde, dass ich nicht mehr arbeiten kann“, sagt sie. Dass manche Bürener ihr unterstellten, eine Simulantin zu sein und nur keine Lust zum Arbeiten zu haben, verletze sie sehr: „Ich habe mein ganzen Leben immer gearbeitet!“

Mit viel Glück habe sie dann im Frühjahr einen stationären Therapieplatz in der psychosomatischen Klinik des Universitätsklinikums Münster ergattert: „Keiner wollte über Ostern da hin. Da habe ich dann die Feiertage verbracht“, erzählt Silvia Schmidt. In den zwölf Wochen dort habe sie sich stabilisiert und gelernt, besser mit ihrer Krankheit umzugehen: „Ich kann jetzt nachts durchschlafen“, berichtet sie – und dass sie schon 15 Kilo abgenommen habe, was die Knochen entlaste.

Allerdings: Ohne starke Schmerzmittel gehe es trotzdem nicht. Diclofenac oder Ibuprofen helfe da nicht mehr: „Das sind richtige Betäubungsmittel“, sagt die Bürenerin über die vom Neurologen verordneten Medikamente. Im linken Knie haben die Ärzte nach ihren Worten jetzt eine zwei Millimeter breite Fraktur und schon angegriffene Knorpelmasse festgestellt, weshalb sie in vier Monaten operiert wird und eine neues Kniegelenk bekommt: „So lange muss ich das noch aushalten.“

Da psychische Erkrankungen immer noch vielen Menschen Angst machen und die Patienten oft stigmatisiert werden, möchte Silvia Schmidt sich nicht fotografieren lassen.

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